Donnerstag, 12.12.2019
 
Seit 05:05 Uhr Informationen am Morgen
StartseiteMarkt und MedienDie arabische TV-Revolution13.03.2010

Die arabische TV-Revolution

Al Jazeera und Co. haben den TV-Markt im Nahen Osten verändert

Seit seinem Start 1996 hat der arabische TV-Sender Al Jazeera die Fernsehwelt im arabischen Raum verändert: Plötzlich konnte über bisherige Tabuthemen wie Frauenrechte diskutiert oder Monarchien kritisiert werden. Heute hat Al Jazeera zahlreicher Nachahmer und die Fernsehzuschauer von Marokko bis Bagdad können sich vielfältig informieren.

Von David Goeßmann

Fernsehzuschauer in Saudi-Arabien. (AP Archiv)
Fernsehzuschauer in Saudi-Arabien. (AP Archiv)

Als 1996 Al Jazeera startet, konnte noch keiner ahnen, was daraus einmal werden würde, eine journalistische Erfolgsgeschichte. Der 24 Stunden-News-Sender machte sich schnell einen Namen mit seiner Kritik an regionalen Monarchien und Regierungen. Journalisten konnten über Tabuthemen wie Frauenrechte oder Homosexualität berichten. Während des Libanon- und Gazakriegs war Al Jazeera die einzige Station mit Reporterteams vor Ort, liefert TV-Footage weltweit. Es entstanden kontroverse politische Diskussionsrunden oder investigative Formate wie "Top Secret". Adel Iskandar, Kommunikationswissenschaftler der Washington University:

"Es gibt nun sehr viel mehr investigative Berichterstattung. Nehmen Sie die Ermordung des Hamasführers in Dubai vor kurzem. Es wurden Videos der Überwachungskameras des Hotels gesendet, wo der Mord passiert sein soll. Normalerweise verläßt so etwas nicht die Hinterzimmer von Geheimdiensten und staatlichen Stellen. Heute findet hier alles in einer sehr öffentlichen Weise statt. Jeder sieht es und die Zuschauer sind in der Lage, es infrage zu stellen."

Nicht nur bei arabischen Regierungen und Monarchien machte man sich unbeliebt durch kritische Berichterstattung. Nach 9/11 zeigte Al Jazeera die Kriege im Irak und in Afghanistan aus der Perspektive der Opfer, dokumentierte die Wut der arabischen Welt. Die US-Luftwaffe bombardierte, trotz übermittelter Koordinaten, die Büros des Senders in Kabul und Baghdad.

Immer wieder versuchte die Bush-Administration, Al Jazeera Verbindungen zu Al Kaida zu unterstellen. Der 2006 gestartete englische Ableger von Al Jazeera ist in den USA so gut wie nicht im Kabelnetz zu empfangen.

Heute ist der Sender aus Katar ein arabisches Medienimperium mit enormen finanziellen Resourcen, 45 Büros weltweit und etlichen Spartenkanälen: von Sport über Kindersendungen bis zu Dokumentationen.

Doch Al Jazeera ist längst nicht allein. Über 400 unterschiedliche Fernsehkanäle, zumeist multinationale Satellitenprogramme, werden heute von Marokko bis Kairo ausgestrahlt. Ein überaus dynamischer Markt. Eine TV-Revolution, sagt Iskandar.

""Nicht nur in den Formaten, auch inhaltlich gibt es eine erstaunliche Bandbreite und Vielfalt. Eine politische, kulturelle und sprachliche Vielfalt. Manche Stationen senden in lokalen oder nationalen Dialekten. Es ist eine komplett andere Situation gegenüber den Bedingungen vor 20 Jahren, als die Medien von den Staaten kontrolliert wurden. Heute können viele TV-Sender arabische Staaten kritisieren und tun das auch."

Eine neue Liberalität, ein frischer Wind. Das liegt auch an der Breite des Angebots. Jeder arabische Haushalt empfängt heute im Durchnitt 240 Sender aus der Region. Ein enormer Informationsinput, der selbst den US-Markt verblassen lässt.

""Immer mehr Leute schauen dort Fernsehen, beschäftigen sich mit Nachrichten. Dabei verarbeiten sie große Mengen an Informationen, weit mehr als jemals zuvor. Die arabischen Zuschauer wissen gut Bescheid, sie können einschätzen, wie Nachrichten produziert werden, wie man sie einordnen muss und ob man ihnen trauen kann."

Die TV-Sender werden von reichen arabischen Unternehmern betrieben. Al Jazeera gehört zum Beispiel dem Emir von Katar. Profit kann man mit den Fernsehstationen nicht machen. Für Iskandar steht fest: Es geht den Unternehmern um politischen Einfluss. Kritik an den Interessen der Businesselite werde man daher auf den Sendern nicht finden.

Die Zukunft sieht Iskandar im Internet. Der Libanon Krieg sei der erste Youtube-Krieg gewesen. Die Proteste im Iran, zumindest ihre mediale Vermittlung, seien ohne Internet kaum vorstellbar gewesen.

"Blogger, Bürgerjournalisten und Internetuser spielen heute eine wichtige Rolle, wie Politik im arabischen Raum verstanden wird. Sie sind auch wichtig bei der Vorortberichterstattung. Selbst TV-Networks mit großer Verbreitung wie Al Jazeera greifen zum Teil auf Blogger zurück, um Informationen zu bekommen. Blogger sind gewissermaßen die Augen und Ohren der prominenten TV-Stationen geworden. Normale Leute können zum ersten Mal Einfluss nehmen auf den politischen Diskurs. Darin sehe ich einen enormen Fortschritt, eine Art arabischer Informationsrevolution."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk