Dienstag, 11.12.2018
 
Seit 05:05 Uhr Informationen am Morgen
StartseiteWirtschaft am Mittag"Das System Schiene braucht deutlich mehr Geld"22.11.2018

Deutsche Bahn"Das System Schiene braucht deutlich mehr Geld"

Anlässlich der Aufsichtsratssitzung der Deutschen Bahn fordert der bahnpolitische Sprecher der Grünen, Matthias Gastel, mindestens sieben Milliarden Euro mehr an Investitionsmitteln für das Unternehmen. Im Dlf nannte er mangelnde Pünktlichkeit und zu wenig Güterverkehr als die wichtigsten Bahn-Probleme.

Matthias Gastel im Gespräch mit Klemens Kindermann

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Mittelalter Mann mit in Hemd und Sakko sitzend, davor ein Strauß roter Blumen (dpa)
Matthias Gastel, bahnpolitischer Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion (dpa)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast
Mehr zum Thema

Deutsche Bahn Längere Fahrtzeiten, höhere Preise

Dlf-Wirtschaftsexperte Kindermann zur DB: "Der Bahn geht das Geld aus"

Deutsche-Bahn-Chef Richard Lutz "Wir wollen investieren und wir wollen angreifen"

Deutsche Bahn Kundenverbände fordern mehr Geld und bessere Verbindungen

Brief an Führungskräfte Deutsche Bahn will kurzfristig Kosten senken

Klemens Kindermann: Heute und morgen trifft sich der Aufsichtsrat der Deutschen Bahn, um über die Zukunft des Unternehmens zu beraten. Die Bahn hat mit vielen Problemen zu kämpfen: bei den Baustellen, bei der Verfügbarkeit der Züge. Viele Bahnreisende bekommen das Tag für Tag zu spüren. Alles kulminiert in der Pünktlichkeit. Im Oktober waren nur knapp 72 Prozent der Züge pünktlich. Ich kann jetzt sprechen mit dem bahnpolitischen Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, Matthias Gastel. Herr Gastel, guten Tag!

Matthias Gastel: Hallo! Schönen guten Tag.

Kindermann: Herr Gastel, zwei Tage Aufsichtsratssitzung bei der Deutschen Bahn. Ein Strategiepapier des Vorstands von 200 Seiten. Was erwarten Sie? Was wird dabei herauskommen?

Gastel: Wir erwarten natürlich endlich die Antworten auf die drängenden Frage. Die drängenden Fragen sind zum einen die Pünktlichkeit, die sehr zu wünschen übrig lässt, unter der die Bahnreisenden leiden, weil sie auch häufig ihre Anschlusszüge verpassen. Eine andere Großbaustelle bei der Deutschen Bahn ist mit Sicherheit der Schienengüterverkehr, weil es einfach nicht gelingt, mehr Güter weg von der Straße auf die Schiene zu verlagern. Das wäre aber auch aus Klimaschutzgründen dringend notwendig.

Kindermann: Wenn Sie sagen, drängende Frage Pünktlichkeit, was kann man denn da tun, um das zu verbessern?

Gastel: Zunächst mal muss man natürlich die Problemursachen finden. Das ist auch relativ schnell gemacht. Vor allem ist es das fehlende Wagenmaterial. Es gibt zu wenig Züge bei der Deutschen Bahn und die sind noch dazu oft zu schlecht gewartet, auch deshalb, weil die Kapazitäten in den Werkstätten nicht ausreichen.

Das Zweite ist: Es gibt zu wenig Personal. Man war noch bis vor kurzem dran, Personal abzubauen. Jetzt sucht man wieder händeringend nach Lokführern.

Das Dritte – und das ist dann ein sehr politisches Problem – ist die unzureichende Netzkapazität. Während in den letzten Jahrzehnten munter Straßen ausgebaut wurde, wurden die Schienenwege zurückgebaut, das heißt Weichen rausgerissen, Ausweichgleise rausgerissen. Und wir haben heute eine dünnere Schienen-Infrastruktur als noch vor 20 oder 30 Jahren. Da muss die Politik gründlich umsteuern und mehr in die Schiene und weniger in den Straßenneubau investieren.

"Bahn muss mehr Wagenmaterial bestellen"

Kindermann: Gehen wir mal auf Ihren ersten Punkt, zu wenig Züge. Wie kann man denn diesem Fahrzeugmangel abhelfen?

Gastel: Die Deutsche Bahn muss mehr Wagenmaterial bestellen. Aber das dauert seine Zeit, bis die Züge da sind. Sie muss die Werkstattarbeit besser organisieren, dass die Züge, wenn sie aus der Werkstatt kommen, auch tatsächlich mit allen Mängeln repariert wurden und nicht wieder mit Mängeln aus der Werkstatt rausfahren, weil die Zeit für die Reparaturen nicht gereicht hat. Auch da fehlt es an Personal in den Werkstätten. Es fehlt an Kapazitäten und da muss die Deutsche Bahn ansetzen, neben dem, dass sie zusätzliches Wagenmaterial bestellen muss, was sie ja auch schon getan hat und noch tun wird.

Kindermann: Besser organisieren ist ein Stichwort. Manchmal fahren Züge ja auch einfach durch Bahnhöfe durch. Ihre Parteichefin Annalena Baerbock saß letzten Freitag im ICE und sah ihre Kinder, die in Spandau zusteigen wollten, nur aus dem fahrenden Zug. Wie kann denn so was verhindert werden?

Gastel: Zunächst mal ist es ja erfreulich, dass die Fahrgastzahlen bei der Bahn deutlich steigen. Und jetzt gilt es, diesem Fahrgastzuwachs, den wir ja alle wollen, auch entsprechende Entscheidungen nachzuführen, so dass dann auch dieses Wachstum entsprechend weitergehen kann. Ich meine, die Deutsche Bahn weiß aus Erfahrung, zu welchen Zeiten die Züge wie stark ausgelastet sind. Und entsprechend muss sie dann auch beispielsweise mehr Wagen anhängen zu den Zeiten, zu denen eine hohe Fahrgastnachfrage besteht. Auch das ist zumindest in Teilen eine Organisationsfrage. Aber richtig gelöst werden kann diese Thematik erst dann, wenn zusätzliches Wagenmaterial vorhanden ist.

Kindermann: Wenn ich das richtig verstanden habe, geht es heute bei der Aufsichtsratssitzung ja vor allen Dingen darum, dass der Vorstand der Bahn dem Aufsichtsrat, dem Eigentümer Bund mehr Geld aus dem Kreuz leiert. Teilen Sie diese Einschätzung und wieviel Geld braucht die Bahn denn?

Gastel: Auf jeden Fall braucht das System Schiene deutlich mehr Geld. Wir haben auch jetzt im Haushaltsplan 2019, den wir ja diese Woche debattieren und noch beschließen werden. Da ist wieder ein massiver Aufwuchs für den Straßen-Aus- und Neubau vorgesehen und nur Peanuts an zusätzlichen Mitteln für die Schiene. Das heißt, wir brauchen da ein grundlegendes Umsteuern, mehr Geld in die Infrastruktur. Das muss aber auch dann so organisiert sein, dass das Mehr an Baustellen nicht automatisch eine massiv reduzierte Kapazität des Schienennetzes mit sich bringt. Das heißt, nur einfach mehr Geld ins System zu geben, reicht nicht aus. Es muss auch gut angelegt sein, es muss gut geplant sein.

Kindermann: Herr Gastel, sagen Sie mal eine Hausnummer, wie viele Milliarden da jetzt fällig wären.

Gastel: Wir werden auf jeden Fall in den nächsten Jahren mindestens eine Verdoppelung brauchen.

"Es muss einen kontinuierlichen Mittelaufwuchs geben"

Kindermann: Eine Verdoppelung heißt?

Gastel: Eine Verdoppelung der Mittel, die jetzt im Moment gerade für die Ersatzinvestitionen beispielsweise da sind. Ersatz heißt, Infrastruktur ist marode und muss erneuert werden. Da haben wir jetzt im Moment gerade so etwa drei bis dreieinhalb Milliarden Euro da und da wird neu verhandelt, was in den nächsten Jahren der Deutschen Bahn gegeben wird. Aber wir haben natürlich auch die Aufgaben mit Digitalisierung und Deutschlandtakt, Kapazitätserweiterung im Netz. Wir werden auf jeden Fall eine sehr deutliche Steigerung der Investitionsmittel brauchen.

Kindermann: Also sieben Milliarden, wenn ich Sie richtig verstehe?

Gastel: Ja, für die verschiedenen Aufgaben, dann aber in einigen Jahren auch mehr, weil die Deutsche Bahn wird auch gar nicht so viel auf einmal verbauen können. Das heißt, viel wichtiger ist, dass es einen kontinuierlichen Mittelaufwuchs gibt, der dann auch tatsächlich verplant und verbaut werden kann. Wir brauchen höhere Kapazitäten auch bei der Bauindustrie, im Bereich der Planung und auch beim Eisenbahnbundesamt, was die Genehmigung der Planungen angeht. Das muss alles miteinander schritthalten, weil sonst hilft mehr Geld auch nichts, wenn es nicht abfließen kann. Wir brauchen eine Kontinuität beim Mittelaufwuchs für die Infrastruktur, damit auch die notwendigen Investitionen in ein leistungsfähiges Netz tatsächlich finanziert werden können und umgesetzt werden können.

Kindermann: Herr Gastel, vielen Dank für das Gespräch.

Gastel: Gerne geschehen!

Kindermann: Der bahnpolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk