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StartseiteWirtschaft und Gesellschaft"Städte dürfen nicht zu Autobahnen mit angebauten Häusern werden"05.06.2019

Deutscher Städtetag-Präsident Lewe"Städte dürfen nicht zu Autobahnen mit angebauten Häusern werden"

Eine deutliche Förderung des Bahn- und Busverkehrs und vor allem des Fahrradverkehrs - nur mit solchen Maßnahmen könne man die Verkehrswende umsetzen, sagte der Präsident des Deutschen Städtetages, Markus Lewe, im Dlf. Dabei gehe es nicht nur um den Klimaschutz, sondern um die Lebensqualität in den Städten.

Markus Lewe im Gespräch mit Jessica Sturmberg

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Abendlicher Berufsverkehr auf dem Kaiserdamm im Zentrum von Berlin. Foto: Michael Kappeler/dpa | Verwendung weltweit (Michael Kappeler / dpa)
"Städte dürfen nicht zu Autobahnen mit angebauten Häusern werden", sagte der Präsident des Deutschen Städtetages, Markus Lewe, im Dlf (Michael Kappeler / dpa)
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Jessica Sturmberg: Schlechte Luft, drohende Fahrverbote, der Wunsch vieler Menschen generell nach klimafreundlicheren Umgebungen, dazu wenig bezahlbarer Wohnraum und viele soziale Brandherde – die Städte haben gerade eine Menge Aufgaben, die sie bewältigen müssen und das wird alles gerade in Dortmund auf der HV des Deutschen Städtetages besprochen. Noch-Präsident Markus Lewe, Oberbürgermeister von Münster hat in seiner Rede heute gesagt, gerade beim Thema Verkehr müsste jetzt geklotzt und nicht gekleckert werden. Darüber habe ich vor der Sendung mit ihm gesprochen und Markus Lewe gefragt, wie er sich das genau vorstellt?

Markus Lewe: Na ja. – Erst mal: Guten Tag! – Das heißt natürlich, dass wir nicht mit einzelnen kleinen Maßnahmen diese Verkehrswende einführen können, sondern wirklich mit groß angelegten Maßnahmen. Dazu gehört eine deutliche Förderung des Bahn- und Busverkehrs. Dazu gehört der Abbau des Investitionsrückstands, der mittlerweile bei 38 Milliarden Euro liegt. Aber dazu gehört auch die intensive Förderung des Fahrradverkehrs.

Sturmberg: Wenn Sie sagen, klotzen statt kleckern, woher soll das Geld kommen?

Lewe: Wir haben im Moment eine noch verhältnismäßig gute Konjunktur. Wir machen das ja auch aus von einem recht hohen Wohlstand, den wir im Moment haben. Aber wenn wir heute nicht die nötigen infrastrukturellen Weichen stellen für die nächsten 20 oder 30 Jahre, dann werden wir spätestens in zehn Jahren vor erhebliche, fast chaotische Zustände gestellt werden. Und wenn man das erkennt, wäre es natürlich fahrlässig, nicht zu reagieren. Deshalb muss das jetzt eingeführt werden, und es geht nicht nur um Klimaschutz. Es geht auch um die Qualität, die Lebensqualität in den Städten. Städte dürfen nicht zu Autobahnen mit angebauten Häusern werden, sondern Städte sind vor allen Dingen Orte, die in diesem knappen Gut öffentlichem Raum Orte anbieten müssen für Begegnungen, für Freundschaften, einfach auch, wo diese Vielfalt der Städte sich wiederspiegelt und wo es nicht dazu führt, dass die jeweiligen Menschen nur noch anonym in ihren Häusern wohnen.

"Straßen sind zu schade, um nur Parkplatzfunktionen wahrzunehmen"

Sturmberg: Machen Sie mal diese Vision ein Stück weit konkret. Wenn Sie mal ein Bild zeichnen, wie soll das aussehen?

Lewe: Mein Bild von den Innenstädten und auch von den Stadtteilen muss so aussehen, dass natürlich der Verkehr funktioniert, dass ich eine deutlich verbesserte Bahnanbindung habe in der Stadt und aus der Stadt heraus, aber dass ich so gute Fahrradanbindungen habe, dass die Bürgerinnen und Bürger selber sagen, Mensch, bei dem tollen Angebot wäre es doch töricht, sich ins Auto zu setzen und Lebenszeit im Stau zu verschwenden, sondern da steige ich lieber um.

Der zweite Punkt ist: Die Straßen oder manche Straßen auch in den Innenstädten sind viel zu schade, um nur Parkplatzfunktionen wahrzunehmen. Die wieder mehr zu nutzen, um vielleicht kleine Cafés da hinzubauen oder kleine Beete anzulegen, wo sich Nachbarschaften treffen können, wo Kinder ungestört spielen können. Das muss das Bild unserer Städte der Zukunft sein, weil sie einfach zu kostbar sind, als nur funktional gesehen zu werden.

Sturmberg: Sie haben da natürlich auch sehr viele Menschen, die an ihrem Auto hängen und die auch gerne das Auto nutzen. Wie wollen Sie die denn überzeugen, davon zu lassen und stattdessen auf ÖPNV, Fahrrad oder sonstige Verkehrsmittel umzusteigen?

Lewe: Es gibt eine ganze Menge, die dann umsteigen, wenn die Anbindungen gut sind. Aber natürlich kann auch der Fall geschehen, dass eine fünfköpfige Familie, die aus einer Stadt heraus gentrifiziert wurde und 30 Kilometer vom Stadtkern entfernt lebt und keine Bus- oder Bahnanbindung hat, dass die auf das Auto angewiesen sind, und wenn man denen aus der Perspektive eines doch gut versorgten Städters sagt, ihr müsst jetzt auch noch Strafe zahlen, wenn ihr Autofahrt, das hilft natürlich auch nicht weiter. Und das ist genau der Grund dafür, warum jetzt diese massiven Investitionen erforderlich sind, dass ich mit Angeboten arbeite und nicht mit Verboten. Denn Verbote führen dazu, dass die Menschen nachher gefrustet sind und sich dann irgendwann gelbe Westen anziehen.

Sturmberg: Abgesehen davon, dass manche möglicherweise gar nie angebunden werden in der Weise, weil sich eine Anbindung der Vororte oder der ländlicheren Regionen einfach finanziell gar nicht tragen würde, ist natürlich auch die Frage: Man hat auch sehr viele, die wirklich auch gerne Autofahren.

Lewe: Es ist ja auch nicht die Forderung, das Autofahren zu verbieten. Aber es ist die Forderung, intelligente Formen der Autonutzung wahrzunehmen, durch E-Mobilität beispielsweise oder durch sogenannte smarte Systeme, wo man ein Auto auch für mehrere Nutzer gleich aufteilen kann, damit die Zahl der Autos nicht mehr in der Vielfalt da ist. Und ich glaube, auch die Automobilindustrie hat das erkannt und ist ja mittlerweile auch dabei, nicht nur Autos zu verkaufen, sondern auch sehr kluge Mobilitätskonzepte.

"Kernachse muss natürlich immer noch der ÖPNV sein"

Sturmberg: Heute hat mit Herne die erste Stadt E-Tretroller zum Leihen aufgestellt – 50 Stück. Ist das eine Lösung, oder trägt das eher zur Vermüllung bei? Es gibt ja inzwischen auch ganz viele Verleihräder, die überall herumstehen und wo viele schon sagen, das ist jetzt einfach zu viel.

Lewe: Solche Konzepte kann man nie isoliert sehen, sondern sie müssen immer auch Bestandteil einer gesamten Verkehrsstruktur sein. Da geht es ja im Grunde genommen darum, die letzten ein oder zwei Kilometer zu bewerkstelligen. Aber die Kernachse muss natürlich immer noch der ÖPNV sein, der Schienenverkehr, der Busverkehr, und die anderen Systeme müssen an diesen Systemen andocken. Bei den Rollern: Das ist sicherlich ein Bestandteil. Er kann vielleicht mit dazu beitragen, eine Unart zu verhindern, mit der wir auch konfrontiert werden, dass immerhin noch zehn Prozent aller Autofahrten, die gemacht werden, eine Entfernung unter 1,5 Kilometer beinhalten. Und das ist, jetzt mal unabhängig von den Leuten, die sich sonst nicht fortbewegen können, durchaus schon eigentlich eine Zumutung.

Sturmberg: Also durchaus eine Lösung?

Lewe: Es ist eine Lösung von vielen, wenn man es vernünftig steuert und wenn es nicht zu einem chaotischen System führt, wie man das ja in einigen Städten Europas auch erlebt, wo dann gleich fünf oder sechs unterschiedliche Fahrradverleiher unterwegs sind, die dann aber im Grunde genommen tatsächlich keine Koordinierung mehr erfahren und die Räder dann einfach irgendwie im Straßenraum herumstehen.

Sturmberg: Wir reden ja schon länger über dieses Thema, Verkehrswende Mobilität und wie müsste das eigentlich alles anders aussehen. Warum stottert das so?

Lewe: Ich glaube, das liegt natürlich einmal daran, dass manche Städte auch noch ganz andere Probleme zu lösen haben, vor allen Dingen die sogenannten strukturschwachen Städte, die erst mal den Strukturwandel hergestellt bekommen mussten. Und ich glaube auch, dass ein allgemeiner Bewusstseinswandel erst in den letzten Jahren auch bei weiten Teilen der Stadtbevölkerung entstanden ist, sodass es auch mittlerweile große demokratische Bewegungen gibt, die so was unterstützen wollen. Wenn man sich beispielsweise mal Städte wie Utrecht oder Groningen anschaut, da kann man das ja auch ganz gut erkennen, dass man gemeinsam mit der Bürgerschaft fahrradfreundliche Konzepte entwickelt. Und wenn es mal ganz kritisch wird, kann man ja auch mal probeweise beispielsweise Fahrradstraßen erstellen oder Straßen umwidmen in Fahrradwege, und wenn es nach einem halben Jahr nicht klappt, kann man es ja wieder rückgängig machen.

Sturmberg: Sind Sie überzeugt, dass, wenn wir uns in fünf Jahren darüber noch mal unterhalten würden, dass wir auf einem ganz anderen Stand sind? Oder reden wir dann immer noch über dieselben Probleme?

Wele: Ich bin da zutiefst von überzeugt. Die Hauptversammlung findet ja in Dortmund statt und man kann auch hier in Dortmund erkennen, eine ehemalige Industriemetropole, die jetzt einen rasanten Wandel und Strukturwandel erlebt, hin zu einer digitalen Stadt. Sie ist auch massiv dabei, den Fahrradverkehr zu fördern. Ich selber habe auch meine unterschiedlichen Entfernungen, die ich hier zu erledigen hatte, mit dem Fahrrad erledigt und ich fand das verdammt gut in Ordnung.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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