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StartseiteKultur heuteAntiken-Projekt endlich gestartet19.01.2014

Deutsches Schauspielhaus HamburgAntiken-Projekt endlich gestartet

Lange Umbauten, verzögert durch dramatische Unfälle, jetzt zum Schluss noch ein Ausfall im Ensemble - statt im Herbst konnte das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg erst jetzt eröffnen: mit dem Antiken-Projekt der neuen Intendantin Karin Beier. "Die Rasenden" heißt es.

Von Michael Laage

Die Schauspieler Maria Schrader, Götz Schubert, Joachim Meyerhoff, Michael Wittenborn, und Gustav Götz in einer Szene aus "Die Rasenden". (picture alliance / dpa / Markus Scholz)
"Die Rasenden" feierte nach langem Warten in Hamburg endlich Premiere (picture alliance / dpa / Markus Scholz)
Weiterführende Information

Schwarze Augen und drei starke Frauen (Deutschlandradio Kultur, Fazit, 17.11.2013)

Und wer ist nun schuld an all dem Schlachten und Morden, im Krieg um Troja, aber auch schon davor und erst recht danach? Das will Orest ja tatsächlich wissen, nachdem er im blutigen Finale die Mutter mordete, die den Vater erschlug, der die Tochter geopfert hatte. Die Götter fragt er – aber sie bleiben stumm. Und von den Bürgern der wirklichen Welt ist auch nur zu erfahren, dass sie nicht wissen, was das ist: Schuld. Sie kennen nur Wahrscheinlichkeiten - fifty-fifty, mehr Urteil ist nicht drin. So fatal und ohne Ausweg geht der große Antiken-Marathon zu Ende.

Rituelles Kriegsgeheul und Bombenhagel

Die ganze Geschichte will Karin Beier in den Blick nehmen - und die beginnt hier im Hafenstädtchen Aulis, wo die griechische Seglerflotte nur dann gen Troja aufbrechen kann mit gutem Wind, wenn Feldherr Agamemnon (wie vom Orakel befohlen) die eigene Tochter opfert, die junge, zarte Iphigenie. Er weiß, dass das Ziel (die Heimholung der geraubten, oder geflüchteten, Helena) den Preis, diesen Preis, in keinem Fall wert ist. Aber der Gott hat’s befohlen, und schon murrt auch das vor Kriegslust rasende Heer ... der Gattin Klytemnästra hält er entgegen:

"Darum geht’s - das Göttliche und das Politische, vereint im Weltuntergang. Das bleibt Beiers Thema den ganzen Abend über. Der Trojanische Krieg selber findet dann musikalisch statt ..."

Jörg Gollaschs Komposition für Streicher, Schlagwerk und Chor setzt atmosphärisch auf rituelles Kriegsgeheul, Bombenhagel. Und am Ende regnet’s mörderisch auf Musiker und Instrumente ...

Dann sehen wir (noch vor der ersten Pause und in der Übernahme von Beiers letzter Inszenierung vor dem Abschied von Köln) den Troerinnen zu im Leiden nach der völligen Zerstörung der Stadt, im Trümmerstaub und vor dem Abtransport in Tod und Sklaverei; intensiv streiten sie über die Schuld der Helena. Dann, nach der großen Pause, wandelt sich Thomas Dreißigackers bis dahin zeichenhaft-sparsame Bühne fundamental.

Völlige Hilflosigkeit des Menschen im göttlichen Plan

Gustav-Peter Wöhler, Michael Wittenborn und Joachim Meyerhoff, die Nörgel-Bürger von Argos - die Burg des siegreichen Agamemnon verkam in völliger Dekadenz; die Hausherrin Klytemnästra ließ Völlerei und Vergnügen wuchern, Striptease-Tänzerin, Küche und Köche inklusive - und das bieder-blöde Bürger-Volk schlägt sich die Mägen voll. Mit der Rückkehr des Feldherrn beginnt das Blutgericht: Erst tötet die Frau den Mann - Rache für Iphigenie! Dann kehrt (nach weiterer, kleinerer Pause) der Sohn Orest heim und tötet gemeinsam mit der finstren Schwester Elektra die Mutter - Rache für den Vater!

Und, wie gesagt, keiner ist schuld. Das ist das Schlimmste. Beiers Inszenierung zeigt immer wieder die völlige Hilflosigkeit des Menschen im göttlichen Plan - sofern es ihm nicht gelingt, auf eigenem, nicht fremdbestimmtem Handeln zu bestehen. Deshalb kommt den Stammtischbürgern im Mittelteil so große Bedeutung zu - sie wären ja das Volk, sie könnten herrschaftlicher Willkür trotzen. Sie tun es nicht, schwafeln stattdessen eher ein wenig zu heiter über den Lauf der Zeit; und dass früher alles besser war. Am Ende, im „Eumeniden“-Text, wären sie eigentlich die große, demokratische Volksversammlung, die Recht sucht und auch spricht; hier bleiben alle in allem sehr klug, aber ratlos.

Die erste halbe Stunde ist die stärkste - ganz auf Sprache und Haltung konzentriert, verstärkt noch durch Kothurnen und Masken der Macht neben dem Menschen-Gesicht, wirken Verführung und Verhetzung zum Fundamentalismus gewalttätig wie dann nie wieder, trotz so viel Blut. Einige Male versucht Götz Schubert als Feldherr, Anne Müller als Opfertochter Iphigenie in Heldinnen-Pose zurechtzubiegen - vergebens. Dann aber entdeckt das zarte Mädchen selber die eigene Berufung und Sendung: nicht nur für die Familie, sondern für das ganz Volk da zu sein - und darum zu sterben, bereitwillig. Der Moment macht Gänsehaut.

Die Routine eines neuen, starken Theaters

Schuberts Agamemnon und Maria Schraders Klytemnästra sind die gewaltigsten Antipoden in diesen fünf Nettostunden Antike; Schubert als verzweifelter Grübler zu Beginn, und als halb tätowierte Kriegsmaschine, wenn er heimkommt; Schrader in verschiedenen Facetten aus Rausch und Wahn. Julia Wieninger als Hekuba der Troerinnen und Birgit Minichmayrs Elektra im Finale (und lange Zeit per Video aus dem Keller der Unterbühne herauf projiziert) treten als rasende Furie hinzu. Mit ihnen und mit allen anderen im Ensemble zeigt "Die Rasenden" schon viel von dem, was von nun an das neue Hamburger Schauspielhaus prägen kann und wird - auch dann, wenn der Druck dieser dramatisch verzögerten Eröffnung weicht und die Routine eines neuen, starken Theaters in Hamburg zu erleben ist.

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