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StartseiteInterviewDeutschland in der "Guttenberg-Falle"01.03.2011

Deutschland in der "Guttenberg-Falle"

Biograf Markus Wehner über die Lage des Verteidigungsministers

Heute erscheint eine Biografie über Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg. Co-Autor Markus Wehner sagt, man befinde sich in der "Guttenberg-Falle", da man sich von ihm nicht trennen wolle, "eben weil seine Beliebtheit immer noch so groß ist".

Markus Wehner im Gespräch mit Dirk-Oliver Heckmann

Guttenberg sei eine Ausnahmeerscheinung, meint Markus Wehner. (picture alliance / dpa)
Guttenberg sei eine Ausnahmeerscheinung, meint Markus Wehner. (picture alliance / dpa)
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Dirk-Oliver Heckmann: Auch wenn eine Mehrheit der Bundesbürger offenbar damit einverstanden ist, dass Bundesverteidigungsminister zu Guttenberg im Amt bleibt, trotz der Plagiatsaffäre, in weiten Teilen der Bevölkerung ist der Unmut groß. Gestern wurde ein offener Brief im Kanzleramt übergeben mit Zehntausenden Unterschriften. Auch in der Union selbst ist Gegrummel zu vernehmen. Bundestagspräsident Norbert Lammert soll die Affäre und ihre Begleitumstände intern sogar als "Sargnagel für das Vertrauen in unsere Demokratie" bezeichnet haben. Ist Guttenberg ein Hochstapler oder ein Volkstribun, oder vielleicht beides in einem, und wie ist zu erklären, dass weite Teile der Bevölkerung in seinem Fall offenbar bereit sind, beide Augen zuzudrücken?

Darüber möchte ich jetzt reden, und zwar mit Markus Wehner. Er ist Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und übermorgen, wenn ich es richtig sehe, erscheint von ihm die Biografie mit dem Titel "Guttenberg", die er gemeinsam mit seinem Kollegen Eckart Lohse geschrieben hat. Guten Morgen, Herr Wehner!

Markus Wehner: Guten Morgen, Herr Heckmann! Die Biografie erscheint schon heute.

Heckmann: Erscheint heute? Gut. Das der Ordnung halber ergänzend mitgeteilt. Herr Wehner, die Plagiatsaffäre wurde bekannt, da war Ihr Buch längst im Druck. Sehen Sie Guttenberg jetzt in einem anderen Licht?

Wehner: Uns hat natürlich dieser ganze Vorgang genauso überrascht wie alle anderen. Wir konnten nicht annehmen, dass er solch einen gravierenden Betrug begeht. Vielleicht hat es uns doch ein bisschen weniger überrascht, insofern, dass sich das doch gut zusammenfügt mit manchem, was wir so im Laufe unserer Arbeit an dieser Biografie erfahren haben, und das ist dann vielleicht der kleine Vorsprung, den man hat, wenn man sich über längere Zeit in den Lebenslauf eines solchen Mannes einarbeitet.

Heckmann: Ich habe ein Zitat gelesen. Sie zitieren zu Guttenberg bezogen auf seine Schulzeit mit den Worten, "Ich habe es immer geschafft, mit relativ geringem Aufwand relativ weit zu kommen." Ein solches Zitat liest man heute mit anderen Augen, oder?

Wehner: Das stimmt! Das liest man schon mit anderen Augen. Guttenberg ist ja jemand, der als Erscheinung sehr beeindruckend ist, aber was man sicherlich sagen kann aus seinem Lebenslauf: Er wollte eben immer und auf allen Gebieten großartig sein, er wollte auch noch mehr sein, als er ist, und deswegen hat er eben auch seinen Lebenslauf etwas auffrisiert. Wir haben darüber auch schon berichtet. Also, aus einem Praktikum während der Studentenzeit in einer Anwaltskanzlei wird dann mal eine berufliche Station in New York oder aus einer mehrwöchigen Zeit bei einer Tageszeitung wird dann mal eine scheinbar lange andauernde Mitarbeit, und was zu Guttenberg als Geschäftsführer familieneigener Betriebe geleistet hat, das ist bisher unbekannt.

Seine Tätigkeit als Aufsichtsrat der Rhön Klinikum AG, sozusagen enge Bekannte, hat nur auf dem Papier gestanden und für sein erstes Staatsexamen hat er sieben Jahre gebraucht und er ist, wie wir jetzt in der Zeitung lesen, auch nur durch eine Sonderregelung der Uni Bayreuth, die dort schon öfters genutzt wird, dann auch zum Promotionsverfahren zugelassen worden. Das wäre ja auch alles nicht schlimm, man denke an andere Politiker wie etwa Joschka Fischer, die haben auch ohne höhere Bildung es sehr weit gebracht, aber für Guttenberg war es offenbar doch der Grund, diesen Doktortitel unbedingt haben zu wollen.

Heckmann: Und was ist der Grund, was treibt ihn dazu, besser dazustehen als er eigentlich de facto dasteht?

Wehner: Guttenberg ist mit dem Bewusstsein aufgewachsen, Elite zu sein und Elite sein zu müssen. Das liegt in seiner Familie, in seiner adeligen Familie begründet. Das wurde sozusagen nicht nur vom Vater verlangt, sondern von einer ganzen Galerie von Ahnen. Zur Familiengeschichte gehört ja die Verbindung zu den Stauffenbergs, dazu gehört der Urgroßonkel, der in den letzten Kriegstagen als Widerstandskämpfer von der SS erschossen wurde. Das ist natürlich alles ein Riesenanspruch, der auf Guttenberg lastete und dem er gerecht werden wollte, und ich glaube, dass da auch ein Schlüssel zu finden ist für sein Verhalten.

Heckmann: Sie schreiben in Ihrem Buch, Herr Wehner, das ja wie erwähnt vor dieser ganzen Affäre geschrieben und gedruckt worden ist, der Minister habe es mit der Wahrheit schon in der Vergangenheit nicht allzu genau genommen. Sie haben gerade eben schon ein paar Aspekte aus seiner Biografie genannt. Aber Sie machen das noch ganz konkret fest, beispielsweise an der Kundus-Affäre.

Wehner: Ja, also in der Kundus-Affäre hat er ja den Generalinspekteur der Bundeswehr Schneiderhahn und auch seinen Staatssekretär Wichert binnen weniger Stunden gefeuert, und er hat hinterher in Briefen versichert, dass über dieses Gespräch, was vorher stattfand, er Vertraulichkeit wahre. Er hat aber sowohl in Talkshows die beiden immer angeschwärzt, was eigentlich auch nicht seinen eigenen Ansprüchen an gutem Verhalten entsprochen hat; er hat aber auch entgegen seiner Behauptung mit Medien darüber gesprochen, und da hat er es eben gegenüber den Beteiligten, seinen ehemaligen Schutzbefohlenen, mit der Wahrheit eben nicht so genau genommen.

Heckmann: Das ist zumindest Ihre starke Vermutung, dass er mit den Medien gesprochen hat. Belege gibt es dafür nicht?

Wehner: Gut, wir haben das doch in einer, glaube ich, sehr dichten Indizienkette so gezeigt, dass man zu diesem Schluss kommen muss.

Heckmann: Zu Guttenberg wird von der Opposition zumindest als Hochstapler bezeichnet, als Betrüger, als Blender. Dennoch gehen die Beliebtheitswerte sogar eher nach oben, oder zumindest bleiben sie eigentlich so in diesen Höhen, die sie erreicht hatten. Wie ist das zu erklären?

Wehner: Na ja, Guttenberg ist natürlich eine Ausnahmeerscheinung. Vom Äußeren angefangen: Er sieht gut aus, er ist jung, er ist sportlich, er kann gut auftreten, ist ausgesprochen höflich, er versprüht Glanz, Glamour, was bei Politikern ja ganz selten der Fall ist, und im persönlichen Gespräch ist er durchaus gewinnend und auch diese Art überträgt sich medial. Und das macht ihn natürlich schon mal für viele Leute zu einem Ausnahmepolitiker. Und man sollte vielleicht auch noch sagen, Guttenberg ist ja auch jemand, der ein Produkt oder ein Objekt unserer Sehnsüchte ist, also nach gerade einem Politiker, der ganz anders ist als der andere, der nicht grau ist, nicht langweilig, der sich nicht immer absichert nach allen Seiten, sondern der gradlinig ist, der Unbequemes auszusprechen scheint. Klarheit und Wahrheit, das war sozusagen sein eigenes Motto. Und Guttenberg hat eben diese Sehnsüchte geprägt, er hat sie bedient, er hat sie reichlich genährt. Aber er kann sie offenbar auf Dauer nicht erfüllen.

Heckmann: Da ist gerade unsere Telefonleitung dabei, so ein bisschen zusammenzubrechen. Ich versuche es trotzdem in der Hoffnung, dass die Telefonleitung hält, Herr Wehner. Kommen wir mal auf die "Bild"-Zeitung. Die nimmt ja Guttenberg in Schutz, komme was da wolle. Mancher argwöhnt, die "Bild"-Zeitung wolle da einen eigenen Mann im Kanzleramt platzieren. Ist das vorstellbar, oder maßlos übertrieben?

Wehner: Dieser Eindruck konnte zumindest immer mal entstehen. Wir haben ja zeitweise im letzten Jahr kaum einen Tag erlebt, an dem nicht Guttenberg oder seine Frau Stephanie, beide prominent, in der "Bild" abgebildet waren, also sei es als Bomberpilot im Falle Guttenbergs, oder sei es als Jägerin von Kinderschändern im Falle von Stephanie zu Guttenberg. Das alles spielte sich auf Seite 1 der "Bild" ab. Es ist jedenfalls eine sehr enge Beziehung, so eng, wie ich sie vorher nie beobachtet habe bei einem Politiker, und "Bild" konnte natürlich mit Guttenberg gut Kasse machen, denn er hat eben diesen Glanz und deswegen hat sie ihn hochgeschrieben.

Heckmann: Eine Verbindung, die auch etwas Bedenkliches hat aus Ihrer Sicht?

Wehner: Eine Verbindung, die sehr bedenklich ist. Ich muss aber sagen, auch andere Medien haben ihn hochgeschrieben. Also man sollte auch nicht nur auf die "Bild"-Zeitung zeigen, aber die Bildzeitung hat natürlich an diesem Hype um Guttenberg den größten Anteil. Sie ist aber auch bedenklich für ihn, denn er ist damit auch eine große Abhängigkeit eingegangen, und ob die "Bild" ihn jetzt noch retten kann und will, das ist zumindest fraglich.

Heckmann: Schauen wir mal auf die Reaktionen der Bundeskanzlerin Angela Merkel. Sie hat ja gesagt und für Schlagzeilen auch gesorgt mit ihrem Bonmot, wenn man es so ausdrücken mag, sie habe ja keinen wissenschaftlichen Mitarbeiter berufen, sondern einen Verteidigungsminister. Ihr Kollege und Mitautor Eckart Lohse hat in einem Kommentar geschrieben, Merkel und auch Seehofer, sie seien in die Guttenberg-Falle getappt. Sehen Sie das auch so?

Wehner: Ja. Im Moment sieht es ganz so aus, dass man sich von Guttenberg nicht trennen will, weil eben seine Beliebtheit immer noch so groß ist, und deswegen befindet man sich in der Guttenberg-Falle. Auf der anderen Seite muss die Union dafür sehr zahlen, was ihre Glaubwürdigkeit angeht, und das ist ja ein Problem, was auch immer mehr Politiker aus der CDU jetzt sehen, und die sich ja auch öffentlich äußern, angefangen von Herrn Lammert, Frau Schavan positioniert sich jetzt anders, Herr Biedenkopf hat sich jetzt geäußert. Also es werden immer mehr Politiker aus der CDU, die die Befürchtung zum Ausdruck geben, dass der jetzige Umgang letztlich der Union mehr schaden als nützen wird.

Heckmann: Könnte also gut sein, dass Angela Merkel da aufs falsche Pferd setzt?

Wehner: Das könnte sein. Ich glaube auch, dass sie sich bestimmt überlegen wird, ob irgendwann der Zeitpunkt gekommen sein wird, wo sie ihre Entscheidung überdenken muss.

Heckmann: Herr Wehner, kurze Frage zum Abschluss: Glauben Sie, dass Guttenberg in drei Monaten noch Minister ist und ist er als möglicher CSU-Chef, als Ministerpräsident Bayerns, als Kanzler gar noch denkbar?

Wehner: Zu Ihrer ersten Frage: Ich bin skeptisch, dass er das noch ist. Er hätte sicherlich gut daran getan, bei diesem denkwürdigen und unglücklichen Auftritt an jenem Freitag vom Ministeramt zurückzutreten, zu sagen, ich übernehme die Verantwortung. Er hätte sicherlich Bundestagsabgeordneter bleiben können und hätte nach einiger Zeit dann auch zurückkehren können. Jetzt ist er in einer weitaus schlechteren Situation. Allerdings ist er ein junger Mann und für die Politik auf jeden Fall ein junger Mann und was in einigen Jahren sein wird, das lässt sich heute nicht sagen.

Heckmann: Markus Wehner war das, Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und Autor der neuesten Guttenberg-Biografie, gemeinsam mit seinem Kollegen Eckart Lohse. Im Droemer-Verlag ist dieses Buch, wie wir gelernt haben, heute erschienen. Herr Wehner, ich danke Ihnen für das Gespräch. Und die Information vielleicht noch an die Hörerinnen und Hörer des Deutschlandfunks: Sie können eine Rezension hören in unserer Sendung "Andruck", kommenden Montag ab 19:15 Uhr.

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