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StartseiteCampus & KarriereSoziale Schere bei Erwachsenenbildung16.09.2015

Deutscher WeiterbildungsatlasSoziale Schere bei Erwachsenenbildung

Bei der Nutzung der Weiterbildungsangebote in Deutschland gibt es große soziale und regionale Unterschiede, so ein Ergebnis des Deutschen Weiterbildungsatlas'. "Höher Qualifizierte nehmen dreimal mehr an Weiterbildung teil", konstatiert Mitautor Frank Frick von der Bertelsmann Stiftung. Auf Ebene der Länder liegen Hessen und Baden-Württemberg vorne.

Frank Frick im Gespräch mit Michael Böddeker

Eine Frau hält einen Stift in der Hand. (dpa / Markus Scholz)
Auch eine gute Bildungsberatung trägt dazu bei, dass mehr Menschen in Weiterbildung gehen. (dpa / Markus Scholz)

Michael Böddeker: Stichwort lebenslanges Lernen: Eine Weiterbildung macht immerhin jeder siebte Deutsche ab 25 Jahren mindestens einmal im Jahr, zum Beispiel an Volkshochschulen, bei privaten Weiterbildungsanbietern oder auch im eigenen Betrieb. Das zeigt der Deutsche Weiterbildungsatlas, der heute veröffentlicht wurde. Er zeigt aber auch, dass noch viel Luft nach oben ist. Es könnten noch deutlich mehr Menschen von Weiterbildung profitieren, auch das besagt diese neue Studie. Einer der Autoren ist Frank Frick. Mit ihm habe ich vor der Sendung gesprochen und ihn gefragt: Wer nutzt eigentlich Weiterbildungsangebote?

Frank Frick: Höher Qualifizierte nehmen dreimal mehr an Weiterbildung teil, sodass wir quasi eine soziale Schere, eine soziale Ungleichheit in der Weiterbildungsbeteiligung haben. Zusätzlich haben wir ja auch noch eine regionale, sodass wir mit Sicherheit nicht von fairen Weiterbildungschancen sprechen können.

Böddeker: Auf diese regionalen Unterschiede wollte ich auch noch zu sprechen kommen: Wo in Deutschland bilden sich denn die Menschen besonders oft weiter?

Frick: Wenn wir auf die 96 Raumordnungsregionen, die wir untersucht haben, schauen, dann kann man den größten Unterschied sehen zwischen dem Emsland, wo sich gerade mal sechs Prozent der Menschen weiterbilden, und der Region Würzburg, wo es 19 Prozent sind. Also auch da mehr als dreimal so viele, die sich weiterbilden. Dafür gibt es natürlich Gründe.

Böddeker: Das sind also die Regionen, wo Weiterbildung besonders oft genutzt wird. Wo bilden sich die Menschen denn besonders wenig weiter?

Frick: Besonders wenig Weiterbildung findet eigentlich immer da statt, wo zum einen die regionale Wirtschaft schwach ist, weil wirtschaftliche Dynamik immer auch dafür sorgt, dass es bessere Weiterbildungschancen gibt. Denn wo viele Unternehmen, viele starke, viele dynamische Unternehmen sind, dort gibt es natürlich auch viel Wachstum und dadurch auch viel Weiterbildung.

Außerdem gibt es in diesen Regionen dann häufig eine Bevölkerung, die ein höheres Interesse an Weiterbildung hat. Denn dynamische Wirtschaft zieht in der Regel auch gut ausgebildete Menschen nach sich, die wiederum auch gerne selber in Weiterbildung investieren. Sodass wir letztlich sagen können, in Regionen, die stark, wirtschaftlich stark sind, gibt es mehr Weiterbildung als in solchen, die ein bisschen weniger stark sind in der Wirtschaft.

Böddeker: Wir haben jetzt über die Regionen gesprochen. Wie sieht es denn auf der Ebene der Bundesländer aus? Gibt es da auch Unterschiede?

Frick: Auch auf Bundeslandebene gibt es große Unterschiede, zum einen, was die gesamte Weiterbildungsbeteiligung anbetrifft, da liegt Hessen bei 16 Prozent und das Saarland gerade mal bei elf. Aber wir haben dasselbe Phänomen eben auch bei gering Qualifizierten untersucht, wo zwischen Thüringen und Nordrhein-Westfalen zum Beispiel ein großer Unterschied ist bei der Weiterbildung von gering Qualifizierten.

Böddeker: Wie sieht dieser Unterschied aus?

Frick: Nordrhein-Westfalen hat hier insofern ein besonders großes Problem, weil hier nur gut fünf Prozent der gering Qualifizierten überhaupt an Weiterbildungen teilnehmen. Das ist für ein Bundesland ein relativ schlechter Wert. Jetzt muss man natürlich in Kauf nehmen, dass in Nordrhein-Westfalen durch den Strukturwandel relativ viele gering Qualifizierte und Zuzügler repräsentiert sind, deswegen sind die Ausgangsbedingungen schlecht. In Thüringen sind viele davon weggezogen, von daher hat man da etwas bessere Bedingungen. Aber nichtsdestotrotz muss man sagen, in Nordrhein-Westfalen gibt es sehr deutlichen Nachholbedarf.

Ungenutztes Weiterbildungspotenzial

Böddeker: In Ihrer Studie geht es auch um das Potenzial und da besonders um das ungenutzte Potenzial. Einige Regionen haben zwar die Rahmenbedingungen für viel Weiterbildung, Sie haben das eben angesprochen, solide Wirtschaft und hoher Bildungsstand. Aber trotzdem wird dieses Potenzial anscheinend nicht ausgeschöpft. Wo haben Sie denn ungenutztes Weiterbildungspotenzial gefunden?

Frick: Ja, das Interessante ist, wir haben versucht, die Regionen nicht untereinander zu vergleichen im Wesentlichen, sondern jede Region an dem zu messen, was sie selber leisten können. Und dann kommt eben heraus, dass es eine ganze Reihe von Regionen gibt, die weit hinter ihrem Potenzial zurückbleiben, und andere, die sogar übertreffen.

Und die wesentlichen Gründe haben wir in Fallstudien untersuchen lassen und die Wissenschaftler haben drei Gründe gefunden: Zum einen eine gute Bildungsberatung trägt dazu bei, dass mehr Menschen in Weiterbildung gehen und auch die richtige Weiterbildung finden, eine gute Verkehrsanbindung sorgt dafür, dass sie die überhaupt erreichen können, und last but not least müssen die wirtschaftlichen Chancen dann auch genutzt werden. Und dazu müssen Akteure zusammenarbeiten. Das sind die Unternehmen, die Weiterbildungsträger, die Bundesagentur als einer der wesentlichen Financiers und natürlich die kommunalen Entscheider. Nur wenn es dort eine gute Kooperation gibt, werden solche Chancen auch genutzt.

Böddeker: Jetzt wurde diese Studie unter anderem von der Bertelsmann Stiftung durchgeführt, für die Sie auch arbeiten. Außerdem beteiligt waren die Freie Universität Berlin und das Deutsche Institut für Erwachsenenbildung. Bertelsmann wiederum baut ja gerade auch sein Geschäft mit der Weiterbildung aus. Also sollte diese Erhebung vielleicht auch zeigen, wo in Deutschland sich das besonders lohnen könnte?

Frick: Zunächst wollten wir erst mal Transparenz darüber schaffen, in welchen Regionen überhaupt weitergebildet wird, und auch dafür sensibilisieren mit den Ergebnissen, dass diese Bildungschancen unfair verteilt sind. Wir als Bertelsmann Stiftung haben selber den Fokus auf öffentliche Bildung und auf den Themen Chancengerechtigkeit und Leistungsfähigkeit, das ist das, was wir befördern wollen. Und da geht es uns in erster Linie nicht nur darum, innerhalb des Weiterbildungsmarkts bestimmte Segmente uns anzuschauen, sondern, wie gesagt, das Thema Fairness und Chancengleichheit auf die Tagesordnung zu heben.

Böddeker: Sagt Frank Frick. Er hat den Deutschen Weiterbildungsatlas mitverfasst, der heute veröffentlicht wird. Vielen Dank für das Gespräch!

Frick: Danke, gerne!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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