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StartseiteKultur heuteEigentümer bekommen Kunstschätze zurück17.11.2015

Deutsch-russischer MuseumsdialogEigentümer bekommen Kunstschätze zurück

In systematischen Raubzügen plünderten Nazi-Organisationen in Russland Skulpturen und Gemälde. Aus Deutschland stahlen russische Militärs 1945 die Ostasiaktika-Sammlung des Berliner Vorderasiatischen Museums, das Schliemann-Gold, die Merowinger-Sammlung, oder der Eberswalder Goldschatz und transportierten sie nach Moskau. Im Rahmen des deutsch-russischen Museumsdialogs werden die Kunstgegenstände nun ihren ursprünglichen Eigentümern zurückgegeben.

Von Christine Habermalz

Der Direktor der Staatlichen Eremitage St. Petersburg, Michail Piotrowski (l), und der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, unterhalten sich während der Festveranstaltung zum zehnjährigen Bestehen des deutsch-russischen Museumsdialoges am 16.11.2015 im Bode-Museum in Berlin. (picture alliance / dpa / Soeren Stache)
Der Direktor der Staatlichen Eremitage St. Petersburg, Michail Piotrowski (l), und der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger bei einer Veranstaltung des deutsch-russischen Museumsdialogs. (picture alliance / dpa / Soeren Stache)
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Zehn Jahre Deutsch-Russischer Museumsdialog Kein Wettbewerb der Tragödien mehr

So sehr stand der erfolgreiche wissenschaftliche Austausch im Zentrum der Zehn-Jahres-Feier des Deutsch-Russischen Museumsdialogs, dass die feierlichen Übergaben von Raubkunst fast schon zur Nebensache geriet. Darunter ein kaukasisches Kurzschwert, übergeben durch eine Privatperson, Veronika Elllert. Sie hatte das Stück von ihrem Nachbarn Lutz Hermanns bekommen, damit sie es in Berlin zurückgebe. Sein Vater hatte es als Wehrmachtssoldat aus einem Museum in Nowgorod gestohlen.

"Herr Hermanns hat mich Anfang des Jahres gebeten, das Schwert mit nach Berlin zu nehmen, er wolle nicht mehr dafür verantwortlich sein. Ich sagte, gerne, ich nehme es mit, gehe zur russischen Botschaft und gebe es dort ab."

Das Kurzschwert, das nun feierlich an Natalya Grigorjewa, Direktorin des Staatlichen Museums Nowgorod, zurückgegeben wurde, steht symptomatisch für die Kulturverluste der russischen Museen und Schlösser in Russland. Neben den systematischen Raubzügen der Nazi-Organisationen wurde vieles einfach brachial zerstört oder geplündert. Soldaten füllten mit Ikonen ihre Öfen, das Inventar des Katharinenschlosses wurde in Mannschaftsunterkünften verschlissen und verheizt. Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz:

"Das müssen wir uns immer wieder klar machen, diese Barbarei ging von deutschem Boden aus. Die Nazis und die Wehrmacht waren die Ersten, die in Russland Museen und Bibliotheken und Archive geplündert haben, und das, was sie nicht interessiert hat, haben sie zerstört. Es gibt Berichte, wie ganze Bibliotheken auf die Straße geworfen wurden und Panzer fuhren drüber."

Verluste auf beiden Seiten werden aufgearbeitet

Dennoch ist das Thema Beutekunst lange Zeit vor allem ein deutsches gewesen. Im Fokus stand vor allem der Verlust von deutschen Museumsbeständen wie der kostbaren Ostasiaktika-Sammlung des Berliner Vorderasiatischen Museums, das Schliemann-Gold, die Merowinger-Sammlung, oder der Eberswalder Goldschatz, 1945 nach Moskau abtransportiert und bis heute dort. Dass jetzt erstmals systematisch die Verluste beider Seiten aufgearbeitet werden, ist ein Verdienst des Deutsch-Russischen Museumsdialogs. Und angesichts des heiklen Themas ist der Anblick von fast 200 Direktoren und Kuratoren deutscher und russischer Museen, die miteinander im regen Austausch stehen, teilweise persönlich seit Jahren vertrauensvoll zusammenarbeiten, eine beeindruckende Erfahrung. Mit dabei die neue Direktorin des Moskauer Puschkin-Museums Marina Loschak. Vor zwei Jahren hat sie ihre Vorgängerin, die große Irina Antonowa, im Amt abgelöst – ein Generationswechsel. Die Geschichte des Krieges bleibt auch für Loschak immer präsent.

"Das heißt, diese emotionale Komponente, die Sie damit meinen, ist natürlich permanent da, und natürlich beeinflusst sie den Grundton des Gespräches. Nichtsdestotrotz glaube ich, dass wir uns stark verändert haben in der letzten Zeit. Und wir sind zu dem Schluss gekommen, dass es keinen Sinn macht, einen Wettbewerb der Tragödien zu veranstalten."

Die neue Offenheit hat in den vergangenen Jahren dazu geführt, dass die Kunstschätze nach Jahrzehnten aus den Geheimdepots geholt und deutschen Museumsleuten gezeigt wurden, dass Archive und Transportlisten zugänglich gemacht wurden. Dass in Moskau und St. Petersburg Ausstellungen mit deutscher Beutekunst gezeigt wurden – als erste die spektakuläre Merowinger-Ausstellung 2007 im Puschkinmuseum. Erst kürzlich durfte eine Abordnung vom Bode-Museum bis dahin verloren geglaubte Donatello-Skulpturen und Reliefs in Moskau ansehen. Sie sollen nun gemeinsam restauriert und zusammen mit in Berlin verbliebenen Stücken in Moskau ausgestellt werden. Doch der gute Wille auf Fachebene täuscht darüber hinweg, dass die politischen Fronten verhärtet sind. Eine mögliche Rückführung ist weiter weg denn je, sagt Wolfgang Eschwede.

Dialog auf tönernen Füßen

"Wir haben in der konkreten Frage der Kulturgüter selbst nach wie vor Sackgasse zwischen Deutschland und Russland. Eine nach wie vor totale Sackgasse. Unabhängig von der politischen Krise."

Russland hat 1998 per Duma-Beschluss die deutsche Beutekunst zu russischem Staatseigentum erklärt. Deutschland beharrt auf seiner Rechtsposition: Nach der Haager Konvention ist der Raub von Kulturgut als Kriegsbeute verboten. So lange die deutsche Haltung so statisch bleibt, ist eine gemeinsame Ausstellung von Beutekunst in Deutschland unmöglich – schon deshalb, weil die russischen Leihgaben sofort durch die deutsche Polizei beschlagnahmt würden. Und auch in Russland steht der Dialog auf tönernen Füßen. Der Große Vaterländische Krieg wird längst wieder glorifiziert, die ultranationalistische Grundstimmung in Politik und Öffentlichkeit lässt die Zusammenarbeit der russischen Museumsleute in der heiklen Beutekunstfrage mit Deutschland umso fragwürdiger erscheinen. Loschak ist das durchaus bewusst.

"Ich glaube, das einzige, was jetzt diese erfolgreiche Voranbewegung bremsen kann, ist die konsequente Weigerung sich an diesem positiven Prozess anzuschließen, von Seiten, die keine Museumsleute sind. Denn diese Aggressivität, die außerhalb der Museumswände herrscht, die geht natürlich in eine ganz andere Richtung als die Tendenz, zu der wir alle schon längst bereit sind und offen sind, und an der wir gemeinsam arbeiten."

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