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StartseiteSport am Wochenende"Unter Marketingexperten wird von Whitewashing gesprochen"10.07.2021

DFB-Verhandlungen mit "Qatar Airways""Unter Marketingexperten wird von Whitewashing gesprochen"

Der DFB verhandelt laut Medienberichten mit der katarischen Staatsfluglinie "Qatar Airways" über eine Partnerschaft. SZ-Journalist Thomas Kistner schließt im Dlf auf eine "beunruhigende" finanzielle Situation im DFB. Unter einem Deal mit Katar würde auch die Nationalmannschaft leiden.

Thomas Kistner im Gespräch mit Raphael Späth

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15.06.2021, Fussball, Europameisterschaft 2020, Gruppenspiel Gruppe F, Frankreich - Deutschland, in der Fußball Arena München. Werbebande Qatar Airways *** 15 06 2021, football, european championship 2020, group match group F, france germany, at football arena munich advertising hoardings qatar airways  (IMAGO / MIS)
Werbung von "Qatar Airways" Beim EM-Spiel zwischen Deutschland und Frankreich in München. (IMAGO / MIS)
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Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) steckt in einer tiefen Führungskrise. Nach dem Abtritt von Präsident Fritz Keller wird der Verband derzeit nur kommissarisch geführt. Bis zu den Neuwahlen dauert es noch ein halbes Jahr. Doch schon jetzt droht bereits der nächste Skandal. Denn laut Berichten der "Süddeutschen Zeitung" befindet sich der DFB aktuell in Verhandlungen mit der katarischen staatlichen Fluggesellschaft "Qatar Airways" über eine Partnerschaft. Dabei hatte der DFB erst im April eine Menschenrechtspolicy verabschiedet und deutlich Stellung zur WM in Katar bezogen.

"Dass sich der DFB überhaupt mit einem gesellschaftspolitisch so brisanten Thema wie einer wirtschaftlichen Verbindung mit einem Staatskonzern von Katar befasst, das zeigt nach meiner Einschätzung deutlich, dass die finanzielle Gesamtsituation des DFB beunruhigend sein dürfte", sagte Thomas Kistner, Journalist bei der "Süddeutschen Zeitung" im Dlf.

"Neue Skandale sind abzusehen"

Zwar würden aufgrund der Corona-Pandemie derzeit wohl alle Verbände und Clubs schwierige Zeiten durchleben. Beim DFB kämen jedoch noch weitere beschwerliche Faktoren dazu. "Da ist diese absolut desaströse Außendarstellung mit einer intrigengesättigten Interimsführung, die aus gesellschaftspolitischen, aber auch fußballnahen Kreisen eine öffentliche Ablehnung erfährt, die nahezu sensationell einhellig ist. Wie das weitergehen soll, wo der havarierende, von Strafbehörden verfolgte Verbandskoloss in den nächsten Monaten landen wird, ist auch ungewiss. Neue Skandale sind jedenfalls abzusehen", so Kistner.

Ein neuer Airbus A350 XWB startet zu seiner Übergabe an Qatar Airways in Colomiers (Frankreich) am 22.12.2014.  (EPA FILE /Stringer) (EPA FILE /Stringer)DFB verhandelt mit Qatar Airways
Der DFB ließ sich in den vergangenen Jahren von der Lufthansa fliegen. Kostenlos für den Verband und als Werbemaßnahme für die Fluggesellschaft. Qatar Airways könnte der Nachfolger werden.

Dazu sei auch abzusehen, dass die Jahresbilanz des DFB nicht so gut ausfallen wird wie angekündigt. "Man darf gespannt sein, ob und wie Rot die Bilanzzahlen am Ende sind. In der Gemengelage greift man wohl zu jedem Strohhalm. Klar ist, wenn der Deal mit Qatar Airways zustande kommt, dann würden enorme Gelder in die Kassen fließen. Und das könnte auch manchen Leuten den Abgang versüßen, die der DFB spätestens nach den Neuwahlen in wenigen Monaten nicht mehr in Spitzenfunktionen haben wird", sagte Kistner.

"Unter Marketingexperten wird bereits von Whitewashing geredet"

Die Menschenrechtspolicy, die der DFB verabschiedet hat, war laut Kistner reine Symbolpolitik. Dazu passe es nicht für einen Fußballverband mit sieben Millionen Mitgliedern, sich finanziell und ideel an den Staat Katar zu binden. "Unter Marketingexperten wird bereits von Whitewashing geredet, also davon, dass man den schwer in der Menschenrechtskritik stehenden Staat Katar rechtzeitig vor der umstrittenen WM den eigenen guten Namen für sehr viel Geld verkaufen könnte. Also klar ist: Wenn der Deutsche Fußball-Bund mit Katar so eine Bindung eingeht, dann kriegt er das Thema bis zur WM nicht nur nicht mehr von der Backe."

Das könnte dann auch die Entwicklung der Nationalmannschaft behindern, so Kistner. Die Nationalspieler müssten "künftig die neue Doppelbödigkeit dann öffentlich mitverhandeln, weil sie nicht mehr nur zu Dreier- und Viererkette gefragt werden, sondern auch zur Lage beim neuen umstrittenen Werbepartner."

Neue Ethik-Kommission wirft Fragen auf

Keine gute Figur habe der DFB auch bei der Neubesetzung der eigenen Ethik-Kommission abgegeben. Ein Großteil der alten Ethik-Kommission war geschlossen zurückgetreten. Im Schatten der EM hat der DFB nun neue Mitglieder ernannt. Dabei würden vor allem die Rolle des neuen Büroleiters und die neue Ethik-Chefin Irena Kummert Fragen aufwerfen. "Beide haben in der Kürze der Zeit bereits Vorgänge abgeliefert, die ihrerseits eine Ethik-Anzeige erforderlich machen könnten", sagte Kistner. Das spreche laut Kistner dafür, dass die Posten nicht ordentlich besetzt wurden. "Im Gegenteil, ich vermute, wie viele andere kundige Beobachter, dass wir von dieser neuen Ethik-Kombo in nächster Zeit sehr flott zwei markante Freisprüche in Ethik-Fällen erleben werden, die den DFB-Interimschef Rainer Koch betreffen."

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