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StartseiteKommentare und Themen der WocheMehr Selbstbewusstsein bitte!27.09.2019

Deutsche EinheitMehr Selbstbewusstsein bitte!

Der Bundestag hat heute über den Stand der Deutschen Einheit debattiert. Ein zentrales Problem sei weiter das Lohngefälle zwischen Ost und West, kommentiert Christoph Richter. Gleichzeitig sollten die Ostdeutschen mehr Werbung für sich machen und weniger Nabelschau betreiben.

Von Christoph Richter

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Fahne der Einheit vor dem Reichstag in Berlin. Foto vom 18. März 2018. | (dpa)
Eine Fahne, ein Land - und trotzdem gespalten? (dpa)
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Irgendwie ist alles im Fluss, die Einheit sei ein Glücksfall, es wird alles besser. Und man sei auf dem besten Weg, so ungefähr lautet der Tenor, wenn es um den aktuellen Stand der Deutschen Einheit geht. Lobhudelei nennen es die einen, Sonntagsreden aus der Berliner Blase die anderen.

Denn die Wirklichkeit zwischen Rostock und Aue, zwischen Cottbus und Salzwedel sieht eindeutig komplexer aus. Viele fühlen sich immer noch als Menschen zweiter Klasse, abgehängt und sehen sich als Wesen, die von Ethnologen – wie aus einer fernen Galaxie - betrachtet werden. Klar ist aber auch: Die Unterschiede zwischen Kassel und Rostock sind weiter – auch knapp 30 Jahre nach dem Mauerfall - unübersehbar. Und die Bruchkante verläuft entlang der wirtschaftlichen Entwicklung und damit entlang der ehemaligen innerdeutschen  Grenze.

Problem Lohngefälle

Und den Schuldigen hat man im Osten ausgemacht: Es ist der Westdeutsche und die Treuhand. Auch wenn es sie schon lange nicht mehr gibt, ist immer noch von Übernahme, Liquidation, Ausverkauf die Rede. Völliger Unsinn. Wenn man genau hinschaut, sind das eingebrannte Mythen, die mit der Wirklichkeit nichts zu tun haben. Denn die aktuelle wirtschaftliche Situation ist auch hausgemacht. Und sind Versäumnisse, für die man eben nicht so einfach mal den Westen verantwortlich machen kann, so wie es Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff – CDU – und Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow – Linkspartei – gerne tun.

Denn die ostdeutschen Landesregierungen waren es, die Unternehmer mit dem Label Billiglohnland, mit Dumping-Löhnen geworben haben. 1.500 Euro Netto sind keine Seltenheit, teils für studierte  - hochqualifizierte – Menschen. Da macht sich Verbitterung und Unmut breit. Humus für die völkischen Rechtspopulisten, die in den Landtagen und im Bund sitzen.

Mehr Selbstbewusstsein

Wenn das Land allerdings zusammenkommen will, dann muss sich genau da was ändern. Und man muss wegkommen von dem strukturellen Problem, dass im Osten keine Firmenzentralen, sondern nur die Zulieferer sitzen. Salopp gesagt, man ist immer nur der schlechtbezahlte Kellner, nie der besser entlohnte Koch. Aber wenn man will, dass der Ostdeutsche auch mal der Koch ist, dann muss sich die Wirtschaft bewegen. Unternehmer müssen ihre gläsernen Zentralen in die Neuen Bundesländern bringen. Und man muss natürlich deutlich mehr als den Mindestlohn zahlen. Nur das kann den Menschen zeigen, ihr seid nicht die Abgehängten.

Aber das soll jetzt keine Einladung zum Jammern sein. Ganz im Gegenteil, die Ostdeutschen müssen auch viel mehr Werbung für sich machen. Will man in den Reigen der Großen aufgenommen werden, also will man der Koch sein, dann muss man auch weltoffen, tolerant und gelassen sein, Verantwortung übernehmen.

Aber: In diesem Prozess sind beide Seiten gefragt. Die Menschen aus dem Taunus und Gräfelfing müssen ihre Selbstgefälligkeit, ihr Desinteresse gegenüber den Ostdeutschen ablegen, die Menschen zwischen Elbe und Oder ihre ständige Befindlichkeits-Jammerei.

 

Christoph Richter  (©Deutschlandradio / Bettina Straub)Christoph Richter (©Deutschlandradio / Bettina Straub)Christoph Richter, aufgewachsen am Rande Ost-Berlins, studierte in Hamburg und Madrid Soziologie, Germanistik und Philosophie. 2004 gründete er in Berlin ein Radio-Korrespondenten-Büro und arbeitete von dort für alle Hörfunkwellen der ARD, die Deutsche Welle, den ORF und natürlich die Programme von Deutschlandradio. Seit 2013 ist er Landeskorrespondent in Sachsen-Anhalt.

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