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StartseiteKalenderblattDichter im Widerstand24.12.2007

Dichter im Widerstand

Zum 25. Todestag des Schriftstellers Louis Aragon

Als Dandy des Surrealismus und surrealistischer Poet ist Louis Aragon in die Literaturgeschichte eingegangen. Und als Poet des Widerstands im Zweiten Weltkrieg. Mit seiner politischen, aber immer auch literarischen Lyrik schaffte es Aragon, den Franzosen in einer Zeit großer nationaler Depression Mut zu machen.

Von Ariane Thomalla

Der französische Dichter Louis Aragon verliest 1949 das Abschlussmanifest auf dem Gründungskongress des Weltfriedensrates in Paris. (AP)
Der französische Dichter Louis Aragon verliest 1949 das Abschlussmanifest auf dem Gründungskongress des Weltfriedensrates in Paris. (AP)

" Franzosen, Paris ist befreit. Frankreich ist nach der Schicksalsprüfung größer wieder als zuvor. "

Von fernen Schüssen unterbrochen, spricht Louis Aragon am Tag der Befreiung im französischen Rundfunk. In den vier Jahren der deutschen Okkupation ist der Mitbegründer des Surrealismus zum Dichter schlechthin der Résistance geworden. Er tröstete das unter der Niederlage leidende Frankreich mit seinen Versen und rief verschlüsselt zum Widerstand auf.

Die "chanson pure", die Dichtung, sei das Gewissen der Nation. Sie leuchte dem Vaterland, dessen Jugend nicht zu unterwerfen sei. Über Radio Algier verlas Général de Gaulle mit "tränenerstickter Stimme" die Gedichte des Kommunisten Aragon. "Les Yeux d'Elsa", "Die Augen von Elsa", Liebesgedichte an die eigene Frau, die russisch-jüdische Schriftstellerin Elsa Triolet, die Aragon patriotisch mit seiner Liebe zu Frankreich vermischte. Noch lange nach dem Krieg waren sie als Chansons populär, gesungen etwa von Juliette Gréco.

Das Leben des Louis Aragon begann am 3. Oktober des Jahres 1897 mit einer gewaltigen Lüge. Erst zwanzig Jahre später, als der Medizinstudent in den Ersten Weltkrieg zog, was ja hieß: vielleicht in den Tod, eröffnete man ihm, der seit seinem siebten Lebensjahr dichtete: Seine Schwester sei seine Mutter, der gelegentlich auftauchende ältere elegante Pate sein Vater, seines Zeichens Parlamentsabgeordneter, Botschafter und Polizeipräsident von Paris, und die Adoptiveltern seien in Wahrheit nichts anderes als seine leiblichen Großeltern. Erfunden war das ferne spanische Elternpaar in Madrid. Erfunden auch der Name - Aragon. Die eigene Identität eine pure Fiktion? Eine Erfahrung, die den jungen Hilfsarzt in den Weltkriegslazaretten nach seiner Rückkehr zum Dadaisten und zusammen mit André Breton zum Hauptakteur des Surrealismus werden ließ. Aragon, wie er sich weiterhin nannte, schrieb 1926 das Meisterwerk des Surrealismus: "Le Paysan de Paris", "Der Bauer von Paris", ein Buch, das Walter Benjamin in Berlin "mit Herzklopfen vor Begeisterung" las. 1927 dann den polemischen Essay "Le traité de Style". Im gleichen Jahr trat er mit den surrealistischen Freunden André Bréton und Paul Eluard in die kommunistische Partei ein. Die anderen traten wieder aus. Sie warfen ihm, der 1931 zum Internationalen Kongress revolutionärer Schriftsteller ins ukrainische Charkow gereist war, vor, er habe dort den Surrealismus verraten. Von nun an war Aragon, und mit ihm Elsa, Moskau-treu.

Ein Paar, das sich feiern ließ, immer wieder auch in der Sowjetunion, blind gegenüber dem wachsenden Terror dort. Erst 1968 rang sich der siebzigjährige Aragon angesichts der russischen Panzer auf dem Prager Wenzelsplatz das Geständnis ab:

" Um in der Partei zu bleiben, musste man verrückt sein: Ich war verrückt. "

Und nach Elsas Tod 1972 tat er die erschütternde Äußerung:

" Ich habe mein Leben verpfuscht. "

Seine großen Romane jedoch, die er seit den dreißiger Jahren bis zuletzt in ungebrochener Kreativität schrieb, von "Aurélien" bis zur "Karwoche", liefen in bester französischer Tradition ihren eigenen poetischen Weg, virtuos und immer wieder neu und experimentell. Aragon scherte sich nicht um das Diktat des sozialistischen Realismus, was auch die Zeitgenossen empfanden. Als er 1982 mit 85 Jahren starb, rühmte ihn der "Figaro" mit Stolz als einen Schriftsteller von "außergewöhnlicher Größe".

" Der letzte Riese unserer Zeit. Ein Romancier von Genie. "

Und die französische Regierung, Premierminister und Minister, begaben sich sogar in die Parteizentrale der KPF in Paris, um dem unter der roten Fahne aufgebahrten Leninpreisträger und Träger des Ordens der Oktoberrevolution die letzte Ehre zu erweisen.

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