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StartseiteSonntagsspaziergangMit dem E-Bike durchs Allgäu13.07.2014

Dialekt-SprachweltenMit dem E-Bike durchs Allgäu

Mit dem E-Bike wird die neu geschaffene "Radrunde Allgäu" zu einer echten Genusstour. Hans Günther Meurer hat sich in den Sattel geschwungen und berichtet in seiner Reportage von wunderschönen Landschaften im Voralpenland und lässt Menschen so zu Wort kommen, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist.

Von Hans Günther Meurer

Wolken ziehen über eine Alm bei Oberstaufen im Allgaeu in Bayern. (picture alliance / Julian Stratenschulte)
Wolken ziehen über eine Alm bei Oberstaufen im Allgäu in Bayern. (picture alliance / Julian Stratenschulte)

Eine Radtour durch das Allgäu, diese sanft-alpine Berglandschaft östlich des Bodensees. 450 Kilometer durch den südlichsten Zipfel Deutschlands rund um Kempten. Die Herausforderung liegt auf der Hand oder besser: in den Füßen.

Sightseeing einmal anders. Aktiv das Land erleben, die Sinne und den Körper fordernd, die Umwelt schonend. Und die Muskeln. Mit einem E-Bike. Die zwölf Amperestunden an elektrischer Ladung sollen den Rädern Flügel verleihen, Anstiege flacher machen, lange Geraden kürzer. Und den Radler bei Puste halten auf Fahrradstrecken, die auf den Karten "Glückswege" heißen - und tatsächlich Wege ziemlich glücklicher Augenblicke verheißen -, durch Landschaften, die "Alpgärten" genannt werden - satte Almen und blühende Löwenzahn-Wiesen als Vorgärten unter Alpengipfeln -, hinein in die Märchenwelt eines Ludwig, zum Wasserwelt eines Pfarrers Kneipp und hinüber zu Menschen wie dem Doser Reinhard in seiner Fallmühle bei Pfronten. Man muss den freundlichen Allgäuer nicht zweimal bitten, er möge doch so reden, wie die Menschen hier immer schon geredet haben:

"Also des isch jetz mei reinschtes Hochdeutsch, wo i ka. - Na, wenn ma a paar Wort auswechslet, dann kann ma so nachgeredet, dass des die Norddeutsche verstandet."

Unterschiedlichen Klangwelten der Mundarten

Wir werden diesen sympathisch-bodenständigen Gastwirt später in seiner alten Fallmühle bei Pfronten wieder treffen.

"Den einen, einheitlichen Allgäuer Dialekt gibt es nicht, auch wenn von ihm immer wieder gesprochen und geschrieben wird. Man stößt nämlich zwischen Bodensee und Ammergebirge auf solch gewaltige Mundartunterschiede, dass selbst fremde Ohren sie nicht überhören können."

So formuliert es Dr. Manfred Renn in seiner wissenschaftlichen Forschungsarbeit zu den Allgäuer Dialekten. Die Augen sehen sich satt an den Bergpanoramen, und die Ohren freuen sich auf die unterschiedlichen Klangwelten der Mundarten. So wird die Tour rund ums Allgäu zu einer Genussreise mit vielen sinnlichen Momenten, bei Tagesetappen zwischen 40 und 60 Kilometern. Mit Stopps für Brotzeiten im Grünen und Muße für kulturelle Erlebnisse. Die vorhandenen Radwege im Allgäu wurden so miteinander verbunden, dass es seit dem vergangenen Jahr diese zusammenhängende Radrunde gibt.

"80 Prozent der Strecke ist wirklich befahrene Radwege, die sind einfach vernetzt worden"

sagt Melanie Daiber, während wir gemütlich nebeneinander herradeln. Sie war wesentlich für den Aufbau der Radrunde verantwortlich:

"Und ein bisschen wurde dann noch gebaut. Ist da auch der Gepäcktransport organisiert? - Da ist auch der Gepäcktransport organisiert. - Züge gibt's auch, die ja auch nicht unwichtig sind, weil man kann ja dann auch mal das Fahrrad im Zug mitnehmen, wenn's regnet. - Richtig, von A nach B kann man hier auch mit dem Zug fahren, man kann auch abkürzen mit dem Zug."

ADFC hat die Strecke mit vier von fünf Sternen klassifiziert

Sollte einem trotz Motorunterstützung die Puste ausgehen oder das Wetter nicht mitspielen. Und wer seinen Rucksack oder Koffer nicht selbst auf dem Rad mitnehmen möchte, der kann es von einem Gepäckdienst transportieren lassen. Der Allgemeine Deutsche Fahrradclub hat die Strecke mit vier von fünf Sternen klassifiziert, und bei der Beschilderung der Radrunde alle Augen zugedrückt. Ohne Führung wären wir zuweilen lost im Allgäu gewesen. Beim Mieten des E-Bikes können die Radler unter mehreren Anbietern wählen, movelo ist mit 43 Verleih- bzw. Akkuwechselstationen entlang der Radrunde der größte. Monika Echtermeyer managt die Logistik:

Der Turm der Pfarrkirche von Wildpoldsried im Allgäu. Im Hintergrund: Ein Windrad (picture alliance / dpa / Karl-Josef Hildenbrand)Der Turm der Pfarrkirche von Wildpoldsried im Allgäu. Im Hintergrund: Ein Windrad (picture alliance / dpa / Karl-Josef Hildenbrand)

Man kann auf der ganzen Strecke überall mindestens mal innerhalb von 30 Kilometern den Akku wechseln, und die Akkus halten bei gemischtem Gelände bergauf bergab mindestens 60 Kilometer, in der Ebene halten die auch 100 Kilometer, kein Problem. Die Leute leihen sich die Räder aus, fahren dann zur nächsten Akku-Wechselstation, können kostenlos dort den Akku wechseln und fahren einfach weiter.

Jeder E-Biker bekomme auch ein Ladegerät mit auf den Weg. Und außerdem sollen nach und nach Akkuboxen zum Laden entlang der Strecke entstehen. Streckenausbau, Logistik und fahrbarer Untersatz passen also. Es ist gerichtet, treten wir in die Pedale.

Größtes noch intaktes Hochmoorgebiet Europas

Die erste Etappe führt von Bad Wurzach im Westallgäu nach Wangen.

Das Wurzacher Ried gilt als eines der größten noch intakten Hochmoorgebiete Europas. Man muss vom Sattel absteigen und sich diese Schatzkammer der Natur  erwandern. Horst Weiser ist für ihren Schutz verantwortlich. Hier wird noch ein Dialekt gesprochen, der stark schwäbelt, aber auch vom Alemannischen geprägt ist:

"Mir stande hier am Riedsee, direkt im Herz des Wurzacher Riedes und das ist ne sehr schöne Fläche, weil ma hat die offene Wasserfläche, die Riedteile im Hintergrund und hier lebt natürlich auch ne ganz außergewöhnliche Pflanzen- und Tierwelt."

Ein solches Biotop reagiert natürlich sehr sensibel auf Veränderungen, vor allem beim Klima.

"Also mir haben die letschten Jahr also extrem warme Jahre und des ist ein deutliches Anzeichen, dass hier was im Wandel ist und des kann für die Moore auch n Problem werre, weil wir habe hier n Feuchtlebensraum, der braucht Wasser, das heißt wenn's wärmer wird, kommt weniger Wasser und gleichzeitig sind hier auch sehr viele Pflanze und Tierarten, die aus arktischen Regionen stammen, weil das ist ne Kälteinsel so'n Moor, und da wird's dann auch problematisch, wenn das Klima zu warm wird."

So ein Moor mag also nicht allzu viel Sonne und Wärme, als Radler kann man sich's dabei freilich gut gehen lassen. Wie ein kleines Kraftwerk unterstützt der Akku die Muskelkraft, in drei unterschiedlichen Stufen, Eco, Standard, High. Geht's einen Berg rauf, fährt sich's mit der höchsten Stufe fast wie von alleine. Der Weg schlängelt sich genüsslich durch Wiesen und Wälder, vorbei an Seen und Weihern nach Wolfegg - ins Bauernhausmuseum, wo Stefanie Harrer die sehenswerte Ausstellung über die "Schwabenkinder" erklärt:

"Schwabenkinder sind Kinder, die wo von Vorarlberg oder andere Regione ins Schwabenland gewandert sin un hier gearbeitet han für ihre Familien. Man hat einfach seine Kinder, scho teilweis mit sechs Jahre, ins Schwabenland geschickt, um dass sie einfach Geld mit heimbringet."

Mischung aus allemannisch und schwäbisch

Das Schicksal dieser Kinder wird in Bild und Ton lebendig:

"Ich bin der Anton und elf Jahre alt. Dieses Jahr gehe ich zum ersten Mal ins Schwabenland. Wie schnell das Verhandeln mit dem Bauern geht. Der Bauer tastet meine Arme und meinen Rücken ganz gründlich ab. Hm, nickt er, aus dir können wir schon einen Hütebub machen."

Kinder armer Bergbauernfamilien wanderten seit dem 17. Jahrhundert ins reiche Schwabenland. Und daheim in Österreich, am häuslichen Tisch, gab es einen Esser weniger.

Oft lag schon Schnee, als die Schwabenkinder um den 1. November in ihre Heimat zurückkehrten. Ein Ende fand die Wanderarbeit erst nach dem Zweiten Weltkrieg, als der Tourismus genügend Geld in die Alpen brachte.

Die Strecke von Wolfegg zur Waldburg führt durch den westlichsten Zipfel des Allgäus. In der Ferne warten die Alpengipfel.

"An der alemannisch-schwäbischen Grenze im Allgäu trennen sich auffällige Dialektmerkmale. Im Gegensatz zum Schwäbischen gibt es im alemannischen Allgäu keine Nasalierung der Vokale, was für die Ober- und Westallgäuer die Differenzierungsmöglichkeit bei den Vokalen ganz erheblich reduziert."

"Des isch halt einfach oberschwäbisch, sage mir, jedesch Nescht hat ja seine eigene Dialekt do oberum."

Christoph Wegele führt Gäste durch die Waldburg:

"Wenn man zurückgeht ins Mittelalter ins Heilige Römische Reich Deutscher Nationen hat die Waldburg a relativ große Rolle gspielt, speziell im Hochmittelalter, Anfang 13. Jahrhundert, weil hier der Reichsschatz aufbewahrt war, also kann ma sage, dass die Burg früher durchaus a wichtige Rolle gspielt hätt."

Blick reicht vom Bodensee bis zur Zugspitze

Strategisch klug thront das alte Gemäuer hoch über der Landschaft. Der Blick reicht vom Bodensee bis zur Zugspitze, und Simone, meine kundige Begleiterin, erklärt, was da so alles an Gipfeln und Felswänden dazwischenliegt:

"Dann sehen wir den Pfänder, der ist noch auf österreichischer Seite, und wenn du weiter rüberschaust, der so richtig hoch aufragt, das ist der Sentis, den siehst du öfters noch auf der Radrunde Allgäu, weil das so'n markanter Berg ist. Dann den Hochkrat, den kann man ganz deutlich erkennen, den Hochvogel, der ragt richtig hoch auf, wir sagen auch das Allgäuer Matterhorn dazu, dann siehste die Mädelegabeln, das sind die kleinen Dreispitzen, und ganz hinten im Osten siehst du tatsächlich das Wettersteinmassiv und die Zugspitze."

Diese Berge immer vor Augen erreichen wir Wangen, wo Johannes Steinhauser den Türöffner spielt.

"Mir ganget jetzt in die Badstub hinoi, die isch in Wange schon seit 600 Johr bestadt."

Man kann sich lebendig vorstellen, welches Privileg es für die Menschen damals gewesen sein mag, sich in den hölzernen Zubern und ovalen Wannen zu reinigen. Wasser spielte in Wangen immer schon eine wichtige Rolle, 17 Brunnen gibt es heute noch in der Altstadt. Und einer davon zeigt ein halbes Dutzend gusseiserner Menschen kreuz und quer über- und ineinander gestapelt. Die Geschichte dazu geht so:

"Wenn ma sechs Allgeier überenanderbeiget, da isch der Oberscht genauso verdruckt  wie der unterscht."

Will sagen:

Wenn man sechs Allgäuer übereinanderstapelt, dann ist der Oberste genauso verdruckt wie der unterste. Verdruckt sein hier natürlich als eine Charaktereigenschaft und nicht als physikalischer Begriff.

Johannes Steinhauser mag seinen Dialekt, gemischt aus Schwäbisch und Alemannisch. Einer von vielen im Allgäu:

"Regionen im Allgäu, die von ihrer Landschaftsstruktur her in Tälern, in Bergen sehr stark abgesondert waren, die haben ihren Dialekt noch länger behalten. Insgesamt, einen Allgäuer Dialekt als solchen hat's noch nie gegeben."

Über Isny und Lindenberg führt die Radrunde Allgäu nach Scheidegg, keine 20 Kilometer Luftlinie von Wangen entfernt - und doch trennen den Ort wahre Sprachwelten. Christian Reichart betreibt hier den Kiosk, seit Jahrzehnten die Informationsquelle im Ort. Und Ruhepunkt für müde Radler.

"Ja, sind scho viele unterwegs, vor immer mehr kommt, die E-Bikes, weil jetzt bei uns isch doch schon relativ bucklig und da tut ma sich mit dem E-Bike scho leichter als wie wenn ma mit dem normale Fahrrad radelt, gel."

Mädel, Sputel oder Schmelge

Wie recht er hat. Und dann kommt der Oberallgäuer ins Erzählen. Wer ahnt denn schon außerhalb des Allgäus, wie viele Wörter es hier unten im Süden für "Mädchen" gibt?!

"Zum Beispiel ein typisch Westallgäuer Wort für ein junges Mädel ist Sputel. Und d'Oberallgäuer sagent Feel und sogar im Bregenzer Wald zum Beispiel die schwätzet von Schmelger - alles für a junges Mädel. Sputel oder Schmelge, des kennen die im Ost- oder Oberallgäu gar net, des isch a typisch Westallgäuer Wort - Sputel."

Von Scheidegg führt der Radweg gen Westen, durch Oberstaufen und am großen Alpsee vorbei, den Nationalpark Nagelfluhkette im Blick. In Immenstadt wartet die Entscheidung: Wer sich fit genug fühlt, wird gen Süden radeln, an den Hörnerdörfern vorbei bis nach Oberstdorf, Fischen und Sonthofen, am Fuß des 2224 Meter hohen Nebelhorn hinein in die Gipfelwelten des Allgäus. Die anderen werden den direkten Weg zum Rottachsee bis nach Oy-Mittelberg wählen. Und bei Karl Mayr in der Mittelburg einkehren, um sich am Löwenzahnsirup zu laben.

"Vor zehn Jahr hab i angefange und bin natürlich belächelt worre, do hat's geheiße, do schau her der Unkrautsammler. Des kommt aus der schlechten armen Zeit, wo die Leit ka Geld gehabt hab'n, hab'n die Leit aus den Blüten an Sirup g'macht, vom Löwenzahn, von den Tannenspitzen, und i hab irgendwann amol so alte Rezepte ausgegraben und hama denkt, probier'stes halt amol. Und auf einmal wollten die Leit den Sirup zum Frühstück und jetzt lacht keiner mehr. - Und hat auch heilende Wirkung? - Man sagt, man sagt. I sag immer: Probier'n und du wirscht sehen, der hilft."

Es ist aber auch ein schöner Flecken, ein gemütlicher Flecken Erde im südöstlichen Allgäu. Gern könnt man das Radl für ein paar Tage in die Ecke stellen und Wanderschuhe anziehen. Aber ein aufgeladener Akku und die Aussicht locken, das Tannheimer Tal zu erleben.

Also auf nach Österreich, denn das Tannheimer Tal gehört zur Alpenrepublik, hat sich aber touristisch dem Allgäu angeschlossen. Das weite Tal ist dafür bekannt, dass im Winter immer Schnee liegt, und wenn der dann im Frühjahr weg ist, scheint bis zum November immer die Sonne. Unglaublich, in Oy-Mittelberg hingen noch die Wolken - und hier ist Sonntagswetter. Und so treffen wir den Andi Koch an seinem Fischweiher. Seine geräucherten Forellen sind ein Muss. Und hungrige Radler gibt's offensichtlich reichlich.

"Seit's E-Bike gibt, fahre d'Leit, sind do viel ältere Leit dabei, die sonscht nimmer so weit fahre könnte, vor allem bergauf, do sind die E-Bikes scho - so zwischedursch komme d'Leit zum Akkuladen. Der Radweg ist generell gut besucht im Sommer, an die Wochenenden, wenn's Wetter mitschpielt, ist do wirklich sauviel los, sag i amol."

"Entgegen aller Vermutung bildet die Staatsgrenze zu Österreich keine klare Mundartgrenze. Zwischen Pfronten und dem Tannheimer Tal gibt es eine große sprachliche Nähe."

Staatsgrenze zu Österreich bietet keine klare Mundartgrenze

Ein paar Kilometer vor Pfronten liegt die Fallmühle, deren Wasserräder sich auch heute noch ab und zu drehen. Heute ist sie aber vor allem eine urige Einkehr. Ihren liebenswerten Chef, den Reinhard Doser, haben wir ja bereits gehört. Seine Leidenschaft gilt typisch alpenländischen Klangobjekten. Sie baumeln überall in den Gasträumen von den Decken.

"Des sind die Geisscherle, die sind halt a g'stimmt. (Glocken) Insgesamt sind 60 Glocke und Geisscherle, die mer do hant. Da sind no ganz kleine, für die kleine Lämmle - (Glocken) - das a bisserl a Musi isch ums Haus rum. Etwas ganz Besonders hamma, des sind Bockrolle, die hat ma mit den schwere Ross, im Winter, wenn ma Holz g'schleift hat, dann kann der nisch bremse und wenn einer entgegenkommt, dann gibt's a Unglück, und drum han die so große Bockrolle g'hätt, dass ma's von Weitem hert. Desch is die große Bockrolle (Glocken), die hörscht Kilometerweit, wichtig, des do halt nix passiert. (Glocken)"

Und fragt man ihn, welchen Dialekt die Menschen in Füssen sprechen, der nächsten Station unserer Allgäu-Tour, dann hat er eine klare Meinung:

"Füasse, da merkschte wieder, dass des a Stadt isch, die hant, mir sage, gar kein Dialekt in Füasse, die wo Abitur g'macht hant, die könne sowieso schon kann Dialekt rede."

Dafür ist die Fußgängerzone von Füssen - Ludwig und seinem Märchenschloss sei Dank - gesegnet mit vielen anderen "sprachlichen Einflüssen":

in Japanisch:

"My mother ... introduce Füssen town ... the castle NSS - yes three times"

Dieser wohlerzogene Japaner will seiner Mutter Füssen zeigen, diese reizende Altstadt mit dem Hohe Schloss und die Benediktiner- und Franziskanerabteien. Und natürlich das Märchenschloss Neuschwanstein. Er selbst hat's schon drei Mal besucht.

Die Stadt huldigt Sebastian Kneipp

Von Füssen führt der Radwanderweg in nördlicher Richtung am Foggensee vorbei. Man muss die Strecke hinauf bis nach Bad Wörishofen nicht unbedingt radeln, landschaftlich hat sie wenige Höhepunkte. Marktoberdorf ist ein Verwaltungszentrum, Kaufbeuren hat die Heilige Crescentia, weswegen es sich als Wallfahrtsort unter Pilgern einen gewissen Ruf erworben hat. Etwas wehmütig geht ab und zu der Blick zurück nach Süden, zu den Almen und Wiesen der Alpgärten und den Felswänden und Gipfeln der Bergwelten. In Bad Wörishofen ist davon nichts mehr zu sehen. Die Stadt huldigt einzig einem Mann namens Sebastian Kneipp. Ende des 19. Jahrhunderts ist der als Wasserdoktor bekannt gewordene Pfarrer hier gestorben. Bewegung, Ernährung, Innere Ordnung - das war für ihn mindestens genauso wichtig wie die Behandlung von Krankheiten mit kaltem Wasser. Er war der erste, der die Wechselwirkungen von Wasser und Körper, von gesunderhaltend und krankmachend erkannt und beschrieben hat. Und der Physiotherapeut Joachim Bomhammel im Gesundheitszentrum Sebastianeum wendet sie an. Das tut nicht nur meinen Radlwadln gut:

"Was machen wir jetzt? - Einen Vollguss. Wir fangen rechts unten an, arbeiten uns über den rechten Arm, Oberkörper, rechte Seite, begießen den kurz, gehen in der rechten Seite nach unten wieder und gehen zur linken Armseite rüber, gehen wieder auf Schulterhöhe, machen den Guss, und dann gehen wir ins Volle hinein. Das heißt also, der ganze Körper wird in einen Wassermantel eingepackt.

Wasser spielt auch am Tag danach eine wichtige Rolle. Es regnet, und so nehmen wir für die letzte Etappe quer durch das Unterallgäu statt des Akku-betriebenen Zweirads die PS-getriebene Variante. Die Radwege führen durch leicht hügeliges Land, durch Orte wie Markt Rettenbach, Bad Grönenbach und Leutkirch. Und Ottobeuren mit seiner berühmten Basilika. Wer sich hier nicht auskennt, wird auch Max Endraß nicht kennen lernen. Und seine Katzbrui-Mühle, irgendwo in einem verwunschenen Tal des Unterallgäus. Er hat dem alten Mahlwerk wieder Leben eingehaucht, und das Oberallgäu mit seinen für unsere Ohren nach Bergwelt klingenden Dialekten liegt gefühlt eine Ewigkeit weg:

"Also seit 15 Jahr lauft sie ber. Vorher ische also gelaufe bis 1900 rum, da hat mer noch gmale, und jetzt isch seit 15 Jahr ungfähr, da isch wieder alles renoviert worre und des ganze Mahlwerk so wie mas jetzt da hat lauft es wieder."

Bei einem Weißbier in der Katzbrui-Mühle endet die E-Bike-Radrunde durch das Allgäu, und Melanie Daiber, die verantwortliche Planerin, hat mittlerweile auch versprochen, dass bald an allen Kreuzungen ordentliche Wegweiser stehen werden. Mitradler Thomas aus München findet ein sehr sozialverträgliches Resümee zum E-Bike:

Macht großen Spaß, man muss sich nur gut vorbereiten. Das Schöne beim E-Bike ist, dass alle mitfahren können, dass alle sich angleichen können, weil selbst der Opa, der nicht mehr so fit ist mit seinem jugendlichen Enkel rumfahren kann, dann fährt der Enkel halt ohne Akku und der Opa haut high rein und dann können die zusammen - es ist halt zur Zusammenführung von Leuten unterschiedlicher Leistung sehr gut geeignet.

Dialekte werden im Allgäu wohl nicht aussterben

Aktivurlaub für die ganze Familie eben. Durch eine bergige Landschaft mit viel Wasser und Wiesen - was nach einer Theorie der Name „Allgäu" bedeutet - und zu Menschen, die sich und ihrer Mundart treu bleiben. Wissenschaftlich analysiert hört sich das so an:

"Trotz einer positiven Grundeinstellung zum Bodenständigen sind auch im Allgäu die Dialekte rasant auf dem Rückzug. Aber ganz aussterben werden sie wohl in absehbarer Zeit nicht."

Hoffentlich nicht? Denn Christian Reichart, der Kioskbetreiber in Scheidegg, möge doch bitteschön auch künftig seine Tochter so klangvoll auffordern, das elterliche Schlafzimmer zu fegen und den Dreck in der Schürze ins Klo zu tragen:

"Sputel fürbs Garde, nimms Fide in Flick und wirfs Leibele abe."

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