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StartseiteKalenderblattDie algerische Sonderrolle05.07.2005

Die algerische Sonderrolle

Vor 175 Jahren erobern die Franzosen Algier

Unter den drei von Frankreich in Nordafrika eroberten Gebieten Tunesien, Algerien und Marokko hat Algerien immer eine Sonderrolle gespielt: Es wurde früher als die anderen Länder erobert und später als sie in die Unabhängigkeit entlassen. Vor allem aber war es nicht nur Kolonie, sondern Teil des französischen Mutterlandes. Am 5. Juli 1830 begann die französische Herrschaft über Algerien.

Von Raschid Bockemühl

Französische Fremdenlegionäre in Algerien, 1960 (AP Archiv)
Französische Fremdenlegionäre in Algerien, 1960 (AP Archiv)

Im Juni 1830 gingen bei Sidi Ferrouch an der algerischen Mittelmeerküste 37.000 Soldaten eines französischen Expeditionskorps an Land. Schon am 5. Juli kapitulierte der türkische Militärkommandant von Algier. Nur im Westen des Landes rebellierten noch einzelne Stammesverbände der einheimischen Araber und Berber unter dem Emir Abd-el-Qader, den die Algerier als den ersten Vorkämpfer ihrer Unabhängigkeit verehren.

1848 fasste die Regierung in Paris den folgenschweren Beschluss, Algerien nicht nur zur Kolonie zu erklären wie später die Nachbarländer Tunesien und Marokko, sondern zu einem Teil des Mutterlandes. Dem Land sollte seine eigene Kultur genommen, es sollte ganz französisch werden. Diese mission civilisatrice, dieser Bekehrungseifer rief die Kritik von Intellektuellen hervor, die während der gesamten französischen Herrschaft über Algerien nicht mehr verstummen sollte. Der Schriftsteller Guy de Maupassant beschrieb seine Eindrücke 1881 so:

" Schon nach den ersten Schritten an Land fühlt man sich bedrückt und peinlich berührt von der brutalen, ungeschickten französischen Zivilisation, die sich so wenig auf die Sitten und die Menschen einstellt. Wir sind es, die wie Barbaren wirken unter diesen Barbaren, die zwar ungeschliffen, aber eben doch hier zu Hause sind und in Jahrhunderten ihre Sitten und Gebräuche herausgebildet haben, deren Sinn wir wahrscheinlich noch nicht verstanden haben. "

Allein bis 1900 wurden 580.000 Franzosen angesiedelt, für die man eine eigene Zivilverwaltung schuf, die aber für die 3,5 Millionen algerischen Muslime nicht zuständig war. Sie unterstanden der Militärverwaltung. Die Siedler kauften den algerischen Grundbesitzern systematisch Land ab oder eigneten es sich einfach an auf Grund von Gesetzen, die in Paris eigens hierfür verabschiedet wurden. Frankreich zerstörte die traditionellen politischen und kulturellen Institutionen der Algerier und damit die einheimische Elite. Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit galten nur für die französischen Bürger des Mutterlandes.

Schon bald nach der Eroberung hatte der Diplomat und Schriftsteller Alexis de Tocqueville diese Siedlungspolitik verurteilt:

"Wir haben einen Teil ihrer gemeinnützigen Organisationen aufgelöst, wir haben die Schulen verkommen lassen, ihre Seminare geschlossen – die muselmanische Gesellschaft also viel elender, unwissender und barbarischer gemacht. "

Und die immer wieder aufflackernden Aufstände einzelner Scheichs und islamischer Bruderschaften veranlassten Maupassant zu einer Warnung:

"Da unser Kolonisierungssystem darin besteht, den Araber zu ruinieren, ihn unausgesetzt zu berauben, ihn gnadenlos zu verfolgen und ihn im Elend umkommen zu lassen, werden wir noch weitere Aufstände erleben. "

Damit sollte er Recht behalten. So brachen am 8. Mai 1945 Unruhen in den Städten Sétif und Guelma aus, die zu großer Brutalität auf beiden Seiten führten. Sie gaben einen Vorgeschmack auf den Algerienkrieg von 1954 bis 1962. Der in Algerien geborene Literatur-Nobelpreisträger Albert Camus hat die prekäre Situation so analysiert:

"Die Massaker von Guelma und Sétif haben bei den Franzosen Algeriens tiefes Ressentiment und Entrüstung, die anschließenden Repressionen bei den arabischen Massen ein Gefühl der Angst und Feindschaft ausgelöst. "

Und später hat mitten im Algerienkrieg selbst General Jacques Massu, der den schaurigen Höhepunkt des ganzen Krieges, das wochenlange Massaker in der Altstadt von Algier, zu befehligen hatte, die extreme Situation mit drastischen Worten beklagt:

"Die Politiker in Paris verlangen von mir, dass ich mich mit Blut und Scheiße beschmiere. "

Mit seiner Politik, aus Algerien einen Teil des französischen Mutterlandes zu machen, hatte Frankreich schon Mitte des 19. Jahrhunderts den Grundstein für den Algerienkrieg gelegt, den längsten und grausamsten Unabhängigkeitskrieg des 20. Jahrhunderts. Denn natürlich konnten sich die Franzosen vom "Herzen Frankreichs" – wie es der damalige Innenminister François Mitterrand genannt hat – nur unter großen Schmerzen trennen. Und hier liegt auch der tiefere Grund dafür, dass sich die Franzosen mit der Bewältigung ihrer algerischen Vergangenheit Jahrzehnte lang so schwer getan haben.

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