Campus & Karriere 18.06.2019

Deutscher Lehrerverband zum SchulsystemAbitur muss vergleichbarer werdenHeinz-Peter Meidinger im Gespräch mit Regina Brinkmann

Beitrag hören Der Bundesvorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger, aufgenommen am 15.04.2016 in seinem B (dpa/picture-alliance/Gregor Fischer)Es gebe eine zunehmende Anzahl an Abiturienten die den Anforderungen eines Studiums nicht gewachsen sind. (dpa/picture-alliance/Gregor Fischer)

Einführung von G8, Lehrermangel, Lehrplankürzungen: Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, sieht viele Gründe, warum Abiturienten den Studienanforderungen nicht mehr gewachsen sind. Im Dlf forderte er "massive Schritte", um die Schwachstellen im deutschen Bildungssystem zu beheben.

Regina Brinkmann: Einige haben es schon schwarz auf weiß, andere müssen sich noch etwas gedulden bis sie ihre Abi-Zeugnisse in den Händen halten. Die Hochschulreife, die ihnen mit diesem Dokument attestiert wird, haben offensichtlich aber immer weniger Schulabgänger. So die Kritik von Peter Andre Alt, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz. Er spricht in dieser Funktion immerhin für mehr als 260 Hochschulen.

In einem Interview mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland beklagt Alt, es gäbe gravierende Mängel, was die Studierfähigkeit zahlreicher Abiturienten angehe. So hapert es vor allem an Mathe. Außerdem falle es den Studierenden schwerer, lange Texte zu lesen und zu schreiben, so der HRK-Präsident. Was läuft also in den Schulen schief, dass Abiturienten solche Anforderungen später an der Uni nicht beherrschen. Diese Frage habe ich weitergereicht an den Präsidenten des Deutschen Lehrerverbandes, an Heinz-Peter Meidinger.

Heinz-Peter Meidinger: Also ich glaube tatsächlich, dass die Kritik der Hochschulrektorenkonferenz zu großen Teilen berechtigt ist. Wir haben nach wie vor sehr gute Abiturienten in Deutschland, aber wir haben leider auch eine zunehmende Anzahl an Abiturienten, Abiturientinnen, die den Anforderungen eines Studiums nicht gewachsen sind. Das hängt auch mit der mangelnden Vergleichbarkeit in Deutschland zusammen.

Das Abitur in den verschiedenen Bundesländern, über die verschiedenen Wege zum Abitur auch, ist zu unterschiedlichen Preisen zu haben. Das heißt, hier sind die Anforderungen nicht vergleichbar. In einem Bundesland muss man die Abiturprüfung schriftlich in Mathe machen, im anderen nicht. Die Aufgabenpools, die für mehr Vergleichbarkeit sorgen sollen, werden in einem Bundesland in Anspruch genommen, im anderen nicht.

Deswegen wundert es mich auch nicht, dass wir eine immer größere Anzahl an Studienabbrechern haben, vornehmlich in den Bachelor-Studiengängen. Ich glaube, wir müssen massive Schritte tun, massive Maßnahmen treffen, um die Vergleichbarkeit des Abiturs in Deutschland und dessen Qualität zu heben.

Brinkmann: Inwieweit stehen denn Sie als Lehrer und die Schulen selbst unter Druck, also möglichst viele vermeintlich gute Abiturienten zu entlassen?

Meidinger: Ja, natürlich. Es gibt so die Erwartungshaltung, dass jemand, der dann beispielsweise am Gymnasium ist, natürlich auch das Abitur schafft. Es sind Schulen in der Kritik, die höhere Durchfallquoten haben. Ich schließe nicht aus, dass bei dem einen oder anderen Abiturienten dann auch mal das eine oder andere Auge zugedrückt wird, und das ist in Hinblick auf den späteren Studienerfolg wahrscheinlich kein guter Rat gewesen.

Brinkmann: Nun werden ja auch so Einsernoten viel leichter vergeben als früher. Also früher musste man 100 Prozent der Leistungen bringen, heute reichen schon 90 Prozent. Würden Sie dafür auch plädieren, dass man da strengere Maßstäbe ansetzt?

Meidinger: Also mit Sicherheit. Es sollte so sein, wenn eine Eins vergeben wird im Abitur, tatsächlich auch wirklich eine besondere, sehr gute Leistung vorliegt. Wenn wir Bundesländer haben, die demnächst eine Eins beim Abi-Durchschnitt vor dem Komma haben – also wir haben ja Bundesländer, die sind knapp davor, bei 2,0, 2,1 –, dann sind die wirklich guten Abiturientinnen und Abiturienten ja gar nicht mehr erkennbar.

Meidinger: G8 und Lehrermangel waren der Qualität des Abiturs nicht zuträglich

Brinkmann: Der HRK-Präsident sieht vor allem in den letzten fünf Jahren eine erhebliche Verschlechterung. Was ist in diesem Zeitfenster in den Schulen schlechter gelaufen?

Meidinger: Also ich weiß nicht, ob die Beobachtung zutrifft, dass das jetzt vor allem eine Folge ist der Entwicklung in den letzten fünf Jahren, aber natürlich hatten wir im letzten Jahrzehnt bestimmte Entwicklungen, die der Qualität des Abiturs nicht zuträglich waren, beispielsweise die überstürzte Einführung des G8 in den alten Bundesländern, die ja doch dann auch zu Lehrplankürzungen geführt hat.

Wir haben den Lehrermangel gehabt, der auch die Gymnasien seinerzeit und die beruflichen Schulen, die ja auch das Abitur verleihen, betroffen hat. Und wir haben natürlich auch eine zunehmende Anzahl an Schülerinnen und Schülern gehabt, die Einrichtungen besucht haben, die zum Abitur führen. Wir haben eine Steigerung der Hochschulzugangsquote mittlerweile auf fast 50 Prozent, und das hat auch Auswirkungen auf die Qualität gehabt.

Brinkmann: Das heißt, nicht alle Abgänger kommen von besonders guten Ausbildungsstätten, Schulen, oder wie muss ich mir das vorstellen?

Meidinger: Also ich würde jetzt nicht unbedingt sagen, der eine Weg zum Abitur ist schlecht oder qualitativ schlecht, der andere gut. Ich würde mir aber tatsächlich wünschen, dass wir mal – und das wäre möglich aufgrund des statistischen Materials, das die Hochschulen haben –, klare Auskünfte darüber, was das Abitur, also der Zugang zur Hochschule, über das Abitur in einem bestimmten Land oder auch über eine bestimmte Schulart, was das für Auswirkungen hat auf den Studienerfolg.

Also gibt es Wege, die erfolgreicher sind, die besser vorbereiten für das Studium, und gibt es Wege, wo man sozusagen nachbessern muss. Es geht nicht darum, da den Schwarzen Peter rumzuschieben, sondern zu sehen, wo tatsächlich die Schwachstellen im deutschen Bildungswesen sind.

"Es werden da häufig Datenschutzgründe vorgeschoben"

Brinkmann: Und dieser Wissensaustausch findet bisher nicht statt zwischen Hochschulen und Schulen?

Meidinger: Es werden da häufig Datenschutzgründe vorgeschoben. Es ist leider so, dass wir kaum Zahlen darüber zur Verfügung gestellt bekommen, wie es mit dem Studienerfolg von Studenten aussieht je nach Herkunft. Da würde ich mir wünschen, dass wir mehr Transparenz bekommen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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