Samstag, 31.07.2021
 
Seit 23:05 Uhr Lange Nacht
StartseiteKommentare und Themen der WocheAufbrechen des Systems23.05.2021

DFB-FührungsspitzeAufbrechen des Systems

Wer sich wirklich zur Aufgabe mache, divers zu sein, müsste deutlich engagierter auftreten als der DFB, wenn es darum geht, das Label "Männersportart" abzulegen, kommentiert Marina Schweizer. Das würde sicher besser gelingen, wenn insgesamt mehr Frauen mitentscheiden würden.

Ein Kommentar von Marina Schweizer

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Ein Schild mit dem Logo des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) hängt vor dem Eingang zur DFB-Zentrale (picture alliance/dpa | Frank Rumpenhorst)
Keine einzige Frau ist Präsidentin in einem der 21 Landes- und fünf Regionalverbände im Deutschen Fußballbund (picture alliance/dpa | Frank Rumpenhorst)
Mehr zum Thema

DFB-Präsident Keller-Nachfolge wird ein schwieriger Job

Neuanfang beim DFB "Klarer Menschenverstand, Basisnähe und Transparenz"

Martina Voss-Tecklenburg zur DFB-Elf Zeit für den Umbruch nehmen

Achtung, das folgende Beispiel könnte Ihnen auf die Nerven gehen – weil es schon allzu oft benutzt wurde: Es ist über 30 Jahre her, dass das Fußball-Nationalteam der Frauen den EM-Titel holte und als Prämie vom eigenen Verband ein Kaffeeservice - angeblich 1B-Ware – überreicht bekam. Es ist ein abgenutztes Beispiel für ignorantes und degradierendes Verhalten im Deutschen Fußballbund in der Vergangenheit.

Heutzutage ist man natürlich geschickter, als damals beim Kaffeeservice. Aber viele fundamentale Dinge haben sich eben nicht verändert. Die Führung des Deutschen Fußballbundes ist auch 30 Jahre später ein Deutscher Männer-Fußball-Bund. Er schafft es trotz unzähliger Weckrufe nicht, sich personell anzupassen – und damit auch mit der Zeit zu gehen. Dabei lässt er keine Gelegenheit aus, auf seine besondere gesellschaftliche Relevanz hinzudeuten. Im verbandseigenen PR-Sprech ist der Deutsche Fußballbund der offenste, diverseste und gerechteste Verband, den man sich vorstellen kann.

"Vielfalt auf und abseits des Platzes"

Ein Beispiel: Schon in der Präambel des DFB-eigenen Ethikkodex wird die gesellschaftliche Stellung des DFB herausgestellt, aus der eine besondere Verantwortung erwachse.

Unter dem Schlagwort "Werte" macht es der Dachverband noch deutlicher - Zitat: "Im Fußball spiegeln sich die Vielfalt der Gesellschaft, der Sprachen, Kulturen und Lebensweisen wider. Wir achten und fördern diese Vielfalt auf und abseits des Platzes."

Um die Unschuldigen hier einmal aus der Schusslinie zu nehmen: In vielen Vereinen wird das auch tatsächlich gelebt.

Katja Kraus ist eine ehemalige deutsche Fußballspielerin und Fußballfunktionärin. (Susanne Baumann/Picture Press/ddp) (Susanne Baumann/Picture Press/ddp)DFB - "Zu wenig Diversität in den Führungsetagen"
Neun Frauen, acht zentrale Forderungen, eine klare Botschaft: So wie bisher soll es im Profifußball nicht weitergehen. Sie fordern auch einen weiblicheren DFB. Mit-Initiatorin und Ex-Fußballerin Katja Kraus sagte im Dlf, sie könne sich vorstellen, Verantwortung zu übernehmen – unter bestimmten Voraussetzungen.

Aber: In den Entscheidungsgremien des DFB spiegelt sich das personell teilweise null Komma null. Keine einzige Frau ist Präsidentin in einem der 21 Landes- und fünf Regionalverbände im Deutschen Fußballbund. Im Präsidium des Dachverbandes sitzt eine einzige Frau. Peinlich, nicht nur, aber auch, weil von den sieben Millionen DFB-Mitgliedern über eine Million Frauen und Mädchen sind. Hinzu kommt: Wer sich wirklich zur Aufgabe macht, divers zu sein, müsste deutlich engagierter auftreten, wenn es darum geht, das Label "Männersportart" abzulegen. Auch das würde sicher besser gelingen, wenn insgesamt mehr Frauen mitentscheiden.

Damit sind wir bei einem wichtigen Punkt: Es kann hier nicht um weibliche Symbolfiguren gehen. Eine alleinige Streiterin auf dem Präsidentinnensessel hätte wenig Aussicht auf Erfolg. Weil die Erwartungshaltung dann nicht mehr alleine die eigentliche Herkulesaufgabe wäre - nämlich Erneuerung dieses verkrusteten DFB. Sie müsste auch gleichzeitig noch unfehlbar als eine Frau herhalten, die für alle Frauen stehen soll. Die Initiative von neun prominenten Frauen aus dem Fußball, die jetzt mehr Geschlechtergerechtigkeit fordert, hat das bereits erkannt. Sie denken den Unterbau mit. Und fordern auch aus diesem Grund eine 30-Prozent-Frauenquote.

Die Chance aller, des gesamten Verbandes

Ex-DFB-Präsident Fritz Keller hat in seiner Rücktritts-Abrechnung einige Systemfehler aufgeführt, die auch DFB-Beobachter seit langer Zeit wahrnehmen: Es gehe im DFB zu viel um Befindlichkeiten, interne Machtkämpfe, die Sicherung von Vorteilen und um das "Arbeiten" am eigenen Bild in der Öffentlichkeit. Und von den Problemen mit Justiz und Steuerbehörden war da noch gar nicht die Rede.

Je mehr Personen dazukommen, die nicht Teil dieses sich selbst erhaltenden, sich selbst beklatschenden Systems sind, desto besser. Und Frauen haben eben nicht zum jahrzehntelangen Führungs-System gehört – das ist ihre Chance. Aber vor allem auch die Chance aller, des gesamten Verbandes. Denn damit wäre auch die Einstellung aufgebrochen: Solange mir das System nutzt, werde ich es nicht bekämpfen.

Dabei braucht es den völlig neuen Blick.

Es geht um Teilhabe derer, denen der Sport genauso gehört, neben Männern eben auch Frauen und Personen, die sich nicht einem der beiden binären biologischen Geschlechter zuordnen lassen.

Und wer sagt, dass diese Personen es dann auch "können"? Natürlich muss bei künftigen Akteuren und Akteurinnen genau hingeschaut werden: Welche Voraussetzungen bringt sie mit, um dieses Amt auszufüllen? Die Tatsache, dass jemand in den vergangenen Jahren nicht zum Männerklüngel DFB gehört hat, darf als Gütesiegel verbucht werden. Wer hat übrigens so penibel auf die Qualität derer geschaut, die diesen Verband in den vergangenen Jahren an die Wand gefahren haben?

Es kann allen nur zugutekommen, wenn nicht nur bei Frauen jetzt genau hingeschaut wird. Das Argument, dass es ja auf vermeintliche Qualität und nicht auf das Geschlecht ankommt, ist noch älter und schlechter als das Kaffeeservice.

Marina Schweizer (privat)Marina Schweizer (privat)Marina Schweizer studierte Kommunikationswissenschaft und Geschichte in München, längere Auslandsaufenthalte in Alaska/USA. Während und nach dem Studium arbeitete sie als freie Reporterin u. a. für den SWR-Hörfunk, bevor sie ein crossmediales Volontariat bei Deutschlandradio absolvierte. Nach einem Jahr als Junior-Redakteurin in den Redaktionen Sport und Zeitfunk arbeitet sie heute beim Deutschlandfunk als Redakteurin und Moderatorin in der Sportredaktion und als Moderatorin im "Zeitfunk".

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk