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StartseiteForschung aktuellUmweltgifte erhöhen das Risiko wohl doch nicht11.02.2021

Diabetes Typ 2Umweltgifte erhöhen das Risiko wohl doch nicht

Obwohl langlebige organische Schadstoffe, wie etwa das Insektenbekämpfungsmittel DDT, vor 20 Jahren verboten wurden, finden sich die Gifte bis heute im Fettgewebe von Tieren und Menschen. Über einen möglichen Zusammenhang mit der Entstehung von Typ-2-Diabetes gibt es nun neue Erkenntnisse.

Von Christine Westerhaus

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Am 23. Mai 2016 entnimmt ein Student der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Gesundheit einen Tropfen Blut mit einem Diabetes-Testgerät. Der sichere und routinierte Umgang mit medizinischen Diagnose-Geräten gehört zu den Grundlagen des anspruchsvollen Ausbildungsprogramms der Bildungseinrichtung.  (dpa/ Hans Wiedl)
Diabetiker müssen ihren Blutzuckerspiegel regelmäßig kontrollieren. (dpa/ Hans Wiedl)
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Sie werden auch das "Dreckige Dutzend" genannt: Langlebige Umweltgifte, wie das Insektenbekämpfungsmittel DDT oder polychlorierte Biphenyle. Weil sie sich im Fettgewebe von Tier und Mensch ansammeln und nur schwer abbaubar sind, wurden solche Chemikalien 2001 weltweit verboten. Seitdem sinkt ihre Konzentration in der Umwelt. Doch durch den Verzehr belasteter Lebensmittel haben viele Menschen die persistenten organischen Schadstoffe (POPs) in ihrem Fettgewebe angereichert.

Wissenschaftliche Studien haben gezeigt: Menschen mit Diabetes haben höhere Konzentrationen im Blut. Doch daraus zu folgern, dass POPs das Risiko erhöhen, an Typ-2-Diabetes zu erkranken, wäre voreilig, sagt Charlotta Rylander von der Arktischen Universität Norwegens in Tromsö:

"In diesen Studien wurden die Schadstoffkonzentrationen in den Blutproben von Diabetes-Patienten und Gesunden verglichen. Doch die Zusammenhänge sind sehr kompliziert, weil es eine Reihe anderer Risikofaktoren für Typ-2-Diabetes gibt, darunter Übergewicht, Bewegungsmangel und ungesunde Ernährung. Gleichzeitig sind POPs fettlöslich und reichern sich daher vor allem im Fettgewebe an."

Der Stoffwechsel spielt eine Schlüsselrolle

Um mehr darüber herauszufinden, wie Umweltgifte das Diabetes-Risiko beeinflussen, haben Rylander und ihre Kollegen ebenfalls Blutproben von Diabetes-Patienten und Gesunden verglichen. Das Besondere an dieser Untersuchung: Die Forschenden konnten auf Biodatenbanken zurückgreifen, in denen mehrere Blutproben derselben Person gespeichert waren. Diese waren über Zeiträume von bis zu 30 Jahren gesammelt worden und ermöglichten den Forschenden eine Art Zeitreise in die Vergangenheit: Sie konnten bei 145 Patienten mit Typ-2-Diabetes und genauso vielen Gesunden nachverfolgen, wie sich deren Schadstoff-Belastung mit der Zeit verändert hat.

Das Ergebnis: Die Schadstoffbelastung war bei beiden Gruppen 15 Jahre vor der Diabetes-Diagnose noch ungefähr gleich hoch, erklärt Charlotta Rylander: "Doch je näher wir dem Zeitpunkt kamen, wo ein Mensch Diabetes entwickelt hat, umso größer wurden die Unterschiede. Bei Gesunden nahm die Schadstoff-Belastung mit der Zeit ab, bei Diabetes Patienten auch - aber deutlich langsamer. Deswegen denken wir, dass das Diabetes-Risiko eher davon abhängt, wie schnell jemand diese langlebigen Umweltgifte abbauen kann."

POPs werden beispielsweise aus den Fettdepots gelöst, wenn Frauen Muttermilch bilden. Auch beim Fasten oder einer Diät setzt der Körper fettlösliche Gifte frei, wenn sich das Fettgewebe zurückbildet. Möglicherweise beeinflussen aber auch entgiftende Enzyme das Diabetes-Risiko.

Enzyme zur Entgiftung könnten den Unterschied erklären

Das Team von Charlotte Rylander hat eine Theorie, die es aber noch nicht beweisen kann: "Viele Umweltgifte werden im Körper durch ein Enzymsystem namens Cytochrom P450 abgebaut. Und neuere Forschungsergebnisse zeigen, dass manche dieser Entgiftungs-Enzyme bei Menschen mit Übergewicht oder Adipositas weniger aktiv sind."

Wer übergewichtig ist, wird angereicherte Umweltgifte also womöglich schwerer wieder los als Normalgewichtige. Warum die Entgiftungsenzyme dann weniger aktiv sind, wissen die Forschenden nicht. Doch diese Studie mache eines deutlich, sagt Charlotta Rylander: Der Zusammenhang zwischen Umweltschadstoffen und dem Risiko für bestimmte Krankheiten sei manchmal komplizierter als gedacht.

"Diese Art von Forschung ist sehr wichtig: Studien die zeigen, dass es auch andere Erklärungen für bestimmte Zusammenhänge geben kann. Bisher gab es keine Studie, bei der Forschende Blutproben derselben Personen über längere Zeiträume untersucht haben. Doch mit dieser Art von Untersuchung, die wir jetzt gemacht haben, lässt sich der Einfluss von Umweltgiften auf das Krankheitsrisiko deutlich besser beurteilen."

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