Freitag, 19.04.2019
 
Seit 00:05 Uhr Fazit
StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturÜber die Geschichte einer Idee02.10.2017

Deutsche NationÜber die Geschichte einer Idee

Der deutsche Nationalismus impliziert zumeist exklusives Denken, bestimmt also alles, was nicht deutsch ist. Das ist eine Spielart des Nationalismus. Eine andere definiert eine Nation über ihre politischen Grundannahmen. Der Historiker Andreas Fahrmeir erläutert in seinem Buch "Die Deutschen und ihre Nation" die Entwicklung des Begriffs.

Von Michael Kuhlmann

Deutschlandfahnen wehten am 28.09.2016 vor dem Kronentor des Zwingers in Dresden (Sachsen) im Wind. Ab dem 1. Oktober 2016 begannen die zentralen Feierlichkeiten rund um den Tag der Deutschen Einheit in der Landeshauptstadt Sachsens. (picture alliance/dpa - Sebastian Kahnert)
Tag der Deutschen Einheit - 2016 war die zentrale Feier in Dresden (picture alliance/dpa - Sebastian Kahnert)
Mehr zum Thema

Was ist deutsch?

Patriotismus Muss Nationalismus immer eine Gefahr sein?

Als die Alliierten im Jahre 1945 das Deutsche Reich endlich niedergeworfen hatten, da war für die Welt eines klar: Der deutsche Nationalismus hatte allen Kredit verspielt. Hatte er doch der NS-Tyrannei mit den Weg bereitet. Unbeschadet dessen lohnt es sich allerdings, den Blick zu weiten. Andreas Fahrmeir stellt zwei Facetten heraus.

"Auf der einen Seite trug der deutsche Nationalismus durch seinen Beitrag zur Selbstmobilisierung nationalisierter Gesellschaften besonders dazu bei, die Zerstörungskraft von Kriegen zu vergrößern und die Dauer militärischer Konflikte zu verlängern. Auf der anderen Seite formulierte auch der deutsche Nationalismus Vorstellungen von innerer Freiheit, Gleichheit und Mitbestimmung, die Wege in eine liberale, demokratische und sozialstaatliche Gesellschaft eröffneten."

Deutscher Nationalismus: traditionell "westlich" oder "östlich"?

Diese Richtung stand allerdings lange im Hintergrund. Der deutsche Nationalismus operierte schon in der frühen Neuzeit mit anderen Kriterien: der Sprache, der Kultur, der Abstammung. Bis um 1800 allerdings interessierten sich dafür ohnehin nur ein paar elitäre Denker. Erst im 19. Jahrhundert breitete sich das nationale Denken in der Bevölkerung aus. Weit entfernt war das allerdings vom offenen Ansatz der Französischen Revolution. Der deutsche Nationalismus gewann seine geschlossene, "östliche" Note - um 1900 hatte sie sich immer weiter verfestigt. Der Autor schreibt:  

"Die intellektuelle Konstruktion einer deutschen Nation war bis zum Ende des 19. Jahrhunderts weitgehend abgeschlossen, und seit dieser Zeit lässt sich der Nationalismus auch als bürgerliche Massenbewegung beobachten. Die administrative Umdeutung von Staatsangehörigkeit in einen Ausdruck der Zugehörigkeit zu einer durch Sprache, Kultur und Abstammung definierten Nation erfolgte dagegen erst später: Hier erweist sich die Weimarer Republik als wichtige Zäsur, da sie mit Kategorien der 'Rasse' und 'Volkszugehörigkeit' zu operieren begann, die im Nationalsozialismus dann zur Grundlage einer radikalen Exklusionspolitik wurden."

Die tiefen emotionalen Wunden nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg hatten das noch verstärkt. Es war auch jenes nationale Denken, das viele deutsche Soldaten im Zweiten Weltkrieg mit motivierte - selbst wenn sie keine Nazis waren.

Nationaldenken im geteilten Deutschland

Für die ersten Jahrzehnte der Bundesrepublik wiederum konstatiert Fahrmeir ein nach und nach gewandeltes Bewusstsein. "Vor allem hatten sich Sinn und Status der nationalen deutschen Geschichte gegenüber Kaiserreich und Weimarer Republik radikal gewandelt. An die Stelle der deutschen Geschichte als Vorgeschichte eines machtvollen Staats trat die Vision eines friedfertigen, in europäische Strukturen eingebundenen Landes, das sich vor allem durch Rechtsstaatlichkeit und Verfassungstreue auszeichne - und dem ein Nationalismus gemäß war, der den rationalen Bezug auf eine mustergültige Verfassung und die Integration in 'den Westen' oder 'Europa' zum Kern der eigenen Identität erhob."

Anders war es in der DDR: Zunächst distanzierte sich der SED-Staat entschlossen von der deutschen Geschichte. Ab den achtziger Jahren allerdings schwenkte er um - und erkor ausgerechnet den einst reaktionärsten deutschen Einzelstaat zum Identifikationsobjekt. Auch hier hatte die DDR also wenig gemein mit der westlichen Demokratie. 

"Das trug dazu bei, dass im Moment der Wiedervereinigung recht unterschiedliche deutsche Nationsvorstellungen aufeinandertrafen: in den neuen Bundesländern ein Gefühl der Zugehörigkeit zur preußisch-deutschen Nation. In den alten Bundesländern demgegenüber gerade die verbreitete Abkehr von einem Fokus auf die deutsche Nation." 

Nationalgefühl heute: auf Konfrontationskurs zu Wissenschaft und Politik 

Bekanntlich hat sich auch letzteres seither gewandelt. Nach Fahrmeirs Beobachtung haben Phänomene wie die Fußball-WM 2006 ebenso dazu beigetragen wie der Umstand, dass sich das vereinte Deutschland entgegen anfänglichen Befürchtungen eben doch willig in europäische Strukturen einpasste, also harmloser agierte als befürchtet. Im Windschatten dessen wurde das deutsche Nationalgefühl wieder salonfähig. Und heute? 

"Durch die Globalisierung ist eine neue Konstellation entstanden, welche die Situation des 18. Jahrhunderts gewissermaßen umkehrt. Während damals die wissenschaftliche und politische Konstruktion der 'Nation' nur begrenzte populäre Resonanz hatte, kontrastiert in der Gegenwart die wissenschaftliche Dekonstruktion und der politische Abschied von Nationalstaatlichkeit als zentralem Wert mit einer breiten Popularität von Nationalstaatsvorstellungen und tendenziell exklusiven Nationskonzepten." 

Die Geschichte dieses nationalen Denkens in Deutschland hat Andreas Fahrmeir in einer knappen Form zusammengefasst. Er hat sich dagegen entschieden, seine Darstellung mit vielen Beispielen zu illustrieren - das Buch wäre dann doppelt so dick geraten. Dem Autor gelingt es, die teils nachvollziehbaren, teils absurden Gedankengänge deutscher Nationalisten sachlich darzustellen. In gleicher Weise skizziert er die politischen Auswirkungen. Fahrmeir befasst sich nicht mit der Frage, inwieweit sich eine Einteilung der Menschheit in Nationen überhaupt rational begründen lässt. Er belässt es beim Hinweis auf eine Debatte: Dort glauben die einen, eine Nation sei eine objektive Größe; die anderen betrachten sie als reines Gedanken-Konstrukt. In der Zeit der Aufklärung interessierten sich Forscher eher dafür, wie Ökonomie und Gesellschaft funktionieren - und die italienischen Humanisten hielten den Nationalismus für eine überflüssige geistige Fessel. Angesichts der realen Probleme, denen sich die Menschheit im 21. Jahrhundert gegenübersieht, kann man diesen über 500 Jahre alten Denkern kaum widersprechen. 

Andreas Fahrmeir: "Die Deutschen und ihre Nation. Geschichte einer Idee"
Reclam Verlag, 214 Seiten, 20,00 Euro.

 

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk