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StartseiteUmwelt und VerbraucherDicke Kinder im Konsumrausch20.10.2010

Dicke Kinder im Konsumrausch

Verbraucherzentralen fordern Werbeverbote

Immer mehr Kinder entwickeln Übergewicht. Zu den Ursachen gehört nach Ansicht der Verbraucherzentralen ein großes Angebot an süßen Verführern - verbunden mit knalliger und irreführender Werbung.

Von Verena Kemna

Übergewicht ist der erste Schritt zum Diabetes. (AP)
Übergewicht ist der erste Schritt zum Diabetes. (AP)

Die Bundesregierung hat bereits vor zwei Jahren mit dem Aktionsplan In Form eine Vereinbarung mit der Lebensmittelwirtschaft angekündigt, um ein Werbeverbot an Kinder unter zwölf Jahren zu erreichen. Doch nichts hat sich seitdem geändert, sagt Janina Löbel, beim Verbraucherzentrale Bundesverband, zuständig für Ernährungsverhalten. Auch die vage formulierten Verhaltensregeln des Deutschen Werberates für Lebensmittelwerbung schützen Kinder und Jugendliche nicht vor dem Teufelskreis einer falschen Ernährung. Es beginnt schon in den ersten Lebensjahren.

"Kinder essen generell zu viel Süßigkeiten, trinken zu viel Limonade, essen zu viel Cerealien, alles Lebensmittel, die eher ein ungünstiges Nährwertprofil haben und weniger erwünscht sind. Sie sollten in der Ernährungspyramide, die ja die Deutsche Gesellschaft für Ernährung herausgegeben hat, nur einen geringen Teil dessen ausmachen, was Kinder am Tag zu sich nehmen. Das ist für Kinder und Erwachsene ähnlich."

Der Verbraucherzentrale Bundesverband fordert eine Marktaufsicht für Werbung und Marketing. Denn die Essgewohnheiten von Kindern werden schon in den ersten Lebensjahren geprägt.

"Kinder können noch nicht unterscheiden, was ist real, was nicht. Werbung suggeriert immer, tolles Leben, viele Freunde, bunte Bilder, Abenteuer und ganz viel Spaß und das können Kinder nicht genau einordnen. Ist das wegen des Lebensmittels oder ohne das Lebensmittel? Da muss man aufpassen."

So geben Hersteller allein um Schokolade und Süßigkeiten zu bewerben, drei Mal so viel Geld aus, wie den Krankenkassen für Gesundheitsprävention zur Verfügung steht. Nach Angaben des Bundesverbraucherministeriums sind in Deutschland etwa 37 Millionen Erwachsene und rund zwei Millionen Kinder und Jugendliche übergewichtig oder gar fettleibig. Jeder vierte Erwachsene leidet an Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Bluthochdruck. Beinahe jedes sechste Kind zeigt Symptome einer Essstörung.

"Diabetes Mellitus, Bluthochdruck aber auch orthopädische Schäden werden unsere Kinder in den nächsten Jahren noch schwer belasten. Das sind Kosten, die das Gesundheitssystem tragen muss. Da spricht man von 60 bis 70 Milliarden Euro. Unter anderem werden diese Kosten entstehen weil unsere Kinder sich nicht mehr gesund ernähren können und durch die Werbung in eine Richtung gedrängt werden möglicherweise."

Erst in einem Alter von etwa elf Jahren seien Kinder reif genug, um sich mit Werbebotschaften kritisch auseinanderzusetzen. Umso besorgniserregender sei die Tendenz, immer jüngere Altersgruppen zu bewerben.

"Mittlerweile ist es so, dass Werbung für Lebensmittel mit einem ungünstigen Nährwertprofil nicht mehr nur im Fernsehen läuft, sondern auch im Internet, auf der Verpackung im Laden den Kindern ganz groß suggeriert: Kauf mich unbedingt. Da muss man sich klar werden, dass der Markt mittlerweile Kinder ganz anders anspricht."

Eine unbegrenzte Werbung an Kinder ist nach Ansicht von Experten nicht verantwortbar. In Schweden und Norwegen ist Webung an Kinder unter zwölf Jahren generell untersagt. Vor zwei Jahren hatte die Bundesregierung mit dem Aktionsplan In Form dies als Vorbild erkannt. Der Verbraucherzentrale Bundesverband fordert, dass dieses Ziel endlich umgesetzt wird.

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