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StartseiteSonntagsspaziergangReisenotizen eines wandernden Poeten24.03.2019

Dichter am GardaseeReisenotizen eines wandernden Poeten

Noch drei Jahre vor Goethes Italienreise wanderte der Dichter Wilhelm Heinse zu Fuß von Düsseldorf zum Gardasee. Er hinterließ ausführliche Reisenotizen und den Roman "Ardinghello", der damals Furore machte. Trotzdem blieb der große Erfolg aus - dafür sorgte auch Kollege Goethe.

Von Franz Nussbaum

Blumen und kleine Boote am Ufer der Stadt Peschiera am Gardasee (picture-alliance / dpa / Alexandre Rotenberg)
Der Dichter Heinse war beeindruckt von der Stadt Peschiera (picture-alliance / dpa / Alexandre Rotenberg)
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Die "Dauer-Wellen" des größten Sees Italiens schlagen leise zu unseren Füßen an. Möwen und Enten und Schwäne putzen ihr Gefieder. Und so bewegt sich alles in einer Art Kreislauf. Damit wir anreisen und füttern, blühen schon einladende Veilchen, Fliederbüsche und Narzissen. Es riecht nach Frühling. Die Gardasee-Lokale stellen schon ihre Plastikstühle samt Menükarte an den See. An den Bäumen sprießt zum Willkommen das zarte Grün der ersten Blätter. Und einige windgeschützten Magnolienbäume drüben blühen weiß und rosa an der schönsten Badewanne der Deutschen. Gemeint ist der Gardasee.

Und der Vergleich mit einer Badewanne passt zu Peschiera. Es liegt an jenem Teil des Sees, wo bei einer Badewanne der Stöpsel zum Ablaufen ist. Alles Wasser aus dem über 52 Kilometer langen Lago di Garda, das nördlich aus den Alpen zuläuft, und auch vom Zweitausender-Massiv des Monte Baldo in den See stürzt, fließt schließlich durch den Stöpsel bei Peschiera als Fluss Mincio Richtung Mantua in den Po. Kein Pennäler-Witzchen, der Fluss heißt wirklich so.

Stimmungsvolle Naturbetrachtungen des Dichters Heinse

Und unser Dichter Wilhelm Heinse begrüßt uns mit einer frühlingshaften Beschreibung des südlichen Gardasees. Und achten wir darauf, wie Heinse einen See "zelebriert", auf unserer Zunge zergehen lässt. Reisenotizen eines Dichters vor rund 240 Jahren.

"Herrlicher Sonnenaufgang am Ende des Gebürgs bey Verona. Breit liegt der See da im Morgenduft und die Berge im dünnen Nebel. Ein leises Wehen kräuselt in der Mitte die Wellen und macht ihn lebendig und weckt seine Schönheit. Eine Barke wallt leicht mit voll geschwelltem Segel darüber hin. Süßer, rötlicher Dunst bekleidet glänzend den östlichen Himmel. Und die dünnen wollichten Wölckchen schweben still um den heiteren Raum des Äthers, worin die Vögel entzückende Flüge der Lust machen."

Bitte, Herr Heinse, es darf noch für 50 Cent mehr sein:

"Der herrliche Gang von Cypressen verändert linker Hand lieblich die Szene. Der See ist wirklich einer der schönsten, die ich je gesehen habe, so reizend sind dessen Ufer. Und majestätisch und wild und mit so vielem Farbenspiel und Licht und Schatten erhebt sich das Gebürge."

Porträt von Johann Jakob Wilhelm Heinse, deutscher Schriftsteller, Gelehrter und Bibliothekar. (picture-alliance / dpa / akg-images)Der Dichter Wilhelm Heinse war Wander-Fan (picture-alliance / dpa / akg-images)

Wie bildhaft tupft uns Heinse mit dem Farbenspiel seiner Worte diese Beobachtung dahin. Kein Vergleich mit der Oberflächlichkeit, wie wir, die Besucher von heute, den Gardasee mit einem einzigen Klick mit dem Selfie abbilden. Wir halten einfach unser grinsendes Gesicht als Mittelpunkt in die Optik, nichts von dem Zauber und den Farben einer mediterranen Landschaft.

Wilhelm Heinse ist drei Jahre älter als Goethe, sie kennen sich etwas. Und wir lesen:

"Wilhelm Heinse ist Sohn eines Stadtschreibers in der Nähe von Ilmenau in Thüringen. Er studiert, durchaus begabt, Literatur und Philosophie in Erfurt und Jena, wirft es aber irgendwann hin. Er findet eine Anstellung als Hauslehrer in Halberstadt. Die Stelle besorgt dem abgebrochenen Studenten sein großer Förderer, Johann Ludwig Wilhelm Gleim, aus Halberstadt."

Wer ist Gleim? Henry Tietjen, Sie kennen Literatur und Dichter.

"Salopp gesagt, Gleim ist Mäzen eines 'Halberstädter-Dichter-Kreises'. Er vermittelt, managt, beköstigt, finanziert, bekommt täglich Briefe oder Besuche von Dichtern und Denkern. Den Heinse vermittelt er dann wohl auch nach Düsseldorf weiter."

Und in Düsseldorf treffen sich dann Heinse, 28, und Goethe, 25. Goethe ist mit seinem Bestseller "Die Leiden des jungen Werthers" unter dem Arm auf Promotion-Tour in der gehobenen Gesellschaft von Düsseldorf. Und Goethe notiert über Heinse:

"Das ist mein Mann, vom Wirbel bis zur Zehe, ein Genie". Und Heinse antwortet, "Ein Herz voll Gefühl, ein Geist voll Feuer mit Adlerflügeln".

Heinse macht sich zu Fuß auf nach Italien

Und wir kennen ja nun schon dieses anschauliche Gardasee-Porträt von Heinse. Er ahnt, dass er seine besondere Begabung für stimmungsvolle Naturbetrachtungen erst so richtig in Italien entfalten könnte. Und so wandert er, finanziell unterstützt von Gleim und anderen, über die Alpen in den Süden. Und Goethe aus Weimar folgt, bekanntlich inkognito, und notiert seinerseits in seinen italienischen Reisenotizen:

"Die Luft ist lauer, reiner, der Himmel blauer, die Gesichter offen, freundlich, lachender. Die Formen und Umrisse der Körper regelmäßig und anlockender. Selbst das Grün der Wiesen und Bäume ist nicht so kalt und tot, sondern höher, heller, mannigfaltiger als in den nördlichen Himmelsstrichen. Alles scheint zum lieblichen Genusse einzuladen, und Natur und Kunst bieten sich wechselseitig die Hand."

Interessant, wenn wir Goethe und Heinse, in dem, was sie sehen und erspüren, vergleichen. Heinse skizziert uns auch seine Reiseroute:

"Es ging rheinaufwärts, dann durch die Schweiz, über den Gotthard nach Genua, dann ein Aufenthalt in Venedig, weiter nach Florenz, Rom und Neapel."

Ein Mann steht auf einem Steg am Gardasee in Italien, in Lazise. (imago/Westend 61)Der Gardasee ist - damals wie heute - ein beliebtes Touristenziel (imago/Westend 61)

Heinses folgende Reisenotiz ist wegen der besseren Verständlichkeit leicht geglättet.

"Meine Reise nahm ich mir vor zu Fuß zu tun. Und so soll es mein Leben lang durch alle schönen Gegenden geschehen. Ich halte es für eine Torheit, sie anders zu machen, wenn man gesund und stark ist und keine notwendige Eile hat. Die Natur von Land und Leuten kann man auf keine andre Weise so gut kennenlernen. Und was die Straßenräuber betrifft, so ist man im Wagen der Gefahr eher ausgesetzt. Die werden sich zurückhalten, gegen ein harmloses Geschöpf, das ohne bürgerlichen Reichtum, bloß menschlich einher schreitet."

Bleiben se Mensch, rät uns auch ein anderer Italien-Kenner, Adolph Tegtmeier. Vor 50 Jahren hätte er es etwa so formuliert:

"Un so tu ich mich dann auch immer wieder gerne aus den Ruhrpott weg verreisen. Und dann staunt man über diese ganze herrliche Welt von diese antike Trümmer. Un auch diese Säulen. Wo der Brutus den Cäsar wie ein Sau abgestochen hat. Und dat wohl wegen diese Klopatra. Und die is dann ja eine berühmte Aktrice in Hollywood geworden. Wo se da lebendig von eine Schlange aufgefressen worden ist. Dat ist kein schönes Ende. Un so tu ich mir dann aber diese ganze Reise-Beeindrückungen genau zu Papier bringen, dat man auch später noch wat davon haben tut."

Reisen um darüber berichten zu können. Und Goethe ergänzt, man erblickt nur, was man schon weiß und versteht. Und wer wenig weiß, kann dann bei Tegtmeier nachschlagen. Wir folgen weiter Wilhelm Heinse.

"Heinse ist insgesamt drei Jahre in Italien unterwegs, so weit die Füße tragen. Davon nur zwei Tage am Gardasee. Trotzdem ist sein kurzer Aufenthalt eine Begegnung mit literarischen Folgen."

Rund 400 Jahre ist Peschiera umkämpft

Dazu gleich mehr. Wir sind nun erst mal in dieser dick ummauerten Wasser-Festung-Peschiera. Ungefähr acht Meter starke Bastionen auf einem fünfeckigen Festungs-Plateau. Und mitten durch diese Enge zwängt sich auch noch eine Altstadt, an den Kanälen des Mincio. Aber dieser Festungskram interessiert den Heinse nicht. Und die historischen Fakten sind auch den meisten Besuchern von heute fremd, es gibt hier nur paar Seiten unverständliches Prospekt. Kurz gefasst, rund 400 Jahre lang erobern und verlieren, im ständigen Wechsel Venezianer gegen Mailand, oder Franzosen gegen die Päpstlichen oder alle gegen Österreich diesen militärischen Ort.

Und wo ich auch suche, ich kann nichts von einem UNESCO Welterbe erkennen? Wenn ich hier vor mir die mehrstöckigen Kasematten befrage, die Unterkünfte der früher hier eingepferchten jungen Soldaten? Wenn man sich vergegenwärtigt, wie diese Soldaten von der feindlichen Artillerie als lebendes Kanonenfutter zwischen den engen Mauern und wegen der Splitter und wegen des Schrapnell-Getöses, wie sie dem Wahn verfallen?

Lauschen wir statt den Kanonen lieber dem großen Sohn von Peschiera. Dem Komponisten Pietro Torri. Bitte, Maestro:

Musik: Pietro Torri: "Amadis di Grecia"

Henry Tietjen: "Er ist gegen 1650 oder auch einige Jahre später hier geboren. In jungen Wanderjahren kommt er musikalisch zum Markgrafen von Bayreuth, später nach München. Und er erklimmt alle Stufen in diesem intriganten höfischen Musikgeschäft. Torri komponiert mehr als 20 Opern, jede Menge Huldigungs- und Hochzeits- und Begräbnis-Musik. Und Torri holt sogar den damaligen Popstar des Barocks, den sündhaft teuren Kastraten Farinelli für einige Opernpartien nach München. Nur gibt es vor 300 Jahren noch keine Tonträger, aber so in etwa mag Farinelli gesungen haben. Eine Partie aus Händels Oper Rinaldo

Musik: Farinelli: Händel "Rinaldo"

"Kastraten waren damals auch in der Kirchenmusik wichtig, denn Sängerinnen war der Gesang in Kirchen ja untersagt."

War der Kastraten-Wahnsinn nicht eine bigotte Zwangsjacke? Hat Gott die Oberen seiner Heiligen Kirche wissen lassen, dass ihn der Gesang von vorher kastrierten jungen Männern mehr anmacht, als die Tonkünste seiner weiblichen Geschöpfe, die er ja teilweise auch mit feinsten Sopranstimmen erschöpft hat?

"Auch Goethe und Heinse berichten in ihrer italienischen Reise von diesen Kastraten. Damals gab es ein geradezu mafiöses Anwerbe-Geschäft der schönsten Knabenstimmen, quer durch alle Abendländer. Teilweise werden sie aus ihren Familien heraus gekidnappt. Farinelli, der an sich Carlo Broschi heißt, ergeht es so. Sein Vater, ein Musiklehrer, bildet den kleinen Carlo aus, und stirbt dann plötzlich mit 36 Jahren. Seine Familie fürchtet um ihre finanzielle Sicherheit. Ihr Kapital ist der hochtalentierte 12-jährige Carlo. Und das Weitere können wir erraten. Mit 15 hat Farinelli nach einem nicht harmlosen operativen Eingriff mit seinem geretteten glockenhellem Knabensopran seinen ersten triumphalen Auftritt. Und die Damen im Konzertsaal sollen mit Blick auf den überirdischen Farinelli und wegen seiner Betriebsstörung in Ohnmacht gefallen sein."

"Ardinghello" löste Begeisterung aus

Was einem ein Pietro Torri oder ein Farinelli in-medias-res berichten kann! Zurück in den Frühling und zu Wilhelm Heinse. Er muss sich in den nur zwei Tagen hier geradezu eine Überdosis von Eindrücken notiert haben. Kaum ist er wieder in Düsseldorf, schreibt er einen Roman seiner italienischen Impressionen, "Ardinghello und die glückseligen Inseln".

"Und diese zweibändige Novelle spielt sich zu einem Teil auch hier um den Gardasee ab. 'Ardinghello' gilt als der erste deutsche Renaissance-Roman. Dem damals elitären Literaturpublikum, einer Herzogin Anna Amalia von ihrem Weimarer Musenhof, öffnet Heinse die italienische Renaissance; die Freiheiten, auch die freie Liebe! Geradezu revolutionär. Im 'Ardinghello' ist, neben etwas Mord und Totschlag, auch reichlich frühlingshafte Liebelei. Wenn sich bei Nacht am Gardasee im Fackelschein die schönsten Jünglinge, wie junge Götter und deren liebste Maiden, sich gegenseitig die Hemden vom Leibe reißen und tanzen und baden. Hasch mich, ich bin der Frühling! Der 'Ardinghello' wird in drei Auflagen in Deutschland dem Heinse aus der Hand gerissen, sorgt für Furore."

Hätte es damals schon eine Bestseller-Liste im SPIEGEL gegeben …

"Man kann sagen, es beherrschen zu jener Zeit Heinses "Ardinghello" und Schillers "Räuber" die literarische Szene. Sein oder Nichtsein? Begeisterung und gleichzeitig schroffste Ablehnung wegen solch freier Gedanken. Interessant, am Vorabend der aufziehenden Französischen Revolution.

Sagen wir es auch so, auch Schiller dürstet zusammen mit seinen Räubern nach einem Zipfelchen Anerkennung. Auch er ist ein armer Schlucker.

"Goethe in der Campagna", das bekannteste Gemälde von Johann Heinrich Wilhelm Tischbein  zeigt den Dichter Johann Wolfgang von Goethe. (imago/United Archives International)Johann Wolfgang von Goethe war ebenfalls von Italien fasziniert (imago/United Archives International)

"Schiller und andere Klassiker, auch Goethe, nach seiner Rückkehr von seiner italienischen Reise, schreiben schließlich den Heinse als unmoralische Literatur "runter". Andererseits lassen sich Romantiker, wie Brentano, Eichendorff, von Heinse inspirieren."

Heinse verliert schließlich diesen Streit. Ihm bleibt grade noch ein Posten als Vorleser eines Mainzer Kurfürsten und Erzbischofs. Ob Heinse seiner Eminenz als Gute-Nacht-Lektüre auch Passagen aus seinem "Hasch mich, ich bin der Frühling vom Gardasee" vorgelesen hat? Fragezeichen?

Und wie ein Fragezeichen stehen wir Frühlings-Romantiker von heute hier nun an den Gestaden des Sees und fragen, warum erfahren wir hier nirgendwo etwas von Heinses Reisenotizen, auch nichts von Torris Musikschaffen? Dafür reichlich Schrott über die Kanonaden von Peschiera?

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