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StartseiteWirtschaft und GesellschaftKurze Kolonialzeit mit Nachwirkung15.07.2020

Deutsche AfrikapolitikKurze Kolonialzeit mit Nachwirkung

„Schutzgebiete“ nannte das Kaiserreich die deutschen Kolonien im Pazifik, auf dem afrikanischen Kontinent und in China. Nachdem Bismarck den Erwerb von Kolonien lange abgelehnt hatte, waren es handelspolitische Gründe, die ihn schließlich doch dazu motivierten. Wie wirkt die Geschichte wirtschaftlich nach?

Von Katja Scherer

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19.11.2019, Berlin: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU, l) sitzt am Rande der Konferenz "Compact with Africa" im Bundeskanzleramt mit den Teilnehmern an einem runden Tisch. Die Initiative Compact with Africa wurde 2017 unter der deutschen G20-Präsidentschaft ins Leben gerufen. Sie soll erreichen, mehr private Investitionen aus den reichen Industriestaaten nach Afrika zu bringen. Foto: Michael Sohn/AP Pool/dpa | Verwendung weltweit (AP Pool)
Bundeskanzlerin Merkel bei der Konferenz "Compact with Africa" - eine Initiative, die mehr private Investitionen aus den reichen Industriestaaten nach Afrika bringen soll. (AP Pool)

Themenschwerpunkt "Dekolonisiert euch!" Im Rahmen des Denkfabrik-Themas 2020 "Dekolonisiert euch" geht die Sendung "Wirtschaft und Gesellschaft" der Frage nach, wie die Kolonialzeit bis heute die Wirtschaft prägt.

13.7. Lieferkettengesetz: Ein Gesetz gegen Auswüchse der Globalisierung 
14.7. EU-Handelspolitik: Was kommt nach Cotonou?
15.7. Deutsche Afrikapolitik: Kurze Kolonialzeit mit Nachwirkung
16.7. China in Afrika: Neues Kolonialherrentum?
17.7. Kolonialismus verbindet: Die indische Elite von Kenia
20.7. Deutsche Kolonialzeit in China: Es blieben Architektur und Bier

Kautschuk, Kakao, Baumwolle und Edelsteine – solche Produkte ließ das deutsche Kaiserreich unter anderem aus seinen Kolonien einschiffen. Güter also, die damals als Luxus galten. Die wirtschaftliche Bedeutung der Kolonien sei aber dennoch insgesamt gering gewesen, sagt der Hamburger Historiker Jürgen Zimmerer:

"Die deutschen Kolonien waren mit Ausnahme Togos und in den letzten Jahren Deutsch-Südwestafrika Zuschussgebiete. Also das Reich zahlte im Grunde drauf, was vor allem daran liegt, dass die Kosten der Eroberung, die überall sehr gewalttätig war, eben enorm waren."

Vor allem Unternehmen und Regionen haben profitiert

Viele Kolonien, wie Qingdao in China oder die Inselstaaten im Pazifik waren außerdem sehr klein. Gesamtwirtschaftlich betrachtet lohnte sich der Kolonialismus für das Kaiserreich also nicht. Dennoch gab es Profiteure. So florierten durch den Handel Hafenstädte wie Hamburg, Kiel oder Bremen. Und auch einzelne Handelshäuser machten gute Geschäfte:

"Denken sie an die Supermarktkette Edeka: Ist ja eigentlich Einkaufsgenossenschaft der deutschen Kolonialwarenhändler. Und das gilt für viele Schifffahrtslinien selbstverständlich auch. Es gilt auch für die gummiverarbeitende Industrie, die Rohstoffe aus Kolonialgebieten hatte, et cetera", sagt Jürgen Zimmerer.

Deutschland habe insgesamt stark vom kolonialen Handel profitiert, auch jenseits der eigenen besetzten Gebiete. Dort wiederum hatte die deutsche Kolonialherrschaft oft sehr negative wirtschaftliche Folgen. Viele Menschen wurden enteignet und zu Zwangsarbeit verpflichtet – zum Beispiel im heutigen Namibia:

"So, dass im Grunde die schwarze Bevölkerungsschicht in Südwestafrika in eine homogene schwarze Arbeiterschicht verwandelt werden sollte, um eben das ganze Land völlig nach deutschen ökonomischen Vorstellungen umzugestalten."

Ein Eingriff, der vielerorts nachwirkt. Die Frage, wie man Farmland wieder gerechter verteilen kann, beschäftigt Namibia zum Beispiel bis heute.

Beziehungen zu ehemaligen Kolonialgebieten nicht ökonomisch geprägt

Die einstigen Handelsbeziehungen zwischen Deutschland und seinen früheren Kolonien seien dagegen abgekühlt. Das sagt Robert Kappel, emeritierter Professor und früherer Chef des Hamburger GiGa-Instituts für Globale Studien:

"Das sind vor allem einzelne Handelshäuser, die bereits in der Kolonialzeit stark waren und die auch heute noch auf dem afrikanischen Kontinent aktiv sind. Aber die Verbindungen sind sehr, sehr schwach und haben eigentlich auch nur noch sehr wenig mit dem Kolonialsystem zu tun."

U-Bahnhof-Schild "Mohrenstraße" (picture alliance / Bildagentur-online / Schoening) (picture alliance / Bildagentur-online / Schoening)Historikerin - "Jedes Denkmal muss man extra betrachten"
Die Auseinandersetzung mit der deutschen Kolonialgeschichte sei wichtig, sagte die Historikerin Hedwig Richter im Dlf. Was den Umgang mit Denkmälern angehe, rate sie aber zur Vorsicht. Jeder Fall müsse einzeln betrachtet werden.

Präsenter sei die koloniale Vergangenheit bei der Vergabe von Entwicklungshilfe. Tansania, Namibia und Togo zum Beispiel zählen zu den Staaten in Subsahara-Afrika, in denen sich Deutschland mit am stärksten engagiert.

Dort die Problemländer, hier die Helfer?

Problematisch findet Kappel, dass es in Deutschland bis heute eine sehr einseitige Wahrnehmung von Afrika gebe: Trotz einer wachsenden Mittelschicht werde der Kontinent vor allem als problembehaftet gesehen:

"Wir haben vor allem immer noch das Dogma: Afrika hat Probleme, wir haben die Lösungen. Also Afrika, der Krisen-Katastrophen-Kontinent und wir müssen einen Beitrag dazu leisten, dass Afrika über unsere Entwicklungskooperation vorankommt."

In jüngster Zeit versucht die Bundesregierung, das zu ändern. Im Jahr 2014 hat sie ein Konzept verabschiedet für eine "Partnerschaft auf Augenhöhe" mit Afrika. Seit 2017 fördert das Bundesentwicklungsministerium verstärkt private Investitionen vor Ort. Dafür hat Deutschland auch die globale Initiative "Compact with Africa" initiiert. Afrika-Forscher Robert Kappel kritisiert, dass die deutsche Regierung den Staaten dennoch zu oft Ratschläge gebe.

Mehr Investitionen vor Ort nötig

Rob Floyd vom panafrikanischen Politikinstitut African Center for Economic Transformation sieht das aber anders:

"Mein Empfinden ist, dass deutsche Institutionen sich wirklich bemühen, eine Beziehung auf Augenhöhe ohne paternalistische Ansätze hinzubekommen."

Deutschland beziehe bei seinen Plänen zum Beispiel regelmäßig afrikanische Organisationen mit ein, sagt Floyd. Wichtig sei nun, dass das noch mehr zu Investitionen vor Ort führe. Deutsche Firmen seien da zum Teil noch zögerlich:

"Deutschland macht viel. Aber es muss noch mehr getan werden, um die Chancen in Afrika aufzuzeigen."

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