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StartseiteKommentare und Themen der WocheDerzeit nur ein kurzes Luftholen27.07.2020

Deutschland und COVID-19Derzeit nur ein kurzes Luftholen

Vor sechs Monaten wurde in Deutschland der erste Corona-Fall registriert: Es war der Beginn einer Krise, die wir bislang ganz gut gemeistert haben, meint Michael Watzke. Wir sollten COVID-19 aber weiterhin ernst nehmen und dem Virus mit politisch klugem Handeln und gemeinschaftlichem Bürgersinn begegnen.

Von Michael Watzke

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Gesellschaft: Urlaub, Ostsee. Eine Frau trägt eine Mund-Nasen-Maske am Strand von Grömitz. Das Bundesland Schleswig-Holstein empfängt in der Corona-Pandemie die ersten Urlauber. | Verwendung weltweit (picture alliance / David Inderlied/Kirchner-Media)
Schutzmasken gehören zu unserem Alltag: Deutschland ist bisher recht gut durch die Corona-Krise gekommen (picture alliance / David Inderlied/Kirchner-Media)
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Auf Youtube findet man Videos der Tsunami-Katastrophe von 2004 in Südost-Asien. Darin sind Menschen zu sehen, die am Strand aufgeregt den leicht steigenden Wasserpegel registrieren. Was tun? Dableiben? Wegrennen? Aufs Dach klettern? Dann zieht sich das Wasser zurück und die Menschen sind erleichtert, dass es nur geringe Schäden gab. Manche scherzen: Das war schon alles? Was sie nicht ahnen: Minuten später kommt das Wasser mit gewaltiger Kraft zurück. Die eigentliche Tsunami-Welle rollt erst heran.

Sorge vor der Grippe-Welle im Herbst

Wird es mit COVID-19 ähnlich sein? Haben wir den tatsächlichen Corona-Tsunami noch vor uns? Manches spricht dafür, zum Beispiel die Erkenntnis, dass die Hoffnung auf Herden-Immunität vergeblich war: Dieses Virus ist mit Massen-Infizierung nicht zu bezwingen. Es bleibt so lange virulent, bis ein Impfstoff gegen COVID-19 zur Verfügung steht, also frühestens nächstes Jahr. Bedrückend ist auch die Vorstellung, dass der nächste Anstieg der Fallzahlen im Herbst mit der Influenza zusammenfallen könnte. Grippe und Corona gleichzeitig - das wäre für unser Gesundheits-System der Worst Case.

Ein bisschen fühlt sich dieser Sommer 2020 an wie ein kurzes Luftholen, ein Durchschnaufen nach der ersten Etappe einer Bergwanderung. Ein Gipfel ist bezwungen, aber nun ragt ein neues Gebirgsmassiv auf, das möglicherweise noch höher ist und noch anstrengender wird. Beim Gedanken an den Aufstieg geht manchen schon jetzt die Puste aus. Noch ein Lockdown? Nochmal Ausgangsbeschränkungen, geschlossene Kinderspielplätze, Besuchsverbote im Altenheim? Diesmal vielleicht sogar in der Sommerhitze?

Mehr richtig als falsch gemacht in der Pandemie

Das Positive - das, was uns optimistisch stimmen sollte – ist, dass wir die erste Etappe vergleichsweise gut überstanden haben. Wir haben mehr richtig als falsch gemacht. Corona betrifft den ganzen Erdball – und ein Blick rund um die Welt zeigt uns: Es hätte schlimmer kommen können. Länder, in denen inkompetente Politiker oder Bürger ohne Gemeinsinn das Virus erst stark gemacht haben, sollten uns im Falle einer zweiten Welle als abschreckendes Beispiel dienen.

In diesen Pandemiezeiten kann kein Land gewinnen. Auch Deutschland beklagt mehr als 9.000 Tote und schwere wirtschaftliche Verwerfungen. Aber es stimmt, was neulich in der Kommentarspalte der "New York Times" stand: Dass Deutschland bisher von allen Ländern weltweit mit am besten durch die Krise gekommen ist. Und die Chance hat, am stärksten zurückzukehren. Wenn wir COVID-19 weiterhin ernst nehmen und dem Virus mit politisch klugem Handeln und gemeinschaftlichem Bürgersinn begegnen. Also genau das Gegenteil dessen zu tun, was wir derzeit in den USA beobachten: hunderttausende Tote, Millionen Arbeitslose und ein gespaltenes Land.

Schaut man sich die Tsunami-Videos auf Youtube an, möchte man den Menschen darin zurufen: Tut was! Bleibt nicht stehen! Bringt Euch vor der Welle in Sicherheit. Damals blieben nur wenige Minuten. Heute lässt uns eine zweite Corona-Welle glücklicherweise mehr Zeit.

Michael Watzke  (©Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Michael Watzke (©Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Michael Watzke, geboren 1973 in Remscheid, absolvierte die Deutsche Journalistenschule. Er studierte Politik und Soziologie in München und Washington DC. Nach Stationen bei SZ und BILD arbeitete er als Chefreporter für Antenne Bayern. 2003 gewann er den Axel-Springer-Preis. Danach Ausbildung an der Drehbuch-Werkstatt der HFF München. Als Autor des TV-Dramas "Das letzte Stück Himmel" (Regie: Jo Baier) erhielt er den Robert-Geisendörfer-Preis und war für den Deutschen Fernsehpreis nominiert. Arbeit als Regisseur und Produzent. Seit 2010 berichtet er für Deutschlandradio als Bayern-Korrespondent aus München.

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