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StartseiteKommentare und Themen der WocheEin Paralleluniversum der frohen Botschaften25.02.2021

Deutsche BischofskonferenzEin Paralleluniversum der frohen Botschaften

Eine ehrliche Aufarbeitung der Missbrauchsskandale würde die katholische Kirche als autoritäre, anti-emanzipatorische Institution zusammenkrachen lassen, kommentiert Christiane Florin. Deshalb blieben die deutschen Bischöfe auf ihrer Vollversammlung rücksichtsvoll - und rücktrittsfrei.

Ein Kommentar von Christiane Florin

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Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz Georg Bätzing, am Rande einer Pressekonferenz zum Auftakt der digitalen Frühjahrsvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz (picture alliance/ EPA Pool/ Sascha Steinbach)
Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz Georg Bätzing am Rande einer Pressekonferenz zum Auftakt der digitalen Frühjahrsvollversammlung (picture alliance/ EPA Pool/ Sascha Steinbach)
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Es gibt viel Gutes zu berichten aus der katholischen Kirche in Deutschland. Die Bischöfe stehen zu ihrer Zusage – Moment, genau zitieren ist sehr wichtig, also: "Die Bischöfe stehen zu ihrer Zusage, vorbehaltlose Aufarbeitung und Aufklärung der Verbrechen des sexuellen Missbrauchs an Minderjährigen im kirchlichen Raum zu leisten." So sagte es der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz Georg Bätzing. Vor elf Jahren wurde das versprochen und schon jetzt wird es wieder angekündigt.

Das ist großartig. Und noch eine gute Nachricht: Aufgrund der bisherigen Ergebnisse dieser vorbehaltlosen Aufarbeitung sind Rücktritte nicht nötig. Danach gefragt, ob er selbst an Rücktritt denke als Zeichen der Verantwortungsübernahme, sagte Georg Bätzing: Damit sei doch niemandem geholfen. Dazu stehen heißt eben gerade nicht: gehen. 

Nordrhein-Westfalen, Bonn: Kardinal Georg Bätzing, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, gibt eine Pressekonferenz am letzten Tag der digitalen Frühjahrs-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz. (dpa-Bildfunk / Sascha Steinbach) (dpa-Bildfunk / Sascha Steinbach)"Bätzing hat sich zum Sprachrohr von Woelki gemacht"
Die Krise der katholischen Kirche ist auch eine Führungskrise, sagt der Leadership-Experte Benedikt Jürgens. Der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Georg Bätzing, zeige in der Causa Woelki Führungsschwäche.

Ein Paralleluniversum der frohen Botschaften

Wer die Abschlusspressekonferenz des katholischen Führungskräftetreffens im Live-Stream angeschaut hat, konnte in ein Paralleluniversum der frohen oder zumindest halbfrohen Botschaften abtauchen. Okay, es gibt ein paar Probleme. Aber, mal ehrlich: Wo gibt’s die nicht? In Köln krachte der Server des Amtsgerichts für zusätzliche Kirchenaustrittstermine zusammen, aber erinnern wir uns: In Köln ist auch mal das Stadtarchiv eingestürzt. Ein- und Absturz ist quasi Brauchtum. Hauptsache, der Dom steht noch. Und wie der steht! Der 18. März ist nicht mehr fern. Da hat alles Krachende und Bröckelnde ein Ende. Da wird ein amts- und sonstwiegerichtsfestes Gutachten über den Umgang der Geistlichkeit mit sexuellem Missbrauch erscheinen.  Und am 19. März kann der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz ein Häkchen machen und sagen: Wieder hat ein Bistum, sogar ein Erzbistum, vorbehaltlos aufgearbeitet.

Die katholische Kirche kann sich entscheiden

Apropos Frohe Botschaft: Der Botschafter des Vatikans, Nuntius genannt, hat den Brüdern in Deutschland ein Grußwort geschickt. Konflikt sei für die Kirche besonders schädlich, es brauche Vergebung und Barmherzigkeit. Das klingt sanft. Hart ist es nur für die diejenigen, die nach Gerechtigkeit dürsten, weil sie das mit der Gerechtigkeit mal im Evangelium gelesen haben.

Die katholische Kirche ist Teil eines größeren, eines politischen Konflikts. Und sie kann sich entscheiden: demokratisch oder autoritär, plural oder monolitisch, emanzipatorisch oder warschonimmersoundhaltetjetztdieklappe. Die autoritäre, monolithische, anti-emanzipatorische Kirche ist für ihre rückhaltlosen Verteidiger ein Wert an sich. Ehrliche Aufarbeitung würde diese Institution zusammenkrachen lassen. Deshalb bleibt man rücksichtsvoll und  rücktrittsfrei. Die Botschaft dieser Vollversammlung war: Die Opfer, die Leidtragenden, die Verletzten dieser Kirche sind den Streit nicht wert. Die Herren kämpfen – für nichts. Endlich froh, endlich Frieden.

Dr. Christiane Florin (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Dr. Christiane Florin (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Christiane Florin, Jahrgang 1968, ist Redakteurin für "Religion und Gesellschaft" beim Deutschlandfunk. Bis 2015 leitete sie die Redaktion von Christ&Welt in der Wochenzeitung "Die ZEIT". Ihre Erfahrungen als Lehrbeauftragte für Politikwissenschaft an der Universität Bonn verarbeitete sie in dem Essay "Warum unsere Studenten so angepasst sind" (Rowohlt 2014). 2017 veröffentlichte sie das Buch "Weiberaufstand. Warum Frauen in der katholischen Kirche mehr Macht brauchen" (Kösel).

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