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StartseiteKalenderblattDie Atmosphäre der Großstadt13.01.2011

Die Atmosphäre der Großstadt

1911: Uraufführung von Gerhart Hauptmanns "Die Ratten" im Berliner Lessingtheater

Die Uraufführung vor 100 Jahren war ein Fehlschlag, doch seitdem hat sich Gerhart Hauptmanns Tragikomödie "Die Ratten" zu einem immer wieder gespielten und mehrfach verfilmten Klassiker des Theaters entwickelt.

Von Hartmut Krug

Der deutsche Dichter Gerhart Hauptmann, 1930 (AP Archiv)
Der deutsche Dichter Gerhart Hauptmann, 1930 (AP Archiv)

Ein Erfolg war die Uraufführung von Gerhart Hauptmanns "Die Ratten" im Berliner Lessingtheater am 13. Januar 1911 nicht: Das Publikum reagierte kühl und die Kritik war ablehnend. Der Dichter wendete in diesem seinem 23. Theaterstück die naturalistische Technik seiner frühen Dramen auf eine Tragikomödie an, die zugleich von starker Symbolik und Expressivität bestimmt ist. Das in einem Berliner Mietshaus spielende Milieustück atmet die Atmosphäre der Großstadt und einer neuen, modernen Zeit.

Während es in den im gleichen Jahr ungemein erfolgreichen Gassenhauern einer Claire Waldoff kokett witzelnd zugeht, klingt es in Hauptmanns "Die Ratten" ganz anders:

"Hat mir betrogen, hat mir zujrunde gerichtet, hat mich Geld jeraubt, hat mich Ehre jeraubt! Hat mich verfluchtiger Hund verführt, verlassen, belogen, betrogen, n Elend jestßen! Trefft, wen trefft!"

So verflucht das schwangere polnische Dienstmädchen Pauline Piperkarcka ihren Verführer, bevor sie in ihrer Not ihr Kind an die kinderlose Frau John verkauft. Als das Dienstmädchen diese Entscheidung später bereut, schiebt Mutter John ihr das todkranke Baby einer Nachbarin unter. Doch der Schwindel fliegt auf, und Mutter John bittet ihren Bruder, Pauline einzuschüchtern. Doch der bringt das Dienstmädchen gleich um.

"Schlechtes gemeines Weibsstück ist sie gewesen wo sich hat mit Kerlen abgegeben und von nen Tiroler, der nischt hat von wissen gewollt hat, ein Kind gehabt. Das hätte sie am liebsten im Mutterleib schon umgebracht."

Als Mutter John schließlich das Kind an die Polizei übergeben soll, stürzt sie sich aus dem Fenster. Und ihr Mann verzweifelt, denn alles schwankt, alles ist doppelbödig:

"Allens ist hier morsch. Allens faules Holz. Allens von Ratten und Mäusen zerfressen."

Geschrieben hat Hauptmann seine Tragikomödie zwischen 1909 und 1911 in Portofino, als er sich intensiv mit dem Wesen der Tragödie auseinandersetzte. So entstand eine zweite Stückebene, in der sich der ehemalige Theaterdirektor Hassenreuther in seinem Theaterfundus auf dem Dachboden des Hauses mit einem zur Bühne drängenden Kandidaten der Theologie über das Theater streitet:

"Von den Höhen der Menschheit wissen Sie nichts. Sie haben neulich behauptet, dass unter Umständen ein Barbier oder eine Reinmachefrau aus der Mulackstraße ebenso gut ein Objekt der Tragödie sein könnte als Lady Macbeth oder König Lear."

"Vor der Kunst wie vor dem Gesetz sind alle Menschen gleich, Herr Direktor."


Auch wenn diese ästhetische Diskussionsebene nicht mehr aktuell ist, so bleibt ihr komödiantisches Potenzial enorm. Die Qualitäten des Stückes, wie Hauptmann hier Tragisches aus Komödiantischem entwickelt, wie er zugleich konkrete wie überzeitliche, sinnliche Figuren entwickelt und ein soziales Bild der Großstadt entwirft, das wird selbst in der negativen Uraufführungskritik von Alfred Kerr noch deutlich:

"Unten, oben, mitte. Es ist ein Schlurfen und Klettern und Hinabfallen und Dahintrollen in diesem Stück; ein Gewimmel, eine Vielheit, ein Durcheinander, ein Ineinanderlaufen. Von oben bis unten. Wer ist der Vater des mickrig sterbenden Jungchens einer hysterischen Straßenläuferin? Ein Prinz; eine Nachtbegegnung. Und das Dienstmädel, das mit einem starken Kinde niederkommt, ist proletarisierter Adel; Pauline von Piperkarcka. Es gibt keinen, der mit ähnlicher Großartigkeit im Drama Seelisches in Menschensiedlungen zeichnen könnte. Ein flaues und gewaltiges Stück."

Das Stück hat sich, trotz des Misserfolgs bei der Uraufführung, bald durchgesetzt. Die zweite Berliner Inszenierung, 1916 durch Felix Hollaender an der Volksbühne war ein Erfolg. Schon 1921 gab es die erste Verfilmung des Stückes, vier weitere folgten. Heute gehören "Die Ratten" zum festen Bestand des deutschen Stadttheaterrepertoires. Das Stück hat in unserer Zeit, in der Kinderhandel auf der ganzen Welt verbreitet ist, eine ungeahnte und neue Aktualität bekommen.

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