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StartseiteKultur heuteDas grausame Geschäft des deutschen Kolonialismus16.10.2016

Deutsches Historisches MuseumDas grausame Geschäft des deutschen Kolonialismus

Es sind viele kleine Geschichten, die das Deutsche Historische Museum in einer Ausstellung über das grausame Geschäft der Kolonisierung im 19. und frühen 20. Jahrhundert erzählt. Darin wird vor allem klar, dass Deutscher Kolonialismus keine welthistorische Petitesse war. Ein Anfang, um das öffentliche Bewusstsein für die deutsche Kolonialgeschichte zu schärfen.

Von Carsten Probst

Wandgemälde zur Befreiung Nambias durch die deutschen Kolonialherren in Windhoek (Imago / IPON)
Im öffentlichen Bewusstsein drehte sich die Debatte um die koloniale Vergangenheit Deutschlands bislang vor allem um den Völkermord an den Herero und Nama zwischen 1904 bis 1908 in der damaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika. (Imago / IPON)
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Am Ende vermag man kaum zu entscheiden, welches der zahllosen Exponate dieser Ausstellung einen am meisten berührt, erschreckt oder auch fassungslos gemacht hat: Ist es zum Beispiel die von Einschusslöchern übersäte Zielscheibe der "Zehlendorfer Schützengilde von 1893", auf der die afrikanische Savanne mit Tieren und Bäumen, mit weißen Kolonialherren zu Pferd und dunkelhäutigen Einwohnern zu Fuß aufgemalt ist und die Losung: "In Treue zu unseren Kolonien"?

Oder ist es doch die Postkarte aus dem chinesischen Tsingtau vom Juni 1901, die einen deutschen Seemann mit einer chinesischen Frau im Arm zeigt und dazu die Redensart: "In der Noth frisst der Teufel fliegen!", womit die sexuellen Beziehungen deutscher Kolonisten zu den Einwohnerinnen der Region gemeint sein sollen?

Geschichten über das grausame Geschäft der Kolonisierung

Oder sind es die kleinen, traditionellen Werkzeuge afrikanischer Kulturen, die Anfang des 20. Jahrhunderts nach Berlin ins Königliche Museum für Völkerkunde gelangt sind, dessen Direktor Felix von Luschan glaubte, die örtlichen Stammeskulturen mit dem Sammeln ihrer Alltagsdinge vor der Vernichtung zu bewahren – und stattdessen ihre Ausbeutung durch europäische Kunsthändler nur noch anstachelte?

Es sind viele kleine Geschichten, die diese Ausstellung über das grausame Geschäft der Kolonisierung im 19. und frühen 20. Jahrhundert erzählt. Der Ausstellungstitel nennt sie bewusst "Fragmente", weil sie nur andeuten können, wie komplex und verflochten die historische Entwicklung ist und wie wenig gerade auch von der deutschen Kolonialvergangenheit bislang im öffentlichen Bewusstsein angekommen ist. Co-Kurator Sebastian Gottschalk: 

"Die Wissenschaft ist da tatsächlich schon einige Schritte weiter als die öffentliche Debatte, also schon seit Mitte, Ende der neunziger Jahre kam durch das Herüberschwappen der "Post-colonial Studies" aus dem angloamerikanischen Raum nach Deutschland dann die Forschung nach der deutschen Kolonialgeschichte ziemlich in Gang. Seit 2005 sind neue Überblickswerke zur deutschen Kolonialgeschichte erschienen, also die Forschung ist vergleichsweise gut aufgestellt, so dass man sich da auf einem guten, aktuellen Stand bewegt jetzt."

Ausstellung soll Kolonialgeschichte ins öffentliche Bewusstsein holen

Im öffentlichen Bewusstsein drehte sich die Debatte um die koloniale Vergangenheit Deutschlands bislang vor allem um den Völkermord an den Herero und Nama zwischen 1904 bis 1908 in der damaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika. Dass sich das Auswärtige Amt 2015 überhaupt zum ersten Mal dazu durchringen konnte, die Taten der  so genannten deutschen "Schutztruppen" im heutigen Namibia als Völkermord zu bezeichnen, dokumentiert vor allem eines: Das öffentliche Bewusstsein ist eben nicht besonders ausgeprägt.

Dass eine solche Ausstellung im zentralen deutschen Geschichtsmuseum stattfindet, ist somit ein weiterer Schritt. Die Kuratoren bemühen sich auf dem begrenzten Platz, der ihnen zur Verfügung steht, zu zeigen, dass dies erst der allererste Anfang sein kann, um die Aktualität dieses Themas gerade auch für die Museen und wissenschaftlichen Sammlungen in Deutschland aufzuzeigen. Co-Kuratorin Heike Hartmann:

"Für uns war es sehr wichtig, die Debatte auch über die ethnologischen Museen hinaus zu öffnen, auf die ja sehr oft fokussiert wird in diesen Debatten, allein deshalb, weil wir uns als Geschichtsmuseum uns natürlich auch mit dieser Ausstellung in diesem Feld positionieren. Uns war es aber auch von Anfang an sehr wichtig, auch naturkundliche Sammlungen einzubeziehen."

Deutscher Kolonialismus war keine welthistorische Petitesse

Mit vielen Leihgaben vor allem aus Deutschen Sammlungen, vielen Schrifttafeln, einem ausführlichen Audio-Guide und umfangreichen Katalog erfordert diese Schau durchaus die Einlassungsbereitschaft ihres Publikums. Deutscher Kolonialismus war keine welthistorische Petitesse, wie so oft behauptet. Und sie ist durchaus auf seltsam private Weise bis heute präsent.

So hat der Künstler Philip Kojo Metz deutsche Sammler und Erben von kolonialer Kunst besucht und  interviewt, deren Familiengeschichte oft direkt mit der kolonialen Vergangenheit verbunden ist. Im öffentlichen Diskurs aber hat sich seit Ende des Ersten Weltkrieges ein anderes Gefühl breitgemacht.

Die Aufteilung deutscher Kolonialgebiete unter die Siegermächte des Ersten Weltkrieges hinterließ nicht nur unter deutschen Revisionisten lange die Überzeugung, man habe mit dieser Geschichte nichts mehr zu schaffen oder sei sogar bestohlen worden. Es wird wohl noch einiger großer Ausstellungen wie dieser bedürfen, um die Erinnerung zu schärfen.

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