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StartseiteInterviewDiagnose bei kleineren Kindern "oft gar nicht möglich"21.11.2019

Deutsche DepressionshilfeDiagnose bei kleineren Kindern "oft gar nicht möglich"

Wenn Eltern Depression haben, hätten Kinder ein zwei- bis dreifach höheres Risiko, selbst zu erkranken, sagte Ulrich Hegerl von der Deutschen Depressionshilfe im Dlf. Eine schnelle Behandlung sei wichtig, erst ab dem Jugendlichen-Alter sei eine Diagnose jedoch gut möglich. Zudem fehlten Fachärzte.

Ulrich Hegerl im Gespräch mit Sarah Zerback

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Schüler einer dritten Klasse einer Grundschule (dpa/Patrick Pleul)
Bei mehr als vier Prozent der Kinder und Jugendlichen wird laut einem Bericht der Krankenkasse DAK eine Depression oder Angststörung festgestellt (dpa/Patrick Pleul)
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Sarah Zerback: Dass Depressionen zwar leider oft noch ein Tabu, aber schon lange kein Nischenthema mehr sind, das zeigen allein schon die Zahlen. Rund fünf Millionen Menschen in Deutschland erkranken im Laufe ihres Lebens an einer anhaltenden depressiven Störung. Und auch, dass schon Schulkinder unter Depressionen und Angststörungen leiden können, das ist bekannt. In welchem Ausmaß Ärzte diese Diagnose aber stellen, das hat die Krankenkasse DAK jetzt untersucht.

Das Thema können wir jetzt vertiefen mit Ulrich Hegerl von der Deutschen Depressionshilfe. Er ist außerdem Inhaber der Senckenberg-Professur an der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der Goethe-Universität Frankfurt. Guten Tag, Herr Hegerl!

Ulrich Hegerl: Guten Tag, Frau Zerback.

Zerback: Zwei Prozent der Schulkinder, die an Depressionen leiden – das finde ich ganz schön viel. Die Kollegin sagte gerade, das seien repräsentative Daten. Teilen Sie diese Einschätzung?

Hegerl: Diese Zahlen erscheinen mir sehr realistisch. Bei Erwachsenen ist es ja so, dass innerhalb eines Jahres etwa acht Prozent der Menschen an einer behandlungsbedürftigen Depression erkranken. Es ist einfach eine sehr, sehr häufige Erkrankung. Bei Kindern ist es nicht ganz so häufig, aber die Häufigkeit steigt an bis hin zur Pubertät. Bei kleineren Kindern ist es so, dass da Jungen und Mädchen ähnlich häufig betroffen sind, aber ab der Pubertät und so ab 13, 14 Jahren kommt es dann so wie bei den Erwachsenen, dass Frauen etwa doppelt so häufig erkranken wie Männer.

"Biologische Gründe und in geringerem Maße gesellschaftliche"

Zerback: Haben Sie dafür eine Erklärung? Warum ist das so? Hat das was mit der Aufmerksamkeit zu tun, oder gibt es da eine Veranlagung? Was steckt dahinter?

Hegerl: Eine Rolle spielt sicherlich auch, dass Frauen, auch Mädchen möglicherweise geschickter als Jungs sind, wenn es darum geht, sich Hilfe zu holen. Das fällt den Männern vielleicht schwerer. Aber der Hauptgrund liegt eher in der Biologie, in den hormonellen Umstellungen. Ein Stück weit erkennt man auch das prämenstruelle Syndrom, wo man auch erkennen kann, dass Hormonschwankungen sich auf die Stimmung unmittelbar auswirken können. Das hat biologische Gründe und in geringerem Maße gesellschaftliche. Es ist nicht so, dass viele Frauen mit Doppelbelastung häufiger erkranken oder Ähnliches. Das ist nicht belegt.

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Zerback: Das ist eine Frage, die sich generell oft stellt. Woran liegen Depressionen ursächlich? Ist das wirklich alles Veranlagung, oder gibt es da auch äußere Faktoren, im Elternhaus zum Beispiel - lassen Sie uns mal bei den Kindern bleiben -, oder gar Stress in der Schule? Wie schätzen Sie das ein?

Hegerl: Das Entscheidende ist die Veranlagung und deswegen ist es auch so, dass in Familien, wo Eltern schon erkrankt sind an psychischen Erkrankungen und Depressionen, die Kinder ein zwei- bis dreifach höheres Risiko haben, selber zu erkranken. Das ist die Genetik. Von Adoptionsstudien weiß man zum Beispiel: Wenn die Kinder, die diese Veranlagung haben, in eine andere Familie kommen, wo es keine Depressionen gibt, dann nehmen sie das Risiko mit. Das hängt ein Stück weit im Organismus. Wenn man das Pech hat, diese Veranlagung zu haben, dann rutscht man in diesen Zustand sehr leicht rein und dann braucht es oft gar keinen äußeren Auslöser.

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Das wird oft nicht verstanden, dass Depressionen eine ganz eigenständige Erkrankung ist und viel weniger eine Reaktion auf äußere Umstände, als die Menschen immer glauben. Das ist verständlich, weil man geht ja von sich selber aus. Da sieht man ja, wenn man Stress hat und Frustration und Trauer; dann geht die Stimmung natürlich in den Keller. Aber die Depression ist was ganz anderes und sie fühlt sich auch anders an.

"Insgesamt keine Zunahme" an Depressionen

Zerback: Auch da noch mal ganz konkret gefragt: Sie würden sagen, dass man zum Beispiel gesellschaftliche Entwicklungen beobachtet, in der Schule, dass da verstärkt auf Leistung geschaut wird, dass auch vielleicht die Eltern zunehmend gestresst sind, weil sie auf dem Arbeitsmarkt gestresst sind, dass es weniger Unterstützung in der Familie gibt, weil eventuell Familienmitglieder weiter weg wohnen, das alles spielt bei einer Depression bei Schulkindern keine Rolle?

Hegerl: Das spielt bei vielen Dingen eine Rolle: für die Lebensqualität, die Persönlichkeitsentwicklung, dieses stundenlange Computer spielen. Das hat natürlich ganz schlimme Auswirkungen auf die Kinder. Aber wir haben ja insgesamt keine Zunahme. Auch bei den Erwachsenen gibt es ja keine Zunahme. Da hat man ja die klare Vorstellung, die moderne Welt mit SMS und so weiter macht die Leute krank. Aber man weiß von bevölkerungsbasierten Studien, dass die Depression heute so häufig wie früher ist.

Zerback: Entschuldigung, dass ich Sie unterbreche, Herr Hegerl. Wir haben gerade von einem Anstieg um fünf Prozent gehört. Das erklären Sie sich dann nicht mit einem realen Anstieg der Krankheit, sondern mit der erhöhten Aufmerksamkeit?

Hegerl: Genau. Wir haben zum Beispiel bei Erwachsenen eine Zunahme um das Vielfache der Diagnosehäufigkeit. Aber das hat damit zu tun, dass das Schämen abnimmt, die Leute sich häufiger Hilfe holen und die Ärzte das besser erkennen und besser benennen. Wenn man in der Bevölkerung eine Untersuchung macht, dann kommt immer wieder raus, es gibt keine echte Zunahme. Es gibt verschiedene Studien, die kommen immer zum gleichen Ergebnis. Sie haben keine Depressionsepidemie, weder bei den Kindern, noch bei den Erwachsenen. Aber es wird häufiger erkannt.

"Eine Erschöpfung bei Daueranspannung"

Zerback: Gerade das Erkennen, das ist gar nicht so einfach. Für Sie als Fachmann vielleicht, aber für Eltern und Lehrer ist das ziemlich schwierig. Wie erkennt man denn, dass es tatsächlich eine Depression ist und nicht nur Stimmungsschwankungen zum Beispiel in der Pubertät?

Hegerl: Das ist ein ganz wichtiger Punkt und das ist bei kleineren Kindern sehr, sehr schwierig und oft auch gar nicht richtig möglich. Aber so ab dem Jugendlichen-Alter kann der Fachmann es recht gut unterscheiden. Zum Beispiel: In der Depression geben die Leute an, keine Gefühle mehr empfinden zu können, auch keine Trauer. Die geben an, das Gefühl der Versteinerung zu haben. Oder wenn sie sagen, ich bin müde, dann meinen sie nicht, dass sie schläfrig sind, gut einschlafen können, sondern im Gegenteil. Das ist wie eine innere Daueranspannung, eine Erschöpfung bei Daueranspannung, und viele Menschen sagen, ich fühle mich permanent wie vor einer Prüfung, oder sie neigen zu Schuldgefühlen. Die Kinder und Jugendlichen sagen, ich bin eine Belastung für meine Eltern, ich bin ein schlechter Mensch, ich bin ein Versager. Das ist typisch Depression.

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Wenn sie sich beschweren über den Leistungsdruck oder über die Eltern, die sie nicht verstehen, das sind weniger Depressionen. Es gibt eine Reihe von Kennzeichen, die einem es erlauben... Auch das Morgentief: Zum Beispiel ist es so, dass Depressionen typischerweise am Morgen stärker ausgeprägt sind als abends. Eine Behandlung ist übrigens auch der Schlafentzug bei der Depression, was ja für viele zunächst mal abwegig erscheint, aber das ist ein etabliertes Verfahren, dass, wenn man die zweite Nachthälfte wach bleibt, die Depression dann plötzlich, obwohl sie seit Wochen besteht, abklingt. Das ist ein Verfahren, das in Kliniken angewandt wird. Zuhause kann man das nicht machen, aber in Kliniken.

"Die beiden Hauptsäulen sind Antidepressiva und Psychotherapie"

Zerback: Und in Kliniken – auch das hat die DAK jetzt in ihrer Studie so vorgelegt – da werden betroffene Kinder und Jugendliche – etwa acht Prozent, heißt es da – behandelt, und zwar durchschnittlich mehr als einen Monat lang. Da ist dann der Schlafentzug das eine. Wie wird damit sonst umgegangen?

Hegerl: Schlafentzug ist ein unterstützendes Verfahren, denn sobald die Menschen wieder schlafen, kommt die Depression zurück. Das ist keine eigenständige ausreichende Behandlung der Depression. Die beiden Hauptsäulen sind die Antidepressiva und die Psychotherapie. Bei der Psychotherapie vor allem ein Verfahren, das sehr pragmatisch im Hier und Jetzt ist: die sogenannte Kognitive Verhaltenstherapie. Die hat die besten Wirksamkeitsbelege. Mit diesen beiden Behandlungssäulen, Antidepressiva und Psychotherapie, da gelingt es eigentlich bei den allermeisten Menschen, die Depression zum Abklingen zu bringen.

Zerback: Aber Psychopharmaka in so jungen Jahren, ist das sinnvoll? Was ist da mit den Nebenwirkungen?

Hegerl: Bei Kindern ist die Wirksamkeit nicht gut belegt. Da gibt es ein Medikament, Vorteoxetin heißt das, da gibt es Studien, die das belegen. Aber insgesamt ist bei kleineren Kindern die Wirksamkeit von Antidepressiva nicht gut belegt. Da spielen dann psychotherapeutische und psychosoziale Interventionen eine viel größere Rolle.

Ab dem Jugendlichen-Alter, ab dem Junge-Erwachsenen-Alter sind Antidepressiva in ihrer Wirksamkeit sehr gut belegt.

"Gucken, dass der Mensch möglichst schnell wieder rauskommt"

Zerback: Jetzt haben wir acht Prozent, die in einer Klinik behandelt werden. Dann gibt es sicherlich noch eine Prozentzahl an Kindern und Jugendlichen, die auf einem anderen Weg behandelt werden, aber auch diejenigen, die gar nicht behandelt werden. Welche Gefahren hat es denn, wenn eine Depression in so jungen Jahren unbehandelt bleibt?

Hegerl: Depression ist eine schwere Erkrankung. Die erfasst den ganzen Körper. Es gibt vielfältige Veränderungen in den Körperfunktionen, in den Stresshormonen. Im Gehirn kann man viele Veränderungen feststellen. Das ist eine schwere Erkrankung und da muss man gucken, dass der Mensch möglichst schnell wieder rauskommt.

Bei Erwachsenen gibt es viele Studien, die zeigen, wenn man die Diagnose hat, ist die Lebenserwartung um zehn Jahre reduziert. Man muss das einfach erkennen. Das ist nicht nur eine Befindlichkeitsstörung oder eine Reaktion auf Stress, der von außen kommt, sondern es ist eine richtige Erkrankung, die man sehr ernst nehmen muss. Und man muss auch wissen, wer behandelt die eigentlich, und das ist zunächst mal der Facharzt oder der Hausarzt. Aber richtiger ist der Facharzt, und das ist der Psychiater und der Nervenarzt. Psychotherapie wird auch angeboten von einer Spezialgruppe. Das sind die Psychologischen Psychotherapeuten. Nicht jeder Psychologe kann das. Die können über die Kasse abrechnen. Da muss der Patient nichts bezahlen. Das ist auch wichtig zu wissen.

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"Schwierigkeiten, einen Platz beim Facharzt zu kriegen"

Zerback: Auch das haben wir heute gehört: Was ganz schwierig ist, dass viele Betroffene im Anschluss auch nicht weiter aufgefangen werden, sondern dass es da laut Studien noch viel Luft nach oben gibt. Was muss denn da passieren, um Versorgungslücken nach so einer stationären Behandlung zu schließen?

Hegerl: Es ist so, dass Menschen oft mit schweren Depressionen Schwierigkeiten haben, einen Platz beim Facharzt zu kriegen. Wir haben immer mehr Menschen, die eine Diagnose kriegen, weil sie besser erkannt wird, aber wir haben nicht mehr Fachärzte. Und wir haben auch nicht mehr Psychotherapeuten. Deswegen sind da lange Wartezeiten, vor allem auch, was die Psychotherapie angeht.

Zerback: Da muss dann die Politik steuern.

Hegerl: Da muss die Politik steuern. Es ist vor allem sehr wichtig, mehr Fachärzte zu haben, weil ein Facharzt kann 700, 800, 900 Patienten im Jahr betreuen; ein Psychotherapeut, der Einzeltherapien macht, oft nur 40, 50. Deswegen ist vor allem auch der Engpass bei den Fachärzten etwas, was mir Sorgen bereitet, zumal die häufiger auch die schwere Erkrankung behandeln.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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