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StartseiteWirtschaft und GesellschaftDeutsche kaufen weniger Aktien16.05.2013

Deutsche kaufen weniger Aktien

Ressentiments gegen private Investments

Zurzeit haben es Wertpapiere auf dem deutschen Aktienmarkt schwer. So sollte die Aktie der Deutschen Telekom einst zu einer Volksaktie werden. Doch die Anleger sind enttäuscht. Die Deutschen scheinen am Börsengeschäft nicht mehr interessiert zu sein. Zu groß waren die Verluste für viele in der Finanzkrise.

Von Michael Braun

Deutsche Börse in Frankfurt: Die Aktienkultur in Deutschland hat sich verändert. (dpa / picture alliance / Frank Rumpenhorst)
Deutsche Börse in Frankfurt: Die Aktienkultur in Deutschland hat sich verändert. (dpa / picture alliance / Frank Rumpenhorst)

Der Börsenplatz war an diesem Novembertag vor 16 Jahren in Magenta getaucht. Am Tag des Börsengangs der Telekom waren die Geräusche der Stadt nicht mehr zu hören. Die Marketingaktionen des Unternehmens übertönten alles. Im Vorfeld ihres Börsengangs hatte die Telekom auch Kronzeugen ihres Börsenerfolgs benannt, den Schauspieler Manfred Krug etwa:

"Haben Sie nichts vergessen? Wirklich an alles gedacht? Huch! Die Telekom-Aktie."

Er hat sich mittlerweile dafür entschuldigt, eine Aktienhausse ohne Beispiel mit angefacht zu haben. Die Telekom-Aktie wurde davon auf mehr als 103 Euro getrieben. Heute ist sie zwar kräftig gestiegen, aber auf im Verhältnis zu damals immer noch kümmerliche rund zehn Euro. Von solchen Kurseinbrüchen hat sich die Anlegerschaft immer noch nicht erholt. Zwar gibt es einen harten Kern von Menschen in Deutschland, die sich von der Aktie als Anlageinstrument nicht abbringen lassen.

"Daneben gibt es aber einen Anteil von – ich sag jetzt einmal - 90 Prozent der Bevölkerung, die der Aktie kritisch bis neutral gegenüberstehen, die nicht in Produktivkapital investieren, sodass, wenn man nach der gesamten Aktienkultur in Deutschland fragt, über die gesamte Gesellschaft hinweg, es da leider nicht zum Besten bestellt ist."

Sagt Franz-Josef Leven vom Deutschen Aktieninstitut. Das Institut hat zählen lassen und festgestellt, dass im zweiten Halbjahr vorigen Jahres die Zahl der Aktienbesitzer in Deutschland um fast 13 Prozent auf 8,8 Millionen gesunken ist – dies also gerade zu der Zeit, als die Aktienkurse nur eine Richtung kannten: nach oben. Markus Walch ist Chef der dwpbank, einer Abwicklungsbank, die für die Kunden von Sparkassen, Volks- und Raiffeisenbanken Wertpapierdepots verwahrt und verwaltet. Er weiß, ob die Kunden kaufen, verkaufen oder ihr Depot auflösen. Und er hat wachsende Passivität festgestellt: Als die Kurse stiegen, ist die Zahl der Wertpapiertransaktionen um nahezu ein Viertel gefallen. Er kann es kaum fassen:

"Wir sehen jetzt seit einem halben Jahr eigentlich perfekte Bedingungen für ein sich belebendes Aktiengeschäft. Aber es tritt nicht ein."

Professor Hartmut Kliemt, der an der Frankfurt School of Finance and Management politische Philosophie und Ökonomik lehrt, schaut in Geschichte und Gemüt der Deutschen, um zu erklären, warum die Hausse an der Deutschen Börse ohne die Deutschen stattfindet:

"Ich glaube, dass es ein generelles Ressentiment in Deutschland gegen private Investments in Kapitalgüter im weiteren Sinne gibt, wahrscheinlich auch unterstützt durch die Inflationsgefahren, durch die Erfahrung des Verlustes großer Sparvermögen."

Dabei kamen Aktionäre gerade bei der umstrittenen Rettung Zyperns recht gut weg, erinnert Bankvorstand Walch:

"Die Aktienanlagen genießen einen besonderen Schutz, sie werden getrennt von dem Cashvermögen von Banken aufbewahrt. Gerade in Zypern haben wir ja gesehen, dass eher die Geldeinlagen teilweise nicht zurückgezahlt werden an die Anleger."

Keinen Schutz gibt es vor Kursverlusten: Jetzt noch einzusteigen, als der Deutsche Aktienindex heute mit gut 8400 Punkten ein neues Allzeithoch erreichte, könnte schon wieder zu spät sein. Zur Aktienkultur gehört auch: Käufe dosieren, auch mal aussteigen und vor allem: nicht alles auf eine Karte zu setzen.

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