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StartseiteMusikjournalTeodors Kreativspielplatz05.07.2016

Diaghilev-Festival PermTeodors Kreativspielplatz

Während des Kalten Krieges war Perm für Besucher unerreichbar. Das ehemalige Zentrum der sowjetischen Rüstungsindustrie beherbergt heute eines der innovativsten Kulturfestivals Russlands. Das liegt vor allem am griechisch-russischen Dirigenten Teodor Currentzis.

Der Dirigent Teodor Currentzis (picture alliance / dpa / Mudrats Alexandra)
Hat Perm kulturell wiederbelebt: der Dirigent Teodor Currentzis (picture alliance / dpa / Mudrats Alexandra)

"Ich kam in der Zeit der kulturellen Revolution hierher, denn hier in Perm hatte ich die Möglichkeit, das künstlerische Leben der Stadt neuzuorganisieren. Das war 2011. Wir machen jetzt hier die fünfte Saison".

Für Teodor Currentzis beginnt, er sagt es im Brustton der Überzeugung, die musikkulturelle Neuzeit von Perm mit seiner Ankunft, und der Ankunft seines Orchesters MusicAeterna bestehend aus Spitzenmusikern aus ganz Europa.

Der Maestro empfängt in seinem wie ein Proustsches Boudoir ein wenig schwülstig eingerichtetem Büro im Permer Opernhaus. Im Anschluss an das Interview präsentiert er stolz seine eigenen Schuh- und Taschenentwürfe sowie, ganz aktuell, sein neues Unisex-Parfüm. Currentzis höchstpersönlich sprüht den journalistischen Besucher an.

Quadratur des Kreises

Was Currentzis vom 17. bis 30. Juni in der Industriestadt bot, konnte sich nicht nur in Russland, sondern auch im Festivalverwöhnten Westeuropa sehen lassen. Currentzis kulturpolitischer Wagemut ist ein frecher kreativer Widerspruch gegen das aus Moskau verordnete Wohlverhalten auch seitens der Kunst und der Kultur. Kulturfreiheit in Putinland: Currentzis wagt die Quadratur des Kreises und hat Erfolg damit. Noch.

Robert Wilson führte die Regie in der von Currentzis dirigierten "La Traviata"-Inszenierung. Sein Dirigat erstaunte, überraschte und faszinierte schließlich selbst Verdierfahrene Kritiker: so frisch und gefühlvoll, ohne ins Gefühlsduselige abzurutschen, hatte man diesen Opernklassiker im Walzertakt wohl noch nie gehört. Die statisch angeordneten Sänger mit dem für Wilson typischen Inszenierungsstil reduzierten Verdis Oper und ihren immensen Emotionsgehalt auf das Wesentliche. Eine mutige Regie für eine etwas zu groß geratene Provinzstadt tief im Ural, die Anton Tschechow in seinem Theaterstück "Drei Schwestern" als öde Garnisonsstadt bezeichnete. So präsentiertes Musiktheater würde man eher in Salzburg, München oder Paris vermuten. Aber der Publikumszuspruch gibt den Machern recht: das Opernhaus war während aller fünf Aufführungen bis auf den letzten Platz ausgefüllt. Das gilt auch für die anderen Veranstaltungen, die an verschiedenen Orten der Permer Innenstadt präsentiert wurden. 

Mutige Regie für zu groß geratene Provinzstadt

Wie etwa in dem restaurierten und architektonisch reizvollen Altbau der so genannten Privaten Philharmonie. Hier sangen bis tief in die Nacht die Mitglieder des Ensembles für frühe Musik "Graindelavoix" unter Leitung von Bjorn Schmelzer Canzone der Frührenaissance. Rund 20 Konzerte in zwei Wochen: Von der klassischen "Schwanensee"-Inszenierung mit wippenden Tutù über Modern Dance, Liederabenden, Symphoniekonzerten, Oper und zeitgenössischer Musik. Ein Programm das jedes Jahr auch provozierende Aspekte bietet. So bringt Currentzis immer wieder das nationalistisch orientierte Publikum mit mutig inszenierten Uraufführungen auf die Palme. Kulturnationalisten protestierten und protestieren immer wieder lautstark gegen ein Festival, das ihrer Meinung nach, unrussische Kultur bietet. Der neue Gouverneur, das Festival fällt in die Verantwortung der Region, zeigt sich nicht besonders interessiert an hoher und dann auch noch sperriger Kultur. Marc de Mauny, Intendant des Permer Opernhauses und Currentzis engster Partner beim Festival:

"Es gibt hier bei uns keine Zensur. Aber wir hatten Probleme mit dem amtierenden Kulturverantwortlichen. Man sagte uns, wir sollten doch bitte russische Werke aufführen, die dem russischen Volksgeschmack entsprechen. Man wollte, dass wir nur russisch singen lassen. Auf solche Kompromisse lässt sich aber ein eigenwilliger Künstler wie Currentzis nicht ein."

Auseinandersetzungen beigelegt

Für den Moment scheinen die Auseinandersetzungen mit der nationalistisch-engstirnigen Lokalpolitik beigelegt. Teodor Currentzis, der sich seiner immensen Popularität unter den Permer Kulturschaffenden und Kulturinteressierten sowie eines Großteils der Jugend, die ihn wie einen Popstar verehren, bewusst ist, lassen die andauernden Einschüchterungsversuche seitens der Politik kalt:

"Ich bin nicht hier um mich an diesem Ort festzuhalten. Ich habe keine Angst davor gehen zu müssen. Wenn die so weiter machen haue ich ab. Die können mich ruhig feuern".

Currentzis scheint alles auf eine Karte zu setzen: seine ungebremste Kreativität und, zusammen mit Intendant de Mauny, seine Fantasie bei der Gestaltung des Diaghilev-Festivals gegen die wachsende kulturpolitische Kleingeistigkeit in Moskau und anderswo. Teodor Currentzis:

"Ja, das ist gefährlich. Wir hier in Perm sind die einzigen, die in Russland noch nicht aufgegeben haben und auch weiterhin Mutiges wagen".

Vertonte Gedichte von Häftlingen

Mutiges wie die Uraufführung von Philippe Hersants Chorwerk "Tristia". Der französische Komponist vertonte Gedichte von Häftlingen – wie etwa dem russischen Juden Ossip Mandelstam, der, ein entschiedener Gegner des Stalinismus, 1938 in einem Gulag starb. In seiner Gedichtsammlung "Tristia" von 1922 betrauert er das brüchige Kulturfundament des nachrevolutionären Russlands. Philippe Hersant:

"Ich nutzte Werke von Mandelstam, Salamov und anderen weitgehend vergessenen Autoren, die in Gulags sehr traurige Gedichte verfassten. Ja, das ist eine politische Komposition, auch wenn ich das nicht gezielt beabsichtigt habe. Schließlich kann man nicht außer Acht lassen was hier in Russland derzeit geschieht."

In einem Land, in dem unter Vladimir Putin wieder der Stalinkult blüht und die politisch Verantwortlichen in Perm das in der Nähe der Stadt gelegene Gulag-Museum am liebsten schließen und dem Vergessen anheimgeben würden, ist ein Chorwerk wie "Trista" ein Aufschrei gegen politische und kulturpolitische Tendenzen, die für Teodor Currentzis Kulturmission in Perm gefährlich werden könnten.

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