Seit 23:10 Uhr Das war der Tag

Montag, 14.10.2019
 
Seit 23:10 Uhr Das war der Tag
StartseiteKultur heuteRuinöse Räume09.05.2019

Deutscher Pavillon auf der BiennaleRuinöse Räume

Der Deutsche Pavillon auf der 58. Biennale in Venedig wird von Franciska Zólyom kuratiert und von Natascha Süder Happelmann bespielt. Die Bildhauerin, immer durch ihre Sprecherin Helene Duldung vertreten, zeigt mit "Ankersentrum" eine massive Staumauer mit Sound-Installation.

Helene Duldung im Gespräch mit Stefan Koldehoff

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Installationsansicht: Steinartige Gebilde liegen vor einer grauen, betonartigen Wand, aus der eine nasenförmige Auswölbung ragt. (Deutschlandradio / Stefan Koldehoff)
Ausstellungsansicht von Natascha Süder Happelmanns Installation "Ankersentrum" im Deutschen Pavillon der Biennale 2019 in Venedig (Deutschlandradio / Stefan Koldehoff)
Mehr zum Thema

Kunst-Biennale von Venedig Goldene Löwen für deutsche Kunst und Künstler

Open Border Festival Flüchtlinge zeigen ihre Lebenswelten

Politische Kunst Was bewirkt die Waffe Kunst?

Die 9. Berlin Biennale 2016 Schlachtfeld der konsumistischen Selbstverklärung

Stefan Koldehoff: Warum spreche ich eigentlich nicht mit der Künstlerin? Warum spreche ich mit Ihnen?

Helene Duldung: Danke für die Frage, ich habe mir auch einige Gedanken darüber gemacht und möchte Ihnen folgendermaßen antworten: Manche Räume sind ja eigentlich schon Ruinen, wenn sie geschaffen werden. Ihr ruinöser Charakter steckt oft schon in der Idee. Aber die dringende Frage ist: Können Ruinen auch dauerhaft Schaden anrichten? Also, anhaltend ruinös sein? Leider scheint dies der Fall zu sein. Es werden Entscheidungen getroffen, Dinge veranlasst, gebaut, tief gebohrt, abgetragen, abgeholzt, ausgehöhlt, ausgerottet, ausgeschlossen, weggeschlossen, abgeschoben – obwohl klar ist, dass der Vorgang dauerhaft schadet. Und trotzdem wird er veranlasst, ja sogar verteidigt. Das ist schon ganz schön beeindruckend, aber auch verwirrend. Also wir sind zunehmend von dieser Art ruinöser Räume umgeben. Daher findet das Leben und damit auch die Suche nach Formen und Möglichkeiten von Widerstand und Solidarität vermehrt in Ruinen statt. Sie werden in Beschlag genommen, umgewidmet, umgebaut, auch bewohnt von den unterschiedlichsten Lebensformen und Existenzen. Dabei ist die Ruine selbst weniger von Bedeutung, aber ihre Umwidmung dafür umso dringlicher.

Eigentlich müsste etwas passieren

Koldehoff: Muss ich davon ausgehen, dass, wenn ich Ihnen die nächste Frage stelle, dass ich die gleiche Antwort bekomme?

Duldung: Das ist eine gute Frage! Was mich bewegt: Wie kann ich mit offenen Geheimnissen umgehen? Ich meine damit Geheimnisse, die keine sind. Weil alle ja darum wissen. Also wie adressiert man etwas, wo nichts enthüllt werden kann? Wenn die europäische Union die Seenotrettung abschafft, aber natürlich nicht für alle Menschen, nur für bestimmte, dann müsste eigentlich etwas passieren, weil das Problem ja da ist! Aber offene Geheimnisse sind eigentümlich resistent gegen Bloßstellung und Beweislast. Und sie stehen dafür, dass die Verhältnisse als unverletzlich und unüberwindbar begriffen werden. Das sind Fragen, die uns beschäftigen.

Koldehoff: Sie fungieren als Sprecherin und Sie sprechen für die Künstlerin, Sie scheinen aber die Antworten auf die Fragen, die ich Ihnen stelle, nicht mit der Künstlerin absprechen zu müssen. Wie funktioniert das? Sind Sie wesensgleiche Menschen?

Duldung: Wenn man genau hinsieht, tragen viele Formen, gebaute oder gewachsene, das Wissen um ihre Anwendung in sich. Staudämme zu Beispiel sperren Wasser, um den entstehenden Wasserdruck zu Energie zu akkumulieren. Sie neigen und wölben sich gegen den Wasserdruck, mit dem sie fest rechnen. Wenn der Wasserdruck zu hoch ist oder falsch berechnet wird, dann brechen sie. Aber auch, wenn das Wasser versiegt beeinflusst das die Stabilität. Das heißt, die Form ist der Ausdruck von einem Vorgang, einem Vorgang der Akkumulation.

Adaption statt Pseudonym

Koldehoff: Was haben Sie heute Morgen gefrühstückt?

Duldung: Ich möchte darauf antworten, dass die Künstlerin, Natascha Süder Happelmann, sich der bedeutenden Aufgabe mit der Gestaltung des Deutschen Pavillons in Venedig, zunächst einmal annähert, indem sie ihren Namen anpasst. Dies kam folgendermaßen zustande: Bei der Adressierung der Künstlerin durch öffentliche Stellen, war durch Fehlschreibung und Autokorrektur im Laufe der Zeit eine Sammlung von Namensvarianten entstanden. Und dadurch entstand eine Instabilität im Namensbild, die für diese wichtige Aufgabe nicht adäquat scheint. Die Künstlerin wollte sich durch die Maßnahme der Anpassung dieser bedeutenden, repräsentativen Herausforderung der Gestaltung des Deutschen Pavillons in Venedig stellen. Und die optimale Form dafür ist Integration. Es handelt sich also bei dem Namen Natascha Süder Happelmann nicht um ein Pseudonym sondern um Adaption. Ich verwiese auch gerne noch mal auf die Videos von Natascha Süder Happelmann, die auf verschiedenen Social Media-Plattformen veröffentlicht wurden und auf der Website des Pavillons zu sehen sind. Das letzte ist gerade erst erschienen und zeigt die Situation vor dem Rettungsschiff in Iuventa, das seit August 2017 im Zollhafen von Trappani liegt und nicht in See stechen darf.

Koldehoff: Vielen Dank!

Duldung: Dankeschön!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk