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StartseiteRock et ceteraKreischende Gitarren, peinliche Tagebuch-Einträge02.02.2020

Die Band Porridge Radio Kreischende Gitarren, peinliche Tagebuch-Einträge

Die bisherigen Veröffentlichungen von Porridge Radio waren von roher Do-it-yourself-Anmutung geprägt. Mit dem ersten offiziellen Studioalbum haben die Musiker ihre Arbeitsweise professionalisiert, aber ohne an Eindringlichkeit zu verlieren.

Von Anke Behlert

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(El Hardwick)
Produzieren trotz des Namens keinen Soundmatsch: Die Band Porridge Radio aus Brighton (El Hardwick)
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Dana Margolin: "Eigentlich ist mir alles, was ich sage oder tue, irgendwie peinlich. Aber wenn man versucht, offen und ehrlich zu sein, passiert das eben. Auf der anderen Seite schafft man so eine Verbindung mit anderen Leuten. Und das will ich auch mit meinen Songs erreichen. Anfangs wollte ich damit meine Gefühle und Gedanken für mich selbst erkunden. Dann habe ich die Songs mit anderen geteilt und gemerkt, dass sie sich darin wiederfinden."

Und das ist nicht verwunderlich, denn Dana Margolins Texte sind direkt, ihre Emotionen darin greifbar und unkaschiert. Depressionen, zerfallende Beziehungen, Langeweile - man kann gar nicht anders, als bei dem ein oder anderen Song zu denken: ich weiß genau, was sie meint.

Dana Margolin ist in London aufgewachsen und zum Studieren in die Küstenstadt Brighton gezogen. Dort hat sie 2012 angefangen, Songs zu schreiben. Zunächst nur allein im Schlafzimmer, ihre ersten Auftritte hatte sie bei Open Mic-Nights.

Dana Margolin: "Es hat Spaß gemacht und war ziemlich nützlich. So kann man lernen, was bei Auftritten wichtig ist und Erfahrung sammeln, bevor man sich seinen Freunden präsentiert. Manchmal saßen dort nur ein paar alte Männer, die überhaupt nicht interessiert hat, was ich tue. Und ich habe mir die Seele aus dem Leib gesungen. Aber das war ok, ich konnte an meinem Aufreten arbeiten und herausfinden, wie ich gesehen werden will."

Anregendes Umfeld im alten Seebad

Irgendwann war ihr das Alleinspielen zu eintönig, und sie rekrutierte aus dem weiteren Freundeskreis ein paar Bandmitglieder. Bis auf Drummer Sam Yardley konnte keiner sein Instrument richtig spielen, aber auch aus Dilettantismus können bekanntlich großartige Songs entstehen. In Brightons extrem aktivem DIY-Umfeld fanden sie außerdem genau die Unterstützung, die sie brauchten.

Dana Margolin: "Es gibt eine große Szene, ständig finden Konzerte statt, es gibt viele tolle Bands, die sich gegenseitig aushelfen. Wir haben sehr viel live gespielt, mitunter drei Konzerte in der Woche in derselben Straße. Wir haben alles mitgenommen, was ging. In einer größeren Stadt wäre das viel schwieriger gewesen."

Ihr erstes Album "Rice, Pasta and other fillers" haben sie noch im Schuppen von Drummer Yardley aufgenommen. Auf "Every Bad" - ihrem ersten richtigen Studioalbum - sind Vision und Ambitionen größer. Lo-Fi und Schlafzimmer war einmal, jetzt kreischen die Gitarren oder schwelgen im Widerhall, ein dröhnendes Schlagzeug lässt das Zwerchfell erzittern. Porridge Radio streifen Dreampop, Shoegaze, Psychedelic- und Indierock.

Zupfen, schrammeln, tosen und eine Vorliebe für PJ Harvey

Aber egal in welche Richtung sich ihre Musik bewegt, Margolins Gesang, der mal inbrünstig-entschlossen, mal zornig-verzweifelt klingt, hält alles zusammen. Ihre Texte wirken dabei aber nicht wie peinliche Tagebucheinträge. Es sind kurze, einfache Statements, die sie mantra-artig wiederholt - eine wütende Meditation. Wie zum Beispiel im Song "Sweet", in dem sich gezupfte Gitarrensaiten mit tosenden Schrammelriffs abwechseln. 

Trotz der inzwischen professionelleren Herangehensweise bleiben die Markenzeichen der Band - emotionale Intensität und Direktheit der Songs - erhalten. Eine Qualität, die Dana Margolin auch bei anderen Künstlerinnen sucht.

Dana Margolin: "Was das Songschreiben betrifft, mag ich Leute, die schonungslos und unverstellt ihre Gefühle ausdrücken, wie Cat Power, vor allem ihre frühen Sachen, oder PJ Harvey. Das finde ich sehr inspirierend und das ist auch mein Ziel beim Schreiben."

Die Songs haben etwas Reinigendes, und am Ende des Albums fühlt man sich tatsächlich ein bisschen leichter. Passend dazu singt Dana Margolin im letzten Stück "Homecoming Song": There’s nothing inside – Da ist nichts drin. Aber das kann man von Porridge Radio wirklich nicht behaupten. Ob sie die beste Band der Welt sind, darüber mag man geteilter Meinung sein. Mit "Every Bad" setzen sie in jedem Fall ein Ausrufezeichen, das durch die satt klingende Produktion noch größer wird.

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