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StartseiteDeutschland heuteLernen von der kurdischen Gleichberechtigung20.06.2019

Deutsch-kurdische StädtepartnerschaftLernen von der kurdischen Gleichberechtigung

Berlin-Kreuzberg schließt mit der syrischen Stadt Derik eine Partnerschaft. Das ist diplomatisch heikel, denn das Gebiet der Kurden ist international nicht anerkannt. Die Berliner Lokalpolitik will damit ein Zeichen setzen - denn in der Geschlechter-Gleichberechtigung sind die Kurden viel weiter.

Von Manfred Götzke

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Stadtansicht mit Häusern im Rohbau (Ekrem Heydo)
Derik in Nordsyrien: Die Region in Nordsyrien ist weiterhin sehr unsicher. (Ekrem Heydo)
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"Dann heiße ich sie sehr herzlich willkommen in Kreuzberg in der Schokoladenfabrik."

Bei Keksen und kaltem Wasser sitzen die beiden Bürgermeister von Derik im Frauenzentrum Schokofabrik in Berlin-Kreuzberg. Anke Petersen erzählt den beiden Kurden aus dem Norden Syriens von der Arbeit des Zentrums:

"Das Frauenzentrum gibt es seit 1981 und es basiert auf der Frauenbewegung und der Besetzerbewegung."

Die beiden Ko-Bürgermeister Rojîn Çeto und Feremez Hemo machen sich eifrig Notizen. Nach einer knappen Stunde ergreift Bürgermeisterin Çeto das Wort und berichtet vom Leben in ihrer Heimatregion:

"Bevor wir autonome Region waren, hatten wir Frauen gar kein Stimmrecht, in den Institutionen nichts zu sagen. Das ist jetzt völlig anders. Jetzt haben wir überall unseren Platz. Wir haben in jedem Ort Räte der Frauen. Wir sorgen für die Verteidigung der Region und organisieren uns autonom."

Frauen arbeiten für Frauen, helfen einander und sind auch überall die Chefinnen. Was in Deutschland in dieser Reinform eigentlich nur in Frauenzentren wie hier in Kreuzberg funktioniert – in der autonomen Kurdenregion Rojava in Nordsyrien ist es fast überall Realität.

Im Kurdengebiet sind die Frauen an der Macht

Die Kurden haben dort eine Gesellschaft frei von patriarchalen Strukturen geschaffen, erzählt Co-Bürgermeisterin Rojîn Çeto:

"In unseren neuen, autonomen Strukturen in Rojava ist jedes wichtige Amt doppelt besetzt. Auf jeder Ebene und egal in welchem Bereich - sei es Wirtschaft, Verwaltung oder Verteidigung. Und natürlich wird auch das Bürgermeisteramt bei uns immer von einer Frau und einem Mann besetzt. Wir haben überall 50 Prozent Frauen, mindestens."

Mitten im Syrienkrieg, im Kampf gegen den IS, haben die Kurden im Norden Syriens eine autonom geführte Region geschaffen, in der das Assad-Regime so gut wie nichts zu sagen hat. Mit dieser weltweit einmaligen Gesellschaftsordnung.

Als Irene Böhm davon hörte, wollte sie es zunächst gar nicht glauben, erzählt sie, während die Delegation aus Syrien das Zentrum besichtigt. Böhm hat mit Unterstützung der Linkspartei im Bezirk die Städtepartnerschaft ins Leben gerufen.

"Ich konnte es kaum fassen, dass es in Nordsyrien eine Region gibt, in der Frauenrechten eine so hohe Bedeutung zugemessen wird – jede Position mit Doppelspitze. Das ist ein Modell, da haben wir noch nicht mal ernsthaft dran gedacht. Da hab ich gedacht, da muss ich mich engagieren und versuchen mitzuhelfen, damit das erhalten bleibt. Denn es ist wirklich sehr, sehr bedroht."

Vor einer Woche haben die beiden Bürgermeister die Städtepartnerschaft Derik-Friedrichshain-Kreuzberg offiziell unterzeichnet – gemeinsam mit der grünen Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann. Ein sehr wichtiger Schritt, erzählt Claudia Orlowski vom Partnerschaftsverein:

"Es geht darum, das Schweigen der Bundesregierung zu Rojava zu durchbrechen und ein öffentliches, politisches Signal zu setzen. Der große Erfolg mit der Städtepartnerschaft hier in Berlin ist, dass praktisch auf der Verwaltungsebene eine ganz offizielle Städtepartnerschaft geschaffen wurde. Etwas, was rein theoretisch gar nicht geht."

Partnerschaftsabkommen diplomatisch heikel

Und zwar, weil die Kurdenregion Rojava international nicht anerkannt ist. Auch nicht von der Bundesregierung. Ein diplomatisch heikles Unterfangen also. Der Bezirk hat deshalb extra ein Gutachten vom Außenministerium eingeholt:

"Wir haben eine Städtepartnerschaft zwischen Friedrichshain-Kreuzberg und "Derik in Nordsyrien". Wir können nicht schreiben "Derik in der autonomen demokratischen Föderation", weil das ginge zu stark in Richtung Anerkennung. Wir haben es dann auch vermieden, um keine diplomatischen Schwierigkeiten hervorzurufen."

Der Bezirk will die syrische Partnerstadt künftig mit gemeinsamen Projekten unterstützen. Das erste: Bäume pflanzen, erklärt die Bürgermeisterin:

"Wir werden jetzt mit Hilfe von Kreuzberg Bäume pflanzen. Das war zu Zeiten des Assad-Regimes nicht möglich. Und das ist nur der Start für viele weitere Projekte."

Den üblichen Austausch von Schülern und Fußballclubs wird es zwischen Derik und Berlin allerdings erstmal nicht geben. Dafür ist die Region zu unsicher.

Trotz Kriegsgefahr Vorbild für Emanzipation

Bis vor einigen Monaten führte die Türkei aus dem Norden Krieg gegen die Kurden in Rojava. Und die Türkei ist nicht die einzige Bedrohung, sagt Bürgermeister Feremez Hemo:

"Zwar gibt es den IS in unseren Gebieten nicht mehr, aber es gibt noch sehr viele Sympathisanten. Die Ideologie ist immer noch da – und muss bekämpft werden. Und seit 20 Tagen gibt es überall Brände in ganz Rojava. Unsere Felder werden in Brand gesetzt, um unsere wirtschaftliche Grundlage, unsere Lebensgrundlage zu zerstören."

Nach gut einer Woche geht es für die kleine kurdische Delegation jetzt wieder zurück nach Hause. Sie hätten schon einiges erfahren darüber, wie in Deutschland Politik und Verwaltung funktionieren, sagt Bürgermeister Hemo. Doch letztlich könne Deutschland durchaus auch von Derik lernen:

"Wenn wir uns die Straßen, die ganzen Hochhäuser anschauen und welche Autos hier lang fahren, ist Deutschland besser entwickelt. Aber wenn wir uns anschauen, wie es um die Rechte der Frauen steht - dass sie sich selbst organisieren und auch wie sich unsere Bevölkerung selbst bildet und immer wieder hinterfragt – da sind wir viel weiter. Unsere Gesellschaft ist emanzipierter."

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