Donnerstag, 05.08.2021
 
Seit 11:30 Uhr Nachrichten
StartseiteKommentare und Themen der WocheWen der schlimmste aller Kriege bis heute beschäftigt18.06.2021

Deutscher Überfall auf Sowjetunion 1941Wen der schlimmste aller Kriege bis heute beschäftigt

In ihrem Kommentar kritisiert Sabine Adler den Ort des Gedenkens an den Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion. Der Bundespräsident habe in seiner Rede mehrfach auch die nichtrussischen Opfer neben den russischen aufgezählt, doch seine Botschaft konnte die Adressaten nicht wirklich erreichen.

Ein Kommentar von Sabine Adler

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier besucht anlässlich des 80. Jahrestags des Überfalls Deutschlands auf die Sowjetunion die Ausstellung "Dimensionen des Verbrechens" im Deutsch-Russischen Museum Berlin-Karlshorst. (picture alliance/dpa | Jörg Carstensen)
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier besucht anlässlich des 80. Jahrestags des Überfalls Deutschlands auf die Sowjetunion die Ausstellung "Dimensionen des Verbrechens" im Deutsch-Russischen Museum Berlin-Karlshorst (picture alliance/dpa | Jörg Carstensen)
Mehr zum Thema

Nicht-deutsche Tätergruppen beim Holocaust Hitlers willige Erfüllungsgehilfen

Umstrittene Erinnerungsorte "Denkmäler erklären statt stürzen"

Russlanddeutsche in Omsk (1/5) Suche nach den deutschen Wurzeln

80 Jahre nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion bereitet es der Bundesrepublik Deutschland keine Mühe mehr, sich ihrer historischen Verantwortung zu stellen. Aber jenseits von deutschem Schuldbekenntnis herrscht immer noch eine erschreckende Unkenntnis über den großen Krieg und was er für die jeweiligen Länder bedeutete. Dass zum Beispiel Belarus gemessen an seiner Bevölkerung den höchsten Blutzoll überhaupt entrichten musste, danach die Ukraine.

Das Deutsch-Russische Museum in Karlshorst, Berlin. In dem ehemaligen Offizierscasino wurde in der Nacht vom 8. auf den 9. Mai 1945 die bedingungslose Kapitulation der Deutschen Wehrmacht unterschrieben (dpa / POP-EYE / Christian Behring) (dpa / POP-EYE / Christian Behring)Beck (Grüne) - "Für Steinmeiers Rede hätte ich mir einen anderen Ort gewünscht"
Das Deutsch-Russische Museum sei nicht der richtige Ort für die Rede von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier anlässlich des 80. Jahrestags des Überfalls auf die Sowjetunion, sagte die ehemalige Grünen-Abgeordnete Marieluise Beck im Dlf. 

Die Nachfolgestaaten der Sowjetunion beschäftigt dieser schlimmste aller Kriege bis heute und das auch jenseits von Deutschland, denn keineswegs alles drehte und dreht sich um uns.

Auf die russische Nation zentriertes Gedenken

In der Sowjetunion wurde nur vom Großen Vaterländischen Krieg gesprochen. Und der galt ausnahmslos als heldenhaft. Dass er mit unermesslichen Verlusten verbunden war, kam immer erst an zweiter Stelle. Die Opfer waren allesamt einheitlich Sowjetbürger, die kommunistische Führung unterschied nicht zwischen Soldaten, Zivilisten oder jüdischen Menschen. Im Baltikum agierten die sowjetischen Besatzer so brutal, dass man von den nachfolgenden Deutschen anfangs eine Erlösung erhoffte.

Das Erinnern war in der Sowjetunion ein einheitliches, verordnetes, auf die russische Nation zentriertes, den Ton hatte Josef Stalin schon in der Siegesrede am Tag der deutschen Kapitulation vorgegeben. Sehr zum Verdruss der vielen anderen Nationen, die mitgekämpft und mitgelitten, aber auch mitgesiegt haben. Auch deswegen war der Name des Deutsch-Russischen Museums in Karlshorst von Anfang an falsch. Und schon deswegen hätte die Gedenkstunde dort heute nicht stattfinden dürfen.   

Gravierende Änderungen in den Putin-Jahren

Auch wenn Bundespräsident Steinmeier mehrfach die belorussischen, ukrainischen und baltischen Opfer neben den russischen aufzählte, so konnte seine Botschaft die Adressaten nicht wirklich erreichen. Denn es gibt nicht das eine Erinnern. Erinnern geschieht immer im Heute, es unterliegt ständig neuen Rahmenbedingungen. Zumal wenn sie sich so gravierend ändern wie in den jüngsten Putin-Jahren.

Richtig, von 1941 bis 1945 haben russische und ukrainische Soldaten Schulter an Schulter gekämpft. Doch heute stehen sie sich heute gegenüber, in der Ostukraine schwelt immer noch ein Krieg, der schon über 14.000 Tote gekostet hat. Exakt wegen dieses russischen Einmarsches hat sich die EU an die Seite der Ukraine gestellt, haben Litauen, Lettland und Estland um zusätzlichen NATO-Schutz gebeten. Die, die sich heute zusammen erinnern sollen, sind nicht mehr Kampfgenossen, sondern Gegner. Aus nationalen Interessen, denn die noch junge Ukraine möchte nicht wie zu Sowjetzeiten im großen Russland aufgehen. Wer ihr das jetzt vorwirft, hat nicht nur die Geschichte, sondern auch die Gegenwart nicht verstanden.

Sabine Adler (©Deutschlandradio / Bettina Straub )Sabine Adler (©Deutschlandradio / Bettina Straub )Sabine Adler, Journalistin und Buchautorin. Journalistik-Studium Universität Leipzig, danach Sender Magdeburg, radio ffn, Deutsche Welle. Seit 1997 beim Deutschlandradio, u.a. als Russland-Korrespondentin, Leiterin des Hauptstadtstudios. 2011-2012  Leiterin Presse und Kommunikation Deutscher Bundestag. Danach Osteuropakorrespondentin, derzeit Leiterin des Reporterpools.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk