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StartseiteForschung aktuellDialekte im Sumpf28.03.2006

Dialekte im Sumpf

Frösche verständigen sich in eigenartigen Tonspielen

<strong>Biologie. - Vögel am Zwitschern zu unterscheiden, ist für viele bereits ein Ding der Unmöglichkeit. Noch schwieriger aber bei Fröschen, denn jede einzelne Art besitzt ihr eigenes, typisches Quaken. Quasi zum Üben sammelten Biologen die Rufe der Amphibien auf mehreren CDs.</strong>

Von Michael Engel

Babylon im Sumpf: Alle Frösche sprechen ihre eigene Sprache. (Sönke Behrends, GNU FDL)
Babylon im Sumpf: Alle Frösche sprechen ihre eigene Sprache. (Sönke Behrends, GNU FDL)

Professor Miguel Vences kennt sie alle: Die 250 bekannten Froscharten, die auf Madagaskar leben. Zum Beispiel Stumphia pygmaea:

"Hier hören wir jetzt den kleinsten Frosch der Welt. Der Frosch ist ganz häufig eigentlich, aber man hört dieses ganz hochfrequente Piepsen, da denkt man zunächst mal gar nicht an einen Frosch."

Da die tropischen Frösche viel kleiner sind als unsere heimischen Kröten oder Laubfrösche, klingen sie viel höher: Statt mit tiefer Stimme zu quaken, "zirpen" oder "piepsen" sie fast so wie Vögel.

"Was man hier hört – Boophis sibilans – ist einer der am schwierigsten zu entdeckenden und zu fangenden Frösche, weil er grundsätzlich auf vier Meter Höhe in den Bäumen sitzt. Und man hört das zwar überall, dieses regelmäßige Pfeifen, aber diesen Frosch dann wirklich zu sehen und zu fangen, erfordert dann schon Kletterkünste meistens. "

Nicht selten verstecken sich die Frösche im Erdboden oder sie leben hoch oben im Geäst der Bäume, und viele sehen sich zum Verwechseln ähnlich. Ganz anders ihr Quaken: Das konnten die Wissenschaftler nahezu immer eindeutig zuordnen.

"Der Frosch hat immer lange Beine, muss springen, große Augen, um seine Beute zu erkennen und so weiter. Das heißt, seine Möglichkeiten, im Laufe der Evolution unterschiedliche Formen zu entwickeln, sind sehr begrenzt. Das andere ist, dass die Rufe dieser Frösche das sind, woran sie sich selber erkennen. Woran die Weibchen erkennen, da ruft jetzt ein Männchen, zu dem möchte ich gerne, um eben auch meine Nachkommen zu produzieren. "

Gleichsam als Nebenprodukt ihrer Froscherkundung hat Professor Miguel Vences vom Zoologischen Institut der Technischen Universität Braunschweig zusammen mit Experten der Zoologischen Staatssammlung München und der Universität Antananarivo in Madagaskar einen "Soundguide" entwickelt, mit dem man Frösche identifizieren kann, ohne sie fangen zu müssen.

"Gerade bei diesen tropischen Fröschen, die häufig sehr weit oben im Geäst sitzen, ganz schwer zu entdecken sind, nachts rufen natürlich, da geht man auch nicht so gerne in den Wald, die sind über ihren Ruf viel einfacher zu erfassen. "

Jetzt – so der Froschexperte – können auch nicht so versierte Kenner der Amphibien losziehen, und die Frösche zu erfassen und zu kartieren. Solche "Bestandsaufnahmen" sind wichtig zum Beispiel für die Planung von Schutzzonen, denn auch auf Madagaskar schreitet die Vernichtung der Waldgebiete rasend schnell voran. Schon heute sind 55 Amphibienarten vom Aussterben bedroht.

"Dieser Frosch, der sich so anhört wie ein Ochse, sieht unglaublich lustig aus, kreisrund, mit unglaublich kurzem Gesicht und lebt eingegraben im Boden. Man hört von überall her dieses komische Gequake, man denkt, da ist so eine Zebu-Herde um einen herum, aber in Wirklichkeit sind es eben diese Frösche, die aus ihren Erdlöchern diese Töne abgeben. "

Drei CD’s umfasst der Soundguide bislang. Miguel Vences, der schon als kleiner Junge liebend gerne Frösche sammelte, ist sich sicher, dass noch weitere CD’s hinzukommen. Er vermutet noch viele unentdeckte Arten in den Wäldern Madagaskars. Vor allem nachts konkurrieren ganze Chöre verschiedener Spezies um die Gunst der Weibchen. Der "Soundguide" zur Bestimmung von Froscharten soll nur der Anfang sein, um Hilfestellungen insbesondere für Tierschützer zu geben. Als Fernziel denkt der junge Forscher an fest installierte Anlagen – mitten im Wald - um den Froschbestand automatisch zu überwachen.

"Das ist sicherlich das, wo man hin möchte. Wo man einfach wissen will, wann ruft welche Art, in welcher Häufigkeit kommt welche Art vor, gibt es vielleicht Rückgänge? Oder andere Dynamiken dieser Population? Da kann sich automatische Stationen sehr schön vorstellen."

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