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StartseiteDlf-MagazinBaden-Baden macht Weltpolitik 20.11.2014

Deutsch-russisches VerhältnisBaden-Baden macht Weltpolitik

Baden-Baden gilt als die russischste Stadt Deutschlands. Viele russische Schriftsteller haben sich einst dort aufgehalten. Auch heute noch lebt die Stadt mit und von den Russen. Doch nun bleiben die Touristen vermehrt fort - eine mögliche Folge der auch deutschen Sanktionen. Die Rathausspitze ist alarmiert und bietet den Ort für Friedensgespräche an.

Von Uschi Götz

Die Flaggen der Bundesrepublik Deutschland und Russlands wehen vor dem Bundeskanzleramt in Berlin. (dpa / picture alliance / Soeren Stache)
Baden-Baden - ein Kurort bangt um seine russischen Gäste. (dpa / picture alliance / Soeren Stache)

Russisch sprechende Paare schlendern durch die Baden-Badener Innenstadt. Die Läden sind edel, und vieles, was es dort zu kaufen gibt, ist für einen Normalverdiener nicht bezahlbar. In den Läden und Cafés spricht man russisch. Aber seit die EU Sanktionen gegen Russland verhängt hat, bangt der Kurort um seine russischen Gäste: Bis zu einem Drittel weniger seien es, klagen die Hoteliers, und auch die Stimmung habe sich verändert, beobachtet der Unternehmer Igor Rothmann:

"In der Stadt gibt es verschiedene Meinungen, verschiedene Richtungen. Immer beschuldigt sich eine Seite, das muss nicht sein. Der Dialog muss bleiben, dass wir den St. Petersburger Dialog abgelehnt haben, das ist nicht richtig. Wir müssen uns treffen, wir müssen zusammen eine Lösung finden. Wir sind strategischer Partner, wir sind es, und wir müssen es bleiben."

Rothmann wird geschätzt in Baden-Baden, seit Jahren gilt er als Vermittler zwischen russischen und deutschen Wirtschaftsinteressen. Er verdient sein Geld unter anderem mit der Vermittlung von russischen Patienten nach Deutschland, und soll ein Freund von Präsident Putin sein. Auch hält sich das hartnäckige Gerücht, eine Putin-Tochter lebe seit geraumer Zeit in Baden-Baden. Wie nah ist Baden-Baden der Ukraine-Krise?

"Baden-Baden ist sicher nicht am Rande dieser ganzen Geschichte, denn die Oligarchen, die hier sind, haben gute Verbindungen zu Putin, und das ist auch das Problem, dass es eine ganz bestimmte Schicht ist, und Herr Rothmann ist natürlich auch nicht neutral in dieser ganzen Geschichte. Er ist einer der Freunde der Moskauer Regierung. Und wenn wir gute Beziehungen mit Russland haben möchten, dann heißt das nicht mit dem Kreml, sondern mit Russland."

Werner Henn sitzt seit über zehn Jahren für die SPD im Gemeinderat. Kurz nach Ausbruch der Ukraine-Krise forderte er den Gemeinderat dazu auf, die Städtepartnerschaft mit Jalta auf der Krim auszusetzen. Auch CDU-Oberbürgermeisterin Margret Mergen, erst wenige Monate im Amt, hält die Politik Russlands für nicht tolerabel:

"Und schon gar nicht der Umgang mit der Ukraine, wir distanzieren uns davon und haben deswegen auch aktuell die Städtepartnerschaft mit Jalta, die eigentlich ja ukrainisch ist, aber jetzt eben doch russisch geprägt ist, im Moment mal ruhen lassen, um abzuwarten, wie es sich entwickelt."

Eine heikle Entscheidung, denn zugleich möchte man die russische Klientel in Baden-Baden nicht verprellen. Erst vor wenigen Tagen hatte die IHK dort zu einem kleinen Wirtschaftsgipfel geladen, auf der auch der russische Botschafter Wladimir Grinin sprach. So deutlich hatte man es in Baden-Baden wohl noch nie gehört, danach herrschte erst einmal betretenes Schweigen. Doch Grinin gab sich gesprächsbereit:

"Baden-Baden ist ein Land, das ich gerne besuche und sehr oft besuche. Auch deswegen, weil hier eine Hochburg des Mittelstands ist. Und der Mittelstand ist für uns sehr wichtig. Und wir möchten den unseren entwickeln, und das kann man mithilfe der Deutschen am besten machen, weil der deutsche Mittelstand ein Begriff ist. Ein Weltbegriff ist."

Vielleicht ist Baden-Baden dem weltpolitischen Geschehen näher, als man in Berlin und anderswo denkt. Von den rund 55.000 Einwohnern der Kurstadt sind etwa 900 Millionäre.. Die teuersten Villen dort wurden in den vergangenen Jahren von Russen gekauft, so manches Geschäft wurde nach Verhängung der Sanktionen durch Strohmänner abgewickelt. Gemeinderat

"Es gibt ja juristische Tricks über eine GmbH, die man gründen kann und auf einmal ist kein Russe mehr der Eigentümer, sondern ein Usbeke oder ein Kasache. In Baden-Baden werden die alle unter dem Sammelbegriff "Russen" geführt, ob die jetzt aus der ehemaligen Sowjetunion kommen oder aus welchem Land auch immer."

"Über Frieden nachdenken, über einen Dialog"

Der halbe Kreml, wie bisweilen behauptet, wohnt zwar nicht in Baden-Baden, aber viele einflussreiche Unternehmer mit einem guten Draht nach Moskau. Sie warnen eindringlich vor weiteren Sanktionen, Igor Rothmann fordert:

"Wir müssen alle am Runden Tisch sitzen, über Frieden nachdenken, über einen Dialog, wir haben Kinder, wir haben Enkelkinder, wir müssen diese Zukunft gründen."

Das hat die Stadt tatsächlich aufgegriffen: Oberbürgermeisterin Mergen wirbt dafür, in ihrer Stadt Friedensgespräche stattfinden zu lassen.

"Und ich kann nur anbieten, dass sich Baden-Baden optimal eignet, weil es eben ein absolut friedlicher Ort mit dieser Ost-West-Dimension, mit der Geschichte Russland – Baden-Baden ist, Frankreich. Ich kann nur anbieten, dass die Menschen den Dialog hier führen bevor man in Konfliktsituationen kommt."

Ein Zugeständnis an die russische Klientel in Baden-Baden? Auch Gemeinderat Henn hält einen Vermittlungsvorstoß für möglich.

"Ich habe überhaupt kein Problem, wenn Baden-Baden in die Offensive geht und sich einbringt in diesen Versöhnungsprozess zwischen der Ukraine und Russland zum Beispiel. Da könnten wir unsere gewachsenen Beziehungen, auch in die Ukraine, schon ins Spiel bringen. Nur wir dürfen dem Kreml nicht hinterherlaufen, wir müssen denen dann auch die Meinung sagen, ob es denen passt oder nicht."

 

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