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StartseiteThemaWie der Deutschlandfunk seine Interviewpartner auswählt15.08.2019

Dialog mit der ChefredakteurinWie der Deutschlandfunk seine Interviewpartner auswählt

Wie wählt der Deutschlandfunk seine InterviewpartnerInnen aus? Fragen zu diesem Thema hat sich Dlf-Chefredakteurin Birgit Wentzien auf Facebook gestellt.

Deutschlandfunk-Chefredakteurin Birgit Wentzien beantwortet Fragen unserer Facebook-UserInnen (Deutschlandradio)
Deutschlandfunk-Chefredakteurin Birgit Wentzien beantwortet Fragen unserer Facebook-UserInnen (Deutschlandradio)

Wer kommt im Deutschlandfunk zu Wort – und warum? Deutschlandfunk-Chefredakteurin Birgit Wentzien hat in einer Facebook-Diskussion die Fragen unserer Nutzerinnen und Nutzer dazu beantwortet, nach welchen Kriterien Interviewpartner im Dlf ausgewählt werden. 

Der Deutschlandfunk berichte einseitig und wähle zu viele Interviewpartner aus dem linken Spektrum aus, monierten einige UserInnen, andere wiederum fanden, die AfD komme zu häufig zu Wort. Auch merkten User einen "Erziehungsauftrag" des Deutschlandfunks an. Alle Antworten der Dlf-Chefredakteurin finden Sie hier.

Werden im Deutschlandfunk zu viele Interviewpartnerinnen und -partner aus dem linken Spektrum bemüht? Ist die Berichterstattung einseitig?

Birgit Wentzien: "Bei uns kommt zu Wort, wer was zu sagen hat. Wir wollen über alles berichten, was wichtig ist und was wichtig wird. Unsere Interviews sind – Sie deuten es an – kontrovers geführt und das Thema dominiert. Sie nennen unsere Berichterstattung einseitig. Auch da kann ich Sie beruhigen: Das ist nicht der Fall. Wir arbeiten in Teams, entscheiden nach inhaltlicher Substanz und haben das große Privileg, auch längere Interviews führen zu können. Dabei kommen alle politischen Farben vor." 

"Was genau ist denn für Sie Populismus? Vertreter der AfD sind für uns Interviewpartner, die zu Haushaltsfragen beispielsweise genau so wie Vertreter anderer Parteien zu befragen sind. Wie sie sich in den Interviews darstellen und von unseren Hörern und Nutzern wahrgenommen werden, können wir nicht beeinflussen. Wir als Journalisten haben sachlich zu insistieren und auch hartnäckig auf Klarstellung zu drängen."

Verfolgt der Deutschlandfunk einen "Erziehungsauftrag"? Ist er "meinungstreu"?

"Mein Sohn ist 24 und mein Erziehungsauftrag ist damit schon eine Weile erledigt. Meine Kolleginnen und Kollegen in den Teams werden sich jede Erziehungsregung mit Recht verbieten. Unsere Herausforderung ist: das Geschehen nicht einfach, sondern richtig zu erzählen, dabei einen langen Atem zu haben und Entwicklungen auch dann weiter zu verfolgen, wenn sie nicht mehr die Schlagzeilen beherrschen. Das ist unser Job."

"Mit dem Wort 'meinungstreu' kann ich nichts anfangen. Unsere Moderatorinnen und Moderatoren sind erfahren, stressresistent und journalistisch leidenschaftlich - das zeichnet sie aus. Jede Sendung ist eine Gemeinschaftsproduktion durchaus unterschiedlicher Charaktere. Wir arbeiten in Teams: Vier Augen sehen mehr als zwei. Mindestens so wichtig wie die Vorbereitung ist außerdem die Nachlese innerhalb der Redaktionen."

Handelt der Deutschlandfunk als politischer Akteur?

"Wir werden oft als politische Akteure verunglimpft. Wir sind keine politischen Akteure und im Deutschlandfunk sitzen auch nicht die besseren Bundesminister. Es gibt ein Wort eines Kollegen der Washington Post, das mir für meine Profession sehr gefällt: 'Wir sind bei der Arbeit, wir sind nicht im Krieg.'"

Kommt die AfD zu häufig zu Wort?

"Die AfD ist im Bundestag und in allen Landesparlamenten vertreten. Sie ist damit Akteur in den Parlamenten und zugleich: Diese Partei zielt mit ihrer fundamentalen Systemkritik auf eine neue Polarisierung im politischen Diskurs. Meine Sicht dazu: Das ist ihr gutes Recht. Unsere Aufgabe ist es, Widersprüche aufzuzeigen. In Interviews, in Berichten, in Hintergrund-Reportagen kommen AfD-Vertreter zu Wort und wie bei allen anderen Gesprächspartnern ist es unser Job, diesen Gesprächspartnern gegenüber zu insistieren."

Warum achtet der Deutschlandfunk auf gendergerechte Sprache?

"Sprache ist lebendig, Sprache verändert sich ständig sowie auch die gesellschaftlichen Erwartungen an Sprache – Sprache formt auch Wirklichkeit. Und wenn Sie mich als Chefredakteurin ansprechen, antworte ich: Den Frauen gehört die Hälfte die Himmels. Uns kommt es bei unserem wichtigsten Instrument, der Sprache, auf Vielfalt und Gerechtigkeit an. Beides ist übrigens auch wichtig für die Zusammensetzung unserer Redaktionen."

Wie werden InterviewpartnerInnen zum Nahen Osten ausgewählt?

"Sie haben recht, es sollte nicht nur bei der Berichterstattung über den Nahen Osten, sondern bei allen Themen ein breites Meinungsspektrum abgebildet werden. Zum Thema Naher Osten hatten wir etwa den Islamwissenschaftler Stefan Weidner den Politikwissenschaftler Michael Lüders, die Transatlantiker Friedrich Merz und Karl Kaiser im Programm, die unterschiedliche Positionen und Generationen vertreten. Expertise, Erfahrung und Streitbarkeit sind für uns entscheidende Auswahlkriterien. Die Teams der Sendungen suchen die Gesprächspartner aus und greifen dabei auch intensiv auf unsere Auslandskorrespondenten zurück."

Ließe sich eine Vorauswahl auch bei Hörerbeiträgen treffen?

"Wir halten partizipative Sendeformate für wichtig. Das Meinungsspektrum unserer Hörerschaft ist sehr breit. Das zu erfahren ist wertvoll und schützt uns vor Filterblasen-Effekten. Unsere Moderatorinnen und Moderatoren sind versiert genug, um den Unterschied zwischen unkonventionellen Meinungen und etwa Verschwörungstheorien zu markieren."

Kann der Deutschlandfunk mehr Kontext und Einordnungen liefern?

"Sie haben recht – Einordnung und Hintergrund sind angesichts der Vielzahl und Vielstimmigkeit der Meinungen wichtig. Deswegen werden viele Interviews vorab durch einen erklärenden Beitrag ergänzt. Immer häufiger versuchen wir, Themen in unterschiedlichen Formen und in verschiedenen Sendungen zu behandeln. Im Ganzen entstehen so vielschichtige Dossiers, die sie online finden können. Unsere viel genutzte Audiothek folgt diesem Prinzip. Auch auf unseren Social Media-Kanälen bieten wir immer Links auf weiterführende Informationen."

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