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StartseiteUmwelt und Verbraucher"Die Abwägung fällt aus meiner Sicht immer pro Wasser aus"24.11.2011

"Die Abwägung fällt aus meiner Sicht immer pro Wasser aus"

NRW-Umweltminister über den Stopp der Erdgasbohrungen mit der Fracking-Methode

In NRW wird es bis 2012 keine Genehmigungen für die Erdgasgewinnung durch Fracking geben. Denn erst dann liegen die Ergebnisse einer Studie über die Risiken der Methode vor. "Im Grunde geht es darum, das wichtigste Lebensmittel, was wir haben, nämlich das Grundwasser, das Trinkwasser zu schützen", so NRW-Umweltminister Norbert Remmel.

Johannes Remmel im Gespräch mit Britta Fecke

Anders als in den USA wird es in NRW vorerst keine Bohrungen mit der Fracking-Methode geben. (DOE/NETL)
Anders als in den USA wird es in NRW vorerst keine Bohrungen mit der Fracking-Methode geben. (DOE/NETL)

Britta Fecke: Beim Fracking wird ein flüssiges Gemisch aus Wasser, Sand und teilweise giftigen Chemikalien in tiefe Gesteinsschichten gepresst, um unter hohem Druck Erdgas aus dem Boden zu lösen. Die großen Energiekonzerne versprechen, wenn man sie denn bohren und pressen lässt, Investitionen allein in Nordrhein-Westfalen in dreistelliger Millionenhöhe und Tausende Jobs. Gegen die Pläne der Energiekonzerne laufen Anwohner und Umweltschützer Sturm. Nun gibt es einen Aufschub. Bis mindestens Mitte 2012 wird es in Nordrhein-Westfalen keine Genehmigung für die Erdgasbohrung mit der Fracking-Methode geben.

Ich bin jetzt verbunden mit NRW-Umweltminister Johannes Remmel. Herr Remmel, wieso gilt das Bohrverbot denn nur bis zum nächsten Sommer?

Johannes Remmel: Wir haben eine umfangreiche Studie in Auftrag gegeben, die uns Hinweise darauf geben soll, welche Risiken mit einer solchen Methode verbunden sind und wie insgesamt sich die Gesteinsschichten in Nordrhein-Westfalen darstellen, wenn es vor allem darum geht zu untersuchen, was passiert, wenn ich diese Gesteinsschichten oder Erdschichten durchstoße, wie tauscht sich das aus. Im Grunde geht es darum, das wichtigste Lebensmittel, was wir haben, nämlich das Grundwasser, das Trinkwasser zu schützen. Das ist Sinn und Zweck unserer Untersuchung. Eine solche große Untersuchung hat es in der Bundesrepublik noch nicht gegeben. In den USA gibt es Vorbilder dazu und wir wollen da sehr sicher gehen, bevor wir da weitere Schritte tun.

Fecke: Das heißt also, das Ergebnis dieser Untersuchung liegt erst im Sommer 2012 vor? Oder warum warten wir bis dahin?

Remmel: Genau! Das ist die Perspektive des Gutachters, das wir in Auftrag gegeben haben. Ich rechne damit um die Sommerpause. Ob jetzt davor oder danach, ist nicht sicher. Aber da sollten wir uns Zeit nehmen, da geht Gründlichkeit vor Schnelligkeit.

Fecke: Was kann man sich danach gesetzlich vorstellen, um weiter gegen Bohrungen vorzugehen?

Remmel: Na ja, was jetzt schon nötig ist, ist eine Ausdehnung der Umweltverträglichkeitsprüfung auch auf diese Bohrungen und diese Bohrbestrebungen. Das ist bisher gesetzlich vom Bergrecht nicht vorgesehen. Wir haben einen entsprechenden Antrag in den Bundesrat eingebracht. Wir sehen da jetzt die Bundesregierung und auch die CDU/CSU-regierten Länder in der Pflicht. Man spricht öffentlich davon, dass man das gerne will, aber in der Praxis und im Gesetzgebungsverfahren sieht das dann kritischer aus, und deshalb muss jetzt hier vor allem die Bundesregierung, muss auch der Bundesumweltminister sich durchsetzen.

Fecke: Sie sprachen es ja schon gerade an: das Grundwasser. Der Mineralölkonzern Exxon Mobil will dieses unkonventionelle Erdgas fördern, oder mit dieser unkonventionellen Methode das Erdgas fördern, und diesmal mit weniger Chemie. Würde das reichen, um Sie milder zu stimmen?

Remmel: Das ist eben auch ein Untersuchungsgegenstand, ob es Methoden gibt, dieses unkonventionelle Erdgas ohne den Einsatz von Chemikalien zu fördern. Da sollen die verschiedenen Fördermethoden untersucht und bewertet werden, dem will ich nicht vorgreifen. Grundsätzlich gilt noch mal: Das schützenswerteste Gut, was wir haben, ist unser Wasser, unser Trinkwasser. Und im Übrigen ist das nicht nur ein Begehren der Wasserwerke und der Trinkwasserbezieher, sondern mittlerweile haben sich auch die Mineralbrunnen und die Brauereien bei uns gemeldet, um hier äußerste Vorsicht walten zu lassen.

Fecke: Nun steht da ein ganz klein wenig der Umweltschutz vielleicht auch gegen den Klimaschutz, denn bis zu zwei Milliarden Kubikmeter Gas werden allein im Münsterland vermutet. Erdgas gilt als noch relativ klimafreundlich, zumindest im Vergleich zu anderen fossilen Energieträgern. Ist es tatsächlich vorstellbar, dass diese Energiereserve auf Dauer im Boden bleibt, auch wenn die Erdgaspreise immer weiter steigen?

Remmel: Ich denke, es gibt da eine klare Abwägung zu treffen, und die Abwägung fällt aus meiner Sicht immer pro Wasser aus. Wenn unser Grundwasser nicht geschützt ist, kann es keine Einschränkung an der Stelle oder Beschränkung und Beeinträchtigung geben. Wasser ist das Lebensmittel Nummer eins, daran darf auch niemand und darf auch kein Erdgaskonzern rütteln.

Fecke: Welche rechtlichen Grundlagen gibt es konkret dafür, Exxon Mobil die Genehmigung noch weiterhin vorzuenthalten?

Remmel: Wir haben die Situation, dass wir hier keine genauen Abschätzungen über die Auswirkungen haben, und insofern gilt der Besorgnisgrundsatz, der Vorsorgegrundsatz, und das ist ausreichend, derzeit keine Genehmigungen zu erteilen.

Fecke: Vielen Dank, dass Sie uns vom Auto aus und dann auch noch vom Handy aus angerufen haben. Vielen Dank an den NRW-Umweltminister Johannes Remmel. Die Fracking-Methode ist bis 2012 gesperrt; wir sprachen mit ihm darüber, warum und wie lange es noch halten wird.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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