Montag, 14.10.2019
 
Seit 17:35 Uhr Kultur heute
StartseiteInterview"Die Antwort wäre Zensur"20.09.2012

"Die Antwort wäre Zensur"

Mohammed-Karikaturen: Journalist Gerard Foussier über Debatten, Ängste und Proteste

Der Chefredakteur der Zeitschrift "Documents", Gerard Foussier, hat das französische Satiremagazin "Charlie Hebdo", das die Mohhammed-Karikaturen veröffentlicht hat, als ein Blatt bezeichnet, das gern provoziert. Die Redakteure wüssten um die Folgen und müssten sie daher verantworten. Dass der Staat solche Publikationen verbiete, könne "aber nicht die Antwort der Demokratie" sein.

Gerard Foussier im Gespräch mit Gerd Breker

Stéphane Charbonnier, Chefredakteur und Zeichner des satirischen Blattes "Charlie Hebdo" (picture alliance / dpa -  Yoan Valat)
Stéphane Charbonnier, Chefredakteur und Zeichner des satirischen Blattes "Charlie Hebdo" (picture alliance / dpa - Yoan Valat)

Christiane Kaess: Ein Pariser Satireblatt fordert die islamische Welt heraus. Seitenweise derbe Mohammed-Karikaturen lassen Frankreich und den Westen insgesamt vor neuen antiwestlichen Unruhen zittern, nachdem schon das islamfeindliche Mohammed-Video für gewalttätige Massenproteste gesorgt hatte. Zahlreiche französische Einrichtungen im Ausland sollten vor den Freitagsgebeten sicherheitshalber geschlossen werden, nachdem die Wochenzeitung "Charlie Hebdo" gestern mit neuen islamkritischen Karikaturen provozierte. Mein Kollege Gerd Breker hat gestern Abend mit dem Chefredakteur der Zeitschrift "Documents", Gerard Foussier, gesprochen. Er hat ihn zuerst gefragt, ob die Veröffentlichung eine mutige Entscheidung im Sinne der Meinungs- und Pressefreiheit war.

Gerard Foussier: Das ist kein mutiger Schritt, das ist die Philosophie dieser Zeitschrift. Die setzen auf Provokation und das entspricht durchaus dieser Philosophie. Diese Zeitschrift will verkauft werden. Der Beweis ist: man braucht nur ein paar Zeichnungen zu veröffentlichen und gewaltig anzukündigen, und schon ist um neun Uhr diese Wochenzeitschrift schon ausverkauft. Also die Hintergründe haben sicherlich nicht mit Mut, sondern vielleicht – seien wir gnädig – mit dem Willen zu tun, eine Debatte zu provozieren, also nicht nur die Moslems zu provozieren, sondern eine Debatte zu provozieren, weil man eben in Frankreich selten über so was redet.

Gerd Breker: Braucht die französische Gesellschaft dieses Fanal für die Pressefreiheit, für die Meinungsfreiheit? Ist das die Stimmung in der französischen Gesellschaft?

Foussier: Also es gibt die Pressefreiheit. Die ist auch gesetzlich verankert. Und diese Freiheit, diese freie Meinungsäußerung, ist auch die Freiheit, auch Unsinn zu sagen oder zu publizieren oder zu zeichnen. Damit muss man auch leben. Wer das nicht haben will, kann immer den Schritt zu den Gerichten machen, und dafür gibt es auch Gesetze. Wer sich beleidigt fühlt, kann zum Gericht gehen und kann auch damit Erfolg haben.

Breker: Die französische Regierung ist aufgrund dieser Veröffentlichung besorgt und sie verschärft die Sicherheitsvorkehrungen für ihre Botschaften und Vertretungen im Ausland. Französische Schulen werden am Freitag im Ausland in der muslimischen Welt geschlossen sein. Ist das der Preis der Freiheit, den man zahlen muss?

Foussier: Das ist leider der Preis. Es gibt auch kein Gesetz für den guten Geschmack und die Pressefreiheit erlaubt eben auch den schlechten Geschmack. Und die Verantwortung, das ist ein Begriff, den es bei satirischen Zeitschriften nicht gibt. Die wollen erst mal ihre Zeitschrift verkaufen, die wollen provozieren, die wollen gelesen werden und die wollen auch die Leute amüsieren, wenn man so will. Nebenbei: Wer kauft schon diese Zeitschrift? Normalerweise kaum einer.

Die Gefahr ist: Wenn man natürlich sagt, es ist verboten, jetzt so was zu machen, dann ist es Zensur. Sind die Exzesse schlimmer als die Zensur? Ist die Zensur vielleicht auch der Anfang einer größeren Aktion gegen die Presse? Da muss man auch sehr vorsichtig vorgehen. Die große Gefahr besteht aber darin, dass wenn die Regierung, der Staat überhaupt nichts tut, oder die Gesellschaft gar nicht darauf reagiert, dass jeder, der inspiriert ist und plötzlich sagt, dann mach' ich mal eine schöne Zeichnung im Internet und verkaufe - in Gänsefüßchen - das an die ganze Gemeinschaft der Internet-User, provoziert auch wieder Ärger unter den Moslems.

Ist das der Preis dafür? – Die Antwort hat keiner, weder die Regierung. Die Antwort hätte eventuell diese Zeitschrift. Ich bin fast sicher, dass diese Zeitschrift in einer, zwei oder drei Wochen eine Nummer herausgeben wird, wo der Papst dann die Zielscheibe ist, und dann haben wir wieder den Salat. Ja gibt es zwei Maßstäbe? Kann man im Falle Mohammed so reagieren und im Fall des Papstes anderes reagieren? Das ist eigentlich jetzt die Debatte.

Breker: Wir veröffentlichen Karikaturen über jeden und alles, jede Woche. Wenn wir es aber mit dem Propheten machen, dann nennt man es Provokation. So wird der Chefredakteur zitiert. Verschätzt er sich dabei nicht? Ich meine, immerhin: Mohammed ist ein Religionsstifter, anders als der Papst zum Beispiel.

Foussier: Richtig. Ich habe leider auch keine Antwort. Aber noch einmal: "Charlie Hebdo" ist eine Zeitschrift, die eben auf Provokation setzt. Letztes Jahr haben die sogar ihre Überschrift, ihren Titel, ihren Namen geändert. Statt "Charlie Hebdo" haben die "Scharia Hebdo" gemacht. Dafür haben die auch eine Bombe bekommen und da sind manche Räume zerstört worden. Die kennen den Preis dieser Provokation, die müssen das verantworten. Aber viel schlimmer ist, wenn die Reaktionen nicht unbedingt der Moslems, ich würde sagen, die Reaktionen der Beleidigten, die sich betroffen fühlen, die gilt nicht nur der Zeitschrift, sondern auch dem Staat und der Gesellschaft, und das ist wesentlich schwieriger.

Breker: Der amerikanische Schmähfilm, der wurde ja gedreht und produziert, damit religiöse Gefühle verletzt werden. Die Menschen sind dagegen auf die Straße gegangen, einige Menschen sind dafür gestorben. Alles gerechtfertigt durch Meinungsfreiheit?

Foussier: Das ist der Preis der Demokratie wahrscheinlich, und inwiefern eine Gesellschaft bereit ist, eben solche Provokationen zu erdulden, das ist eine Geschichte, die man natürlich nicht von heute auf morgen entscheiden kann. Das kann auch keine Regierung entscheiden, das kann auch kein Gesetz entscheiden, da hat man mit Gefühlen zu tun. Und wenn die Leute der Meinung sind, dass man sie verletzt und beleidigt, dann muss man auch einen Weg finden, außerhalb dieser Zeitschrift, die Leute aufzuklären, zu sagen, so ist diese Zeichnung nicht die Meinung der Franzosen, nicht die Meinung einer Nation oder einer ganzen Gesellschaft, sondern nur die Meinung einer kleinen Gruppe. Wie wollen Sie es verhindern? Die Antwort wäre Zensur. Das kann aber nicht die Antwort einer Demokratie sein.

Kaess: Der Chefredakteur der Zeitschrift "Documents", Gerard Foussier, im Gespräch mit meinem Kollegen Gerd Breker.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk