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StartseiteKultur heuteDie Ausweglosigkeit vor dem Alter25.04.2013

Die Ausweglosigkeit vor dem Alter

Johann Kresnik inszeniert "Villa Verdi" an der Berliner Volksbühne neu

Die "Villa Verdi" ist ein Altenheim für eine ganz besondere Klientel: für alternde Stars - jenseits von Karriere, Bühne und Scheinwerferlicht. Jetzt hat sich der Choreograf Johann Kresnik an ein Bühnenstück über die Bühnen-Senioren gemacht und es an der Berliner Volksbühne uraufgeführt.

Von Michael Laages

Die beiden Tänzer Oswaldo Ventriglia und Yoshiko Waki in Johann Kresniks "Villa Verdi" (dpa / pa / Stephanie Pilick)
Die beiden Tänzer Oswaldo Ventriglia und Yoshiko Waki in Johann Kresniks "Villa Verdi" (dpa / pa / Stephanie Pilick)
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Heiter bis blutig

Viele vorletzte Worte fallen in der "Villa Verdi" – tunlichst sollten die Künstler doch ihr Publikum verlassen, bevor es sie verlässt; das sagt der finsterste unter den Bewohnern, der Schauspieler. Und während einer der Sänger bekundet, seine Stimme werde noch aus dem Grab zu hören sein, sammelt der brummige Macbeth-, Lear- und Hamlet-Greis Tabletten im Garderobenschrank: für den Tag, an dem er es nicht mehr aushalten wird. An der Rückseite all der Schminktische, die die Ensemblekräfte der Volksbühne, die Solis-ten und der vielköpfige Mitarbeiter- und Freundes-Chor, als wichtigstes Requisit hin und her schieben vor den rudimentären Wänden auf Marion Eiseles Bühne, finden sich Jugend- und Rollen-Fotos der Akteurinnen und Akteure – so schiebt jeder und jede sein oder ihr Stück Erinnerung mit sich durchs verbleibende Leben.

Wenig ist vom Tod, aber viel ist vom Ende die Rede, wie sehr sich die Alten auch noch in den Wehwehchen von Diven gefallen mögen und jede ein wenig Mimi sein will …

Das ist Ilse Ritter, die unter anderem zu Peter Zadeks und Luc Bondys Musen zählte; wie sie, die noch nicht mal 70 ist, lassen sich auch der Schauspieler-Kollege Roland Renner und Countertenor Jochen Kowalski, noch nicht 60, auf Johann Kresniks Altentheater ein – solidarisch sozusagen neben (zum Beispiel) der tatsächlich 85jährigen Jutta Vulpius, die schon zu Walter Felsensteins Entdeckungen der Nachkriegszeit im alten Ost-Berlin gehörte, helfen die "jungen Hüpfer" sowie Andreas Seifert und Cornelia Kempers als Pflegekräfte in der von der Abwicklung bedrohten Alten-Residenz mit bei der Stück-Struktur. Die baut zum Glück recht wenig auf durchgehende Texte - die wenigen tatsächlich fixierten Passagen, vorzugsweise über die Ignoranz der Politik angesichts bereits vollzogener oder noch bevorstehender Fusionen oder Abwicklungen von Bühnen und Ensembles in Theaterland Deutschland, sind von kaum unterbietbarer Dürftigkeit.

Kresniks Hommage an Daniel Schmids dokumentarischen Film lebt weitaus besser, intensiver und auch amüsanter von den lebendigen Erinnerungen der heute Beteiligten – und, natürlich, von fleißigem Chor-Gesang, ob nun mit Musik vom Hauspatron oder vom Antipoden Richard Wagner …

Und die liebliche Altersmilde in Kresniks Arrangements (der Choreograph steht selber im 74. Lebensjahr) bricht tatsächlich auch nur einmal wirklich auf – als sich die Jugend per-sönlich zu Wort meldet. Besser: zu Sprung und Schritt – zwei Ballett-Studierende lässt der alternde Tanz-Theatraliker plötzlich jugendliche Energie und erste Schritte auf dem Weg zu späterer Meisterschaft vorführen; aber während die beiden, solo und zu zweit, den Zauber späterer Zeiten ahnen lassen, zerschneidet rechts vorn Osvaldo Ventriglia, der letzte Kämpe aus Kresniks einstiger Compagnie, Stück für Stück Hemd und Trikot, ganz so, als schneide er sich selbst die alte Haut vom Körper … und während die beiden Jungen die letzten Sprünge zeigen, rollt von links schon Ventriglias Duo-Partnerin … … eine Kreissäge herein – denn weil auch Sichhäuten naturgemäß nichts hilft gegen die Übermacht der Jugend, sägt sie sich spektakulär und konsequent einen Tanz-Fuß ab.

Und tanzt dann -ganz inkonsequent- weiter, auf Stumpf und Krücken; auch Jutta Vulpius, stimmlich noch immer prächtig disponiert, bekommt so ein schmerzhaftes Double ver-passt, das als weiblicher Christus mit blutender Scham, als Christa am Kreuz sozusagen aus dem Bühnenboden herauf gefahren wird - Kresniks "Villa Verdi"-Phantasie erzählt jenseits der Ausweglosigkeit auf der Flucht vor dem Alter und dem unabwendbar heraufziehenden letzten Vorhang auch vom unbändigen Willen zum Überleben; oder, trauriger gesagt, vom Nicht-Abschied-nehmen-Können. Am Schluss scheint dramatisch die Decke der Villa einzustürzen, und ein eines der Schminktischchen vom Anfang fährt jetzt einsam brennend über die Bühne – Zukunft sieht anders aus; Kresnik sieht schwarz für sich und all die alten Freunde.
Hoffentlich behält er unrecht, der große Alte.

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