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StartseiteKommentare und Themen der WocheSprachbildung muss ernster genommen werden06.08.2019

Deutschkenntnisse an GrundschulenSprachbildung muss ernster genommen werden

Deutschkenntnisse sind wichtig für Integration und Bildungserfolg. Das stehe außer Frage, meint Kate Maleike. Die Forderung des CDU-Politikers Carsten Linnemann, Kinder mit schlechten Deutschkenntnissen erst später einzuschulen, sei jedoch hanebüchen und das Gegenteil von dem, wofür die Grundschule stehe.

Von Kate Maleike

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Mädchen und Jungen gehen mit ihren Schulranzen in Zweierreihen. (dpa/Bernd Wüstneck)
Mangelnde Deutschkenntnisse dürften auf keinen Fall als reines Defizit gewertet werden, kommentierte Dlf-Bildungsexpertin Kate Maleike (dpa/Bernd Wüstneck)
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"Ein Kind, das kaum Deutsch spricht und versteht, hat auf einer Grundschule noch nichts zu suchen": Mit dieser Äußerung hat der Unionsfraktionsvize Carsten Linnemann jetzt gezeigt, wie weit wir in Deutschland  noch davon entfernt sind, Zuwanderung und Internationalität auch als Chance zu verstehen.

Denn was ist, wenn ein Kind zwar schlecht Deutsch spricht, dafür aber schon sehr gut zählen kann und im Sprint allen davonläuft? Ginge es nach Linnemann, würde ihm schon im frühen Alter trotzdem signalisiert, dass es für die Schule noch nicht gut genug ist.

Das Gegenteil von dem, was Grundschule will und kann

Nicht nur Erziehungswissenschaftler und Pädagogen rauffen sich bei dieser Vorstellung die Haare! So ein Vorgehen wäre das Gegenteil von dem, was Grundschule eigentlich will und soll. Kinder langsam ans Lernen heranführen. Man kann eben noch nicht alles, wenn man fünf oder sechs Jahre alt ist.

Klar, Deutschkenntnisse sind wichtig für Integration und Bildungserfolg, das steht außer Frage. Aber muss es Deutschgebote geben? Wer kritisiert, dass viele Grundschulkinder heutzutage kaum oder gar kein Deutsch können, sollte eher dafür sorgen, dass Kitas, Horte und Schulen Kinder besser unterstützen können.

Noch ordentlich Luft nach oben

Dafür aber braucht es vor allem mehr und besser ausgebildetes Personal, das gerade beim Thema Spracherwerb professionell agieren kann. Besonders in den Kitas ist hier noch ordentlich Luft nach oben.

Und die Grundschulen benötigen ebenfalls mehr Unterstützung. Denn mit einer ersten Klasse, in der 28 Kinder mit den unterschiedlichsten Startbedingungen sitzen, kommt selbst die engagierteste und bestausgebildete Lehrkraft an ihre Grenzen.

Entscheidend ist auch eine stärkere Einbindung der Eltern. Wenn Kinder zu Hause schlecht Deutsch sprechen, dann wirkt das rück.

Mehrsprachigkeit ist kein Problem

Bei all dem hilft, dass Kinder Sprachen in frühem Alter viel leichter lernen als Jugendliche oder Erwachsene. Mehrsprachigkeit, das zeigen wissenschaftliche Studien, ist für sie in der Regel kein Problem, wenn sie pädagogisch gut begleitet und gefördert werden.

Sprachbildung muss also auf jeden Fall ernster genommen werden als bisher, wenn man nicht will, dass schon vor der Grundschule Parallelwelten entstehen. Mangelnde Deutschkenntnisse dürfen auf  keinen Fall als reines Defizit betrachtet werden und als Problem, das ausschließlich Kinder mit ausländischen Wurzeln haben.  Denn, Lehrerverbände weisen schon seit Längerem darauf hin, dass zunehmend auch Kinder ohne Migrationshintergrund Sprachprobleme entwickeln.

Was wir jetzt brauchen ist ein kluger Mix an Maßnahmen und verlässlichen Strukturen. Sprachtests etwa – verbindlich und in allen Bundesländern – verbunden mit gezielten Fördermaßnahmen, wären ein Weg, den aber bislang erst einige Bundesländer gehen. Hier ist jetzt politisches Handeln gefordert.

Und so hanebüchen die Forderung des CDU-Politikers Linnemann auch sein mag– sie rückt ein Thema wieder in den Mittelpunkt, das unbedingt mehr Wertschätzung und Aktivitäten benötigt. Sprachen kann man schließlich lernen. Und lernen kann auch unsere Bildungsgesellschaft.

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