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StartseiteSonntagsspaziergangAuf den Spuren von Agatha Christie13.09.2015

Devon in SüdenglandAuf den Spuren von Agatha Christie

Nach über 70 Romanen und zahlreichen Kriminalstücken für das Theater gilt Agatha Christie, die "Queen of Crime", heute als meistgelesene Autorin der Welt. Gelebt hat sie in der südenglischen Grafschaft Devon, zwischen Küstenstädten und Moorlandschaft. Eine Spurensuche.

Von Franz Michael Rohm

Die englische Schriftstellerin Agatha Christie, aufgenommen in ihrem Haus Greenway House in Devonshire im Januar 1946. Christie verfaßte zahlreiche erfolgreiche Detektivromane, aber auch Kurzgeschichten und Dramen. Im Mittelpunkt ihrer Geschichten steht häufig die Aufklärung spannend konstruierter Verbrechen durch die Amateurdetektivin Miss Marple oder den belgischen Detektiv Hercule Poirot.  Agatha Christie, seit 1971 Dame Agatha Christie, wurde am 15. September 1890 in Torquay, Devon geboren und starb am 12. Januar 1976 in Wallingford (bei Oxford). (picture alliance / dpa )
Die englische Schriftstellerin Agatha Christie, aufgenommen in ihrem Haus Greenway House in Devonshire im Januar 1946. Christie verfaßte zahlreiche erfolgreiche Detektivromane, aber auch Kurzgeschichten und Dramen. (picture alliance / dpa )

Das Foyer des Grand Hotel im südenglischen Torquay in der Grafschaft Devon hat gewiss bessere Zeiten gesehen. Die dunkelbraunen Bezüge der Sessel um die Bar sind im Laufe der Jahre verschossen, auch die Wände könnten frische Farbe vertragen. Am Piano, das dringend poliert werden müsste, sitzt Jorge, ein schmächtiger junger Mann aus Madrid. Ihn hat die Wirtschaftskrise seines Landes hierher verschlagen.

Agatha Christie, die berühmteste Tochter der Stadt, kennt er nur dem Namen nach. Und die Titel-Melodie der Miss Marple-Filme? Das wäre doch wirklich etwas für sein Repertoire. Aber Fehlanzeige!

Als Jorge allerdings erfährt, wie berühmt Agatha Christie ist, wird sein Interesse geweckt.

Er verspricht, die Melodie bis zum Abend zu üben. Uns holt kurz darauf Stadtführer Alex Graeme im Foyer des Grand Hotel ab.

"Agatha Christie verbrachte hier im Hotel am 24. Dezember 1914, also Heiligabend, ihre Hochzeitnacht mit Archie Christie, ihrem ersten Mann. Es war Krieg, der Erste Weltkrieg, und Archie Christie flog in der Luftwaffe. Er musste am anderen Tag wieder zum Einsatz. Deshalb waren es sehr kurze Flitterwochen.

Alex Graeme beginnt am Grand Hotel die "Agatha Christie Mile", eine touristische Tour mit mehren Stationen. Die bekannteste Kriminalautorin der Welt wurde am 15. September 1890 als Agatha Mary Clarissa Miller in Torquay geboren und lebte hier bis sie nach ihrer Scheidung mit Ende Zwanzig fortzog."

Bedauernswerterweise steht das Elternhaus nicht mehr, und so müssen Agatha Christie-Fans mit einer kleinen Bucht zwei Kilometer außerhalb der Stadt vorlieb nehmen, wo die später so ungemein erfolgreiche Schriftstellerin ihr erstes Rendez-vous hatte.

Wo Agatha Christie schwimmen ging

Nächster Stopp ist ein kleiner Strand mitten in der Stadt, Beacons Cove.

"Dieser Ort ist sehr speziell für Agatha Christie. Nicht, weil sie ihn in irgendeiner ihrer Geschichten verwendet hätte. Sondern weil sie sich hier als junge Frau sehr oft aufhielt. Denn sie hatte ein typisch britisches Hobby: Schwimmen. Hier am Beacon Cove Beach ist sie sehr oft schwimmen gegangen. Sie liebte das. Bei jedem Wetter."

Idyllisch schmiegt sich der Hafen von Torquay an die kleine Bucht. Die zweistöckigen, verschachtelten Häuser im viktorianischen Stil ducken sich am Fuß hügeliger Hänge. Der Charme, den die Kleinstadt zu Lebzeiten von Agatha Christie verströmte, wird heute durch einige monströse Sozialbausünden aus den Siebziger Jahren beeinträchtigt. Beacon Cove liegt direkt unterhalb der Sozialbauten.

"Agatha Christie liebte Beacon Cove. Dieser Stadtstrand war sehr zentral gelegen. Es war ein Strand nur für Frauen und Kinder. Eines Tages ging sie hier mit ihrem kleinen Neffen Jack schwimmen. Sie wollten auf ein vorgelagertes Floß und sich dort ausruhen. Aber der Kleine konnte nicht gut schwimmen, und Agatha Christie hatte Schwierigkeiten, ihn über Wasser zu halten. Der Strandwächter sah das und schwamm sofort hinaus. Er rettete Agatha und das Kind, brachte sie zurück an den Strand. Wir sind diesem Mann sehr dankbar. Denn ohne ihn hätte Agatha Christie vielleicht niemals ihre Bücher geschrieben."

Abends in Grand Hotel versucht sich Jorge an der Melodie von Miss Marple. Ich spiele sie ihm auf dem Smartphone vor. Es klappt schon ganz gut. Zu einer gehaltvollen Bloody Mary lässt sich gut in der Biografie der Autorin schmökern. Zum Schreiben kam Agatha Christie wegen ihrer Schwester Madge. Die damals bekanntere Schriftstellerin wettete, Agatha können keinen Kriminalroman schreiben. Das weckte Agatha Christies Ehrgeiz. 1921 Jahren erschien ihr erster Krimi, bereits mit der Hauptperson des exilbelgischen Detektivs Hercule Poirot. "The Mysterious Affair at Style", hieß das Buch, auf Deutsch "Das fehlende Glied der Kette". Zehn Jahre später tauchte das erste Mal Miss Marple auf.

Miss Marple brachte weltweiten Erfolg

Die britische Schauspielerin Margaret Rutherford, aufgenommen im September 1966: Ihre bekannteste Rolle war die der Miss Marple, die schrullige Seniorin mit der Leidenschaft für Kriminalfälle, nach einer Figur der Krimiautorin Agatha Christie. (picture-alliance/ dpa/dpaweb)Die britische Schauspielerin Margaret Rutherford, aufgenommen im September 1966: Ihre bekannteste Rolle war die der Miss Marple, die schrullige Seniorin mit der Leidenschaft für Kriminalfälle, nach einer Figur der Krimiautorin Agatha Christie. (picture-alliance/ dpa/dpaweb)

Nach über 70 Romanen und zahlreichen Kriminalstücken für das Theater gilt die "Queen of Crime" heute als meistgelesene Autorin der Welt. Von der britischen Königin wurde sie als Dame geadelt. Mehr als zwei Milliarden Bücher sollen mittlerweile verkauft worden sein. Es heißt, nur die Bibel und der Koran wären häufiger gelesen als Agatha Christies Kriminalromane.

Ende der Dreißigerjahre kehrte sie wieder in ihre Heimat zurück, zumindest für die Sommermonate. Sie erwarb das Anwesen Greenway House am River Dart, etwa 25 Meilen von Torquay entfernt. Es war der Lieblingsort ihrer Mutter gewesen.

Der klassische Tagesausflug nach Greenway House beginnt in dem nahegelegenen Ort Paignton. Vom Bahnhof der Dartmouth Steam Railway Company schlängelt sich die betagte, dampfgetriebene Hercules-Lokomotive entlang der malerischen Küste nach Kingswear am River Dart. Eine gute halbe Stunde dauert die Fahrt. Man sitzt in Pullmanwagen und erinnert sich an den Krimi "16.50 Uhr Paddington Station".

Von Kingswear setzt man mit der Fähre in das idyllische kleine Städtchen Dartmouth über. Es empfängt mit verschlungenen Gassen und bunten Häuser-Fassaden. Anschließend schippert uns die "River Rose" einige Meilen flussaufwärts bis Greenway House.

Vom Wasser führt ein steiler Pfad zum Anwesen, das heute dem National Trust gehört. Die Gärten mit Pflanzen, die Agatha Christie von zahlreichen Ausgrabungsreisen mit ihrem zweiten Mann Max Malloway anlegen ließ, sind in ihrer Opulenz und Gepflegtheit zauberhaft und verwunschen zugleich. Ziel der meisten Besucher ist das elegante Landhaus.

Besuch im Ferienhaus von Agatha Christie

"Willkommen in Greenway House. Das ist das Ferienhaus von Agatha Christie. Sie erwarb es 1938 für 6000 Pfund. Zu Greenway House gehören rund 16 Hektar Land. Sie dürfen gerne fotografieren, aber nur ohne Blitz. Und bitte nichts anfassen. Alles ist noch so wie zu Zeiten von Agatha Christies. Der Rundgang beginnt hier, im Frühstückszimmer."

Rund 100.000 Besucher kommen in das champagnerfarbene, zweistöckige Haus, das innen aussieht, als bewohnte es die Schriftstellerin noch immer. In der Küche könnte man sofort ein English Breakfast zubereiten, im Salon stehen die Familienfotos auf dem Steinway-Flügel und wäre es nicht verboten, man würde gerne in den dicken Sessel versinken und dann mit der Hausherrin plaudern. Das geht natürlich nicht. Aber man kann einer Tonbandaufnahme lauschen, in der sie erklärt, wie sie ihre Kriminalromane schrieb.

"Viele meiner Freunde sind neugierig, wie ich schreibe. Was ist deine Methode? Wollen sie wissen. Dazu möchte ich feststellen, dass ich keine Methode habe. Ich schreibe alles selbst auf einer alten Schreibmaschine, die ich seit vielen Jahren benutze. Beim Schreiben von Kurzgeschichten halte ich ein Diktiergerät für nützlich, um die Personen für ein Stück zu entwerfen. Aber nicht für kompliziertere Sachen wie einen Kriminalroman. Die Hauptarbeit ist, sich die Entwicklungen der Story auszudenken, und so lange damit zu arbeiten, bis es gut ist. Das kann dauern. Wenn man alles Material, alle Skizzen und Notizen zusammen hat, braucht es nur noch die Zeit zum Schreiben."

Sechs- bis siebenmal im Jahr kam Agatha Christie nach Greenway. Meistens in den Sommerferien, an Feiertagen wie Ostern, und Weihnachten. Aber auch zu Geburtstagen. Die restliche Zeit lebte sie mit ihrem Mann Max Malloway, der als Archäologe für das British Museum in London arbeitete, in Oxfordshire.

"Jedes Jahr zu Weihnachten las sie hier ihr neuestes Buch vor. Die ganze Familie saß dann im Kreis. Jeder musste herausbekommen, wer der Mörder ist. Das war ihr erstes Publikum. Sie schrieb nicht während ihrer Ferien. Aber sonst schrieb sie, wann immer sie eine Schreibmaschine in die Hände bekam. Auch während der Ausgrabungen ihres Mannes. Ich glaube, hier schaltete sie ab, es war ihr Ferien-Domizil.

Lange kann man sich im Haus, dem wunderschönen Garten und dem Bootshaus am Fluss aufhalten. Am späten Nachmittag geht es zurück zur Fähre, und dann wieder mit der Dampflok nach Paignton.

Abends im Grand Hotel hat der schmächtige Pianist Jorge eine Überraschung für uns.

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