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StartseiteKalenderblattDie älteste Bibel der Welt07.02.2009

Die älteste Bibel der Welt

Vor 150 Jahren entdeckte Konstantin von Tischendorf den Codex Sinaiticus

Der Codex Sinaiticus gilt bis heute als die älteste erhaltene Bibelhandschrift der Welt. Vor 150 Jahren, am 7. Februar 1859, entdeckte der Leipziger Theologieprofessor und Bibelforscher Friedrich Konstantin von Tischendorf einige Blätter der begehrten Handschrift im griechisch-orthodoxen Katharinenkloster auf der ägyptischen Sinai Halbinsel.

Von Regina Kusch

Der Codex Sinaiticus. (AP Archiv)
Der Codex Sinaiticus. (AP Archiv)

"Quippe dormire nefas videbatur - es wäre wirklich ein Unrecht gewesen zu schlafen!"

In seinem Tagebuch, das er - wie damals bei Gelehrten üblich - auf lateinisch führte, hat Friedrich Konstantin von Tischendorf die Erinnerungen an die bewegendste Entdeckung seines Lebens festgehalten. Am 7. Februar 1859 hatte der Leipziger Theologieprofessor endlich gefunden, wonach er bereits seit mehreren Jahren gesucht hatte: die bis heute älteste Bibelhandschrift der Welt; im 4. Jahrhundert auf feinstem Pergament in Griechisch geschrieben.

Die ganze Nacht studierte er die Blätter, um sich einen Überblick zu verschaffen. Das Neue Testament war vollständig und in ausgezeichnetem Zustand. Außerdem existierten noch ein Teil des alten Testaments und zwei damals weitgehend unbekannte frühchristliche Werke. Codex Sinaiticus, nannte man diesen Fund später, weil der Bibelforscher die Handschriften im griechisch-orthodoxen Katharinenkloster auf der ägyptischen Sinai Halbinsel aufgespürt hatte.

Schon bei einem früheren Besuch im Katharinenkloster hatte Tischendorf einige Blätter der begehrten Handschrift gefunden. In einem Papierkorb, weggeworfen zum Verbrennen, wie später immer wieder kolportiert wurde. Die Pergamente konnte er 1844 nach Leipzig mitnehmen, wo sie heute noch aufbewahrt werden. Ulrich Johannes Schneider, Direktor der Universitätsbibliothek:

"Damals haben ihm die Mönche 43 Blätter übergeben, geschenkt. Er ist dann später noch mehrfach hingefahren und hat am Ende eine große Menge an Blättern desselben Manuskriptes mitgenommen. Ob das jetzt ein Geschenk war, ob das ein Verkauf war, da gibt es strittige Versionen."

Heute sind die mehr als 380 Pergamentseiten auf vier Orte verteilt. Die Odyssee des Codex Sinaiticus liest sich fast wie ein Kriminalroman: Teile landeten in Leipzig, andere kamen nach Petersburg als Geschenk an den Zaren Alexander II., den Schutzpatron der orthodoxen Christen. Der überließ dem Abt des Katharinenklosters im Gegenzug Geld für die Mönche und einen silbernen Schrein für die Kirche.

Konstantin von Tischendorf erhob er als Belohnung für seine wissenschaftlichen Leistungen in den russischen Erbadel. 1933 verkaufte dann Stalin den größten Teil dieser Seiten für heute umgerechnet eine Million Euro an das Britische Nationalmuseum. Weitere Teile des Bibelmanuskriptes wurden 1975 im Katharinenkloster wiederentdeckt. Pater Justin, der dort in der Bibliothek arbeitet, hat sich auf Tischendorfs Spuren begeben und ist nach Leipzig gereist, als die Sammlung 2006 der Öffentlichkeit präsentiert wurde.

"Wir haben die Aufteilung des Manuskripts immer bedauert. Natürlich fänden wir es gut, wenn wir es komplett zurück bekämen. Aber gleichzeitig hat die Geschichte Verbindungen geschaffen. Verbindungen zwischen unserem Kloster und den anderen Einrichtungen und ich finde es bemerkenswert, dass wir nun kooperieren. Vielleicht schaffen wir ja ein Symbol, indem wir zeigen, was man erreichen kann, wenn man seine Meinungsverschiedenheiten beiseite legt, um wichtigere Ziele zu erreichen."

Jahrelang hatten Wissenschaftler der Bibliotheken in Leipzig, Petersburg, London und auf dem Sinai daran gearbeitet, den Codex Sinaiticus für das Internet zu digitalisieren. Am 24. Juli 2008 war es dann soweit.

"Also es wird jetzt zehn nach zwölf die Webseite freigeschaltet. So, das ist jetzt online. Und jeder kann jetzt die älteste Bibel der Welt online bewundern."

Bis 2010 soll das Werk komplett digitalisiert sein. Bibliotheksdirektor Ulrich Johannes Schneider freut sich, zumindest virtuell die Teile wieder zusammenführen zu können.

"Wir machen etwas gut, was im 19. Jahrhundert einerseits entdeckt wurde, andererseits eben auch auseinander gerissen worden ist. Und das ist für Bibliotheken ein ganz wichtiger Schritt. Wir können das Internet benutzen, um jetzt mit unseren Kulturschätzen weltweit zu kommunizieren. Davon hatte man ja früher nur träumen können. Und dass jetzt nun gerade die ältesten Kulturgüter mit der modernsten Technik öffentlich gemacht werden, das ist irgendwie ein sehr bewegendes Erlebnis."

Der Codex Sinaiticus online: www.codex-sinaiticus.net

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