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StartseiteKultur heuteZwei Mal gescheitert18.09.2017

Deutsches Schauspielhaus HamburgZwei Mal gescheitert

Mord, Rassenhass und die Abgründe in der südafrikanischen Gesellschaft in "Die Nacht von St. Valentin" und bürgerlicher Kannibalismus in der Mietskaserne in "Tartare Noir": zwei neue Stücke am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Doch beide Bearbeitungen scheitern - aus ganz unterschiedlichen Gründen.

Von Michael Laages

Die Schauspieler (l-r) Yorck Dippe, Sayouba Sigué, Ernst Stötzer und Sachiko Hara stehen am 13.09.2017 in Hamburg bei einer Fotoprobe zu dem Stück «Tartare Noir» auf der Bühne im Deutschen Schauspielhaus. Das Stück nach Motiven von Thomas Peckett Prest in einer Inszenierung von Karin Beier feiert am 15.09.2017 seine Uraufführung im Deutschen Schauspielhaus. (dpa / Christian Charisius)
Menschenfleisch als Selbstversorger-Modell im Stück "Tartare Noir" in Hamburg (dpa / Christian Charisius)
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Pistorius dient Mpumelelo Paul Grootboom zum Glück nur als Folie - der amputierte Sprinter hatte ja am Valentinstag im Februar vor vier Jahren die eigene Freundin erschossen und behauptet, er habe sie mit einem Einbrecher "verwechselt". Grootboom erfindet mit dieser Konstellation etwas ganz anderes: eine Art B-Movie, schwarzen Krimi-Boulevard. Nur dass eben auch bei ihm ein Top-Sportler aus bester weißer Buren-Gesellschaft die weiße Freundin tötet; eine schwarze Oberstaatsanwältin will anklagen und wird letztlich daran gehindert … von allerhöchster Stelle: Weiße Strippenzieher und der Vater des Täters haben die schwarzen Autoritäten gekauft.

Ein Mord, drei Zeugenaussagen

Die Ästhetik des "film noir" bedient vor allem die schattenreiche Wohnzimmer-Bühne von Katrin Kersten, mit Zeugen-Aussagen im Video. Drei Versionen des Falles spielt das Stück durch, etwa wie bei "Dreimal Leben" von Yasmina Reza - hier also dreimal Sterben. Zunächst stellen die Familien von Täter und Opfer die Valentinsnacht dar; ein sonderbarer Kommissar ermittelt und bleibt ratlos vor lauter Widersprüchen.

"Einer hat gesagt: Es gab einen Schuss, Frauenschrei, Schuss, Schuss, Schuss. Ein zweiter hat gesagt: Schuss, Schuss, Frauenschrei, Schuss, Schuss. Zwei haben gesagt: Schuss, Schuss, Schuss, Schuss – Frauenschrei. Aber nach Aussage der Forensiker kann die Frau hier nun wirklich nicht mehr geschrien haben."

Die wirklichen Abgründe fehlen

Auch die Polizei bleibt ohne Beweis. Die Oberstaatsanwältin klärt derweil immerhin eigene Beziehungsprobleme mit einem weißen Kirchenmann – hier findet die einzige schwarz-weiße Versöhnung statt.

Ruppig und grob ist der Text, ein bisschen wirr die Dramaturgie der verschiedenen Nebenkriegsschauplätze; den unverminderten Hass der weißen Minderheit auf die schwarze Mehrheit aber stellt Grootboom knallhart aus. Als Regisseur fällt der Autor eher sonderbare Entscheidungen; sie treiben die Inszenierung oft in die Farce – es darf gelacht werden; speziell über den erstaunlicherweise weiblichen Ermittler, eine Kreuzung aus Inspektor Clouseau und Kommissar Jensen, wie er gerade die Olsenbande jagt.

Aber wirklich abgründig wird der Abend leider nie. Vor allem findet er trotz vieler finstrer Tiraden kein dramatisches Bild für den anhaltenden Rassenhass. Mehr politische Analyse, mehr Gefühl von und für Gesellschaft hätte nicht geschadet.

"Tartare Noir": ein Stück fällt zusammen

Brummeln, schnarchen, kichern; ein Huhn gackert - für "Tartare Noir" sind zunächst nur die Ohren im Einsatz, wenn das Haus erwacht, das Johannes Schütz auf die große Schauspielhaus-Bühne gesetzt hat, drei Etagen hoch mit vielen Wohn-Waben. Bei Bedarf kann die Konstruktion in Teilen und auf Knopfdruck zusammenbrechen. Aber wie das Haus bricht bald das Stück zusammen.

Der für "Motive" genannte Autor des "Stückes", Thomas Peckett Prest, ist hierzulande weithin unbekannt geblieben; ein Engländer in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, der wohl an "Sweeney Todd" mitgeschrieben hat, der Grusel-Story vom mörderischen Barbier, die Benjamin Britten vertont hat. Vor allem ist (wieder mal bei Karin Beier) ein Film als Kern der Fabel zu erkennen: "Delicatessen", der feine Horrorstreifen von 1991; Thema, mehr oder minder offen verhandelt: Kannibalismus in der bürgerlichen Mietskaserne.

Menschenfleischhandel - geistlos albern

Im Erdgeschoss des Hauses treibt, im Film wie hier, ein Schlachter sein Unwesen – und weil Fleisch an sich offenbar rar ist, verkauft er den Hausbewohnern Menschenfleisch. Oft frisch geschnitten (oder gesägt) vom Körper eines Mit-Mieters. Als ein neuer Mieter einziehen will, eskaliert das blutig-groteske Selbstversorger-Modell. So ernst das Tabu-Thema, so geistlos-albern ist das Spiel. Denn außer der Basis-Idee von "Delicatessen" haben Karin Beier und Dramaturg Christian Tschirner wirklich nichts zu bieten. Und die Fabel funktioniert zwar im Film (wo die Kamera Rätsel schafft durch das, was sie nicht zeigt!), aber überhaupt nicht auf der Bühne, wo naturgemäß immer alles zu sehen ist. Obendrein ist die Story nach 90 Minuten zu Ende erzählt. Und das Hamburger Ensemble chargiert zum Gruseln fürchterlich.

Es gab ja schon Flops in Karin Beiers tendenziell eher erfolgreicher Bilanz. Aber Schlimmeres als dieser Abend war noch nicht zu sehen. Dies ist fürs erste der Tiefstpunkt.

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