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StartseiteForschung aktuellDie Bande der Mördermäuse20.10.2008

Die Bande der Mördermäuse

Eingeschleppte Mäuse entwickeln ungewöhnliche Vorlieben

<strong>Biologie. - Gough ist eine kleine, unwirtliche Insel mitten im Südatlantik, auf halbem Weg zwischen Kapstadt und Buenos Aires. Das Vogelparadies gehört zum Unesco-Welterbe. Doch eine menschgemachte Nagetierplage bedroht die tierischen Ureinwohner.</strong>

Von Dagmar Röhrlich

Eine fleischfressende Maus von Gough-Island und die Reste eines Sturmvogel-Kükens. (Universität Kapstadt/Wanless, Angel)
Eine fleischfressende Maus von Gough-Island und die Reste eines Sturmvogel-Kükens. (Universität Kapstadt/Wanless, Angel)

Gough war für den Tristan-Albatros und den Schlegel-Sturmvogel ein Paradies: Während sie anderswo vom Menschen fast ausgerottet worden sind, hatten sie auf der einsamen Insel ihre Ruhe. Trotzdem steht es schlecht um ihre Zukunft: Sie könnten aussterben, denn die Überlebensrate der Jungvögel ist erstaunlich gering. Nur jeder fünfte verlässt das Nest lebendig. Nächtliche Videoaufnahmen verraten: Die gewöhnliche Hausmaus ist schuld daran.

"Die Hausmaus ist das einzige Säugetier auf Gough. Sie kam vor etwa 200 Jahren mit Robbenfangschiffen an und verbreitete sich wie eine Pest über die Insel. Dort wird sie ungeheuer groß: Die Mäuse wiegen mehr als 40 Gramm und werden fast 30 Zentimeter lang. Es sind wirklich riesige Tiere,"

erklärt Ross Wanless von der Universität Kapstadt. Das Phänomen, das die Mäuse wachsen lässt, heißt Insel-Gigantismus: Kleine Tiere können auf Inseln über Generationen hinweg größer und größer werden. Ungewöhnlich jedoch ist die Überlebensstrategie, mit der die Mäuse die kalten und vor allem feuchten Winter auf Gough überstehen:

"Im Winter, wenn es wenig zu fressen gibt, haben sie gelernt, die Küken des Tristan-Albatros und des Schlegel-Sturmvogels zu attackieren. Beide sind Winterbrüter. Diese Vögel haben sich auf einsamen Vulkaninseln entwickelt und kannten keine Säugetiere, bis die Maus kam. Deshalb können sie sich nicht wehren. Die erwachsenen Vögel begreifen gar nicht, was passiert und lassen die Mäuse gewähren - und die Küken sind hilflos. Für die Mäuse sind die Küken eine leichte Beute, das haben sie gelernt, und sie geben dieses Wissen von einer Generation auf die nächste weiter. Sie greifen die Küken an und knabbern sie zu Tode."

Es ist, als ob eine Hauskatze ein Nilpferd fressen würde, vergleicht Ross Wanless. Der harte Überlebenskampf auf Gough machte die Mäuse außergewöhnlich aggressiv und ungewöhnlich gelehrig. Für sie sind die großen Küken ein Festbankett:

"Sie scheinen die Küken in Gruppen zu attackieren, aber das ist kein koordinierter Angriff. Meist beginnen einzelne Mäuse. Der Geruch des Bluts lockt die anderen an. Dann sind plötzlich Schwärme von bis zu zehn Mäusen um einen einzigen Vogel. Einige fressen, andere erkunden ihr Opfer. Es sind ziemlich dramatische Bilder."

Die Videos aus den Albatros-Nestern zeigen Jungvögel mit klaffenden Wunden und heraushängenden Gedärmen. Die Mäuse beißen die Küken, bis sie verbluteten oder an Infektionen starben.

"Wir haben für die Tristan-Albatrosse die Folgen der Mäuseattacken untersucht. Es überleben einfach zu wenig Küken. Weil außerdem viele erwachsene Tiere der Langleinenfischerei auf Thun- und Schwertfisch zum Opfer fallen, sieht es so aus, als nähme die Population der Tristan-Albatrosse sehr schnell ab."

Um Albatros und Schlegel-Sturmvogel zu retten, sollen die Mäuse von der Insel verbannt werden. Labor- und Feldversuche laufen, um unbeabsichtigte Nebeneffekte zu vermeiden:

"Die Mäuse sollen mit Hilfe von Helikoptern ausgerottet werden, mit denen wir Giftköder auf der Insel verteilen wollen. Wir müssen jeden Quadratmeter erreichen. Gough ist sehr zerklüftet, trotzdem soll jede Maus mehr als ihre tödliche Dosis abbekommen. Deshalb entwerfen wir gerade ein Gitternetz, das wir abfliegen werden. Außerdem testen wir, ob die Mäuse die Köder wirklich mögen - und ob es bei der Mäusebande nicht vielleicht Anführer gibt, die die Nahrung horten und die anderen nicht herankommen lassen."

Außerdem gibt noch ein großes Problem, erklärt Peter Ryan von der Universität Kapstadt:

"Wir müssen unbeabsichtigte Vergiftungen so weit wie möglich vermeiden. Wir führen wir die Aktion im Winter durch, wenn die meisten Vögel fort sind. Besondere Kopfschmerzen bereitet uns jedoch das flugunfähige Gough-Teichhuhn. Auch dieses Teichhuhn wird von den Ködern fressen. Wir müssen dafür sorgen, dass eine überlebensfähig große Population dieser Vögel vor den Ködern geschützt wird."

In fünf Jahren soll die Aktion beginnen, hoffen die Forscher. Sonst gehört Gough bald ganz den intelligenten Riesenmäusen.

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