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StartseiteCampus & KarriereFestgesetzt auf unbestimmte Zeit18.10.2016

Deutscher Wissenschaftler in der TürkeiFestgesetzt auf unbestimmte Zeit

Der deutsche Soziologe Sharo Garip reiste vor drei Jahren in die Türkei, um an einer Uni zu arbeiten. Nachdem er dort Anfang 2016 einen Friedensaufruf unterzeichnete, verlor er seinen Job und darf nicht mehr ausreisen. Garip hofft auf Hilfe von der deutschen Botschaft. Getan hat sich bisher nichts.

Von Kemal Hür

Blick auf den in Europa liegenden Stadtteil Beyoglu mit dem markanten Galata-Turm in Istanbul, (picture-alliance / dpa / Matthias Tödt)
Seit acht Monaten darf Sharo Garip die Türkei nicht mehr verlassen. (picture-alliance / dpa / Matthias Tödt)
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Sharo Ibrahim Garip fühlt sich in der Türkei in Gefahr. In Istanbul mit schätzungsweise 15 Millionen Einwohnern kann er im Schutz der Anonymität leben. Der große Mann mit den Rastalocken wird im Gewühl im Stadtzentrum vermutlich für einen Touristen gehalten. Er erzählt uns seine Geschichte in einem Café am zentralen Taksim-Platz. Garip wurde vor drei Jahren eingeladen, an der Universität Van im Osten der Türkei zu arbeiten.

"Wir hatten vor zwei, drei Jahren einen Friedensprozess in der Türkei. Ich dachte, das ist vielleicht eine gute Gelegenheit, in die Türkei zurückzukommen und dort zum Friedensprozess etwas beizutragen. Das war mein Gedanke."

Ausreiseverbot nach Friedensaufruf

Sharo Garip bekommt einen Lehrauftrag im Fachbereich Soziologie an der türkischen Universität. Der 50-Jährige ist in der Türkei geboren und geht Anfang der 90er Jahre als politischer Flüchtling nach Deutschland. Dort studiert er Volkswirtschaftslehre und promoviert an der Kölner Universität in politischer Wissenschaft. Anfang dieses Jahres haben 1.000 türkische Wissenschaftler einen Aufruf zum Frieden unterzeichnet und die Regierung damit aufgefordert, den Konflikt mit den Kurden friedlich zu lösen. Garip ist einer der Unterzeichner. Die Folge: Er wird festgenommen, sein Arbeitsvertrag wird nicht verlängert. Obwohl Garip nur die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, darf er die Türkei seit acht Monaten nicht verlassen. Die Begründung findet er absurd.

"Habe ich von der Staatsanwaltschaft auch schriftlich bekommen, dass mein Vertrag mit der Universität Van nicht verlängert worden ist. Deswegen es besteht die Gefahr, dass ich ins Ausland fliehen kann. Dann können sie mich nicht mehr ausfindig machen gegebenenfalls für einen Prozess. Das war die Begründung."

Seit acht Monaten wartet er auf den Prozess, wie auch tausende andere Akademiker nach dem Putschversuch. Garip trifft zweimal den deutschen Botschafter in der Türkei und bittet ihn um Hilfe. Der habe ihm geraten, sich ruhig zu verhalten, die Botschaft würde auf diplomatischem Weg alles unternehmen.

"Dann habe ich vor zwei Monaten eine E-Mail von der deutschen Botschaft bekommen. Darin stand, das türkische Außenministerium habe eine verbale Note an die deutsche Botschaft geschickt hat, dass ich kein Ausreiseverbot habe."

Deutsche Botschaft unterstützt ihn nicht

Garip überprüft diese Nachricht und bekommt von der Staatsanwaltschaft in Istanbul die Ausreisesperre schriftlich. Er konfrontiert den deutschen Botschafter Martin Erdmann mit dem Schreiben.

"Dann habe ich gesagt, Herr Erdmann, ich erlebe fast einen Nervenzusammenbruch. Ich bin dermaßen deprimiert und enttäuscht von der Diplomatie."

Garip hat seine Arbeit und Wohnung verloren. Er ist bei Freunden in Istanbul untergekommen. Ein Antrag auf finanzielle Unterstützung wurde von den deutschen Behörden abgelehnt. Es bestehe kein außergewöhnlicher Notfall, habe das zuständige Amt geschrieben.

"Es ist eine Schande für Bundesregierung und Außenministerium, dass sie so machtlos sind. Deutschland ist eine Weltmacht, die sich für Demokratie, Menschenrechte und Würde des Menschen einsetzt, aber für seinen eigenen Bürger, einen Wissenschaftler, der nur eine Petition unterschrieben hat, schweigt."

Außenministerium lehnt Interview ab

Unsere Anfrage nach einem Interview lehnte das Außenministerium ab und verwies auf eine Antwort an den Bundestag in dieser Angelegenheit. Darin heißt es:

"Die deutsche Regierung verfolgt das türkische Ermittlungsverfahren gegen Herrn Sharo Garip mit großer Aufmerksamkeit. Die Entscheidung über die Aufhebung der Ausreisesperre obliegt der türkischen Justiz."

Sharo Garip möchte nicht so weit gehen, sich als Bürger zweiter Klasse zu sehen. Er hofft jetzt auf Unterstützung aus der deutschen Zivilgesellschaft.

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