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StartseiteInterviewHistoriker: Kaiserreich wirkt bis heute nach17.01.2021

Deutsche Reichsgründung vor 150 JahrenHistoriker: Kaiserreich wirkt bis heute nach

Im Kaiserreich steckten die Wurzeln der Demokratie von Weimar und auch der Bundesrepublik drin. Aber eben auch die Wurzeln des Nationalsozialismus, sagte der Historiker Christoph Nonn im Dlf. Auch 150 Jahre nach der Gründung wirke das Kaiserreich noch nach - vor allem in der politischen Debatte.

Christoph Nonn im Gespräch mit Anja Reinhardt

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Gemälde von Anton von Werner von 1885 "Die Proklamierung des Deutschen Kaiserreiches” zeigt wie König Wilhelm I. von Preußen 1871 im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles zum Deutschen Kaiser ausgerufen wird (picture alliance / akg-images)
Am 18. Januar 1871 wurde König Wilhelm I. von Preußen im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles zum Deutschen Kaiser ausgerufen (picture alliance / akg-images)
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Am 18. Januar 1871 wurde mit der Proklamation des Kaiserreiches die Deutsche Einheit ausgerufen. Das Bild von diesem Tag wird heute maßgeblich von Anton von Werners Gemälde bestimmt, der die Proklamation im Spiegelsaal von Versailles mit sehr viel Pathos glorifiziert hat.

Reichsgründung: Abfolge von Pleiten und Pannen

Die Zeremonie zur Reichsgründung sei eigentlich eine Abfolge von Pleiten und Pannen gewesen, die erst im Nachhinein mit sehr viel symbolischer Kraft aufgemotzt worden sei, sagte Nonn. Man habe angefangen, Nationalhelden, um aus diesem Ereignis einen Mythos zu machen, der die innere Einheit schaffen sollte. Doch viele Teilnehmer seien von der Reichsgründung nicht begeistert gewesen - denn das habe für viele den Verlust von Macht und Einfluss bedeutet.

Deutsch-Französischer Krieg als Katalysator

Der Historiker sieht den Krieg von 1870/71 gegen Frankreich als Katalysator, um die Einigung zu ermöglichen. "Davor waren die Württemberger und ganz besonders die Bayern eigentlich dem abgeneigt. Und als der Krieg dann einmal kam, der eigens entgegen des Mythos nicht von Bismarck provoziert worden ist, sondern von französischer Seite, dann gab es die Gelegenheit, diese Ressentiments zu überwinden und den Nationalstaat zu schaffen", sagte der Historiker.

Köln am Rhein, Blick auf die Südbrücke mit Straßenbahn und Rhein (Illustration nach einem Foto, vermutlich um 1915) (imago stock&people) (imago stock&people)Zwischen Feudalstaat und Industriegesellschaft
Es war eine Kriegsgeburt, die zu radikalem Nationalismus führte: Im Deutschen Kaiserreich regierte der Adel, dominierte das Bürgertum die Wirtschaft, prosperierte die Wissenschaft.

Kaiserproklamation in Versailles 1871

Dass der preußische König Wilhelm I. im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles vor den Toren von Paris zum deutschen Kaiser proklamiert wurde, sei als Demütigung der französischen Gegner beabsichtigt gewesen. Preußische Truppen und deren süddeutsche Verbündete hatten zuvor das Reich des französischen Kaisers Napoleon III. militärisch besiegt.

Der Historiker warnte aber davor, daraus langfristige historische Entscheidungen herauszufiltern: "Der Erste Weltkrieg 1914 oder auch der Zweite Weltkrieg schon gar nicht, waren damit in keiner Weise determiniert. Es gab zwar so eine deutsch-französische Erbfeindschaft, aber es gab auch häufig den Versuch, diese zu deeskalieren", sagte Nonn im Deutschlandfunk.

Holzschnitt der Proklamation Wilhelms I. zum ersten deutschen Kaiser. (Imago / imagebroker) (Imago / imagebroker)Gründung des Deutschen Reichs als Demütigung für Frankreich 
Vor 150 Jahren wurde in Versailles das Deutsche Reich proklamiert. Die damit verbundene Erniedrigung Frankreichs habe zur deutsch-französichen Erbfeindschaft geführt und weitere Kriege befördert, sagte die Historikerin Hélène Miard-Delacroix im Dlf.

Kaiserreich wirkt bis heute nach

Der Historiker macht deutlich, dass das Kaiserreich bis heute nachwirkt - vor allem die geschichtspolitische Debatte. Er sprach die schwarze Legende des Kaiserreiches an - "der autoritäre, militaristische, antisemitische Obrigkeitsstaat" und "diese noch einseitigeren Vereinnahmungen als die gute alte Zeit."

Mit Blick auf die Vorkommnisse vor dem Reichstag im August 2020 sagte der Historiker: "Aber gerade die Leute, die auf den Treppen des Reichstags oder sonst wo jetzt Reichskriegsflaggen schwenken, haben in der Regel überhaupt keine Ahnung davon, was das Kaiserreich wirklich gewesen ist."

"Im Kaiserreich stecken die Wurzeln der Demokratie, der Demokratie von Weimar, auch die Demokratie der Bundesrepublik drin. Aber andererseits eben auch die Wurzeln des Nationalsozialismus und das ist wahrscheinlich der entscheidende Grund, warum das Kaiserreich nach wie vor so umstritten ist", sagte Christoph Nonn im Deutschlandfunk.

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