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StartseiteKommentare und Themen der WocheJetzt muss es um den Exit gehen06.04.2020

Die Beschränkungen der CoronakriseJetzt muss es um den Exit gehen

In der Coronakrise sei es nun an der Zeit, dass wieder die Politik das Ruder übernehme, kommentiert Frank Capellan im Dlf. Eine schrittweise Lockerung der Beschränkungen nach dem 19. April müsse das Ziel sein. Dafür müssten wir aber auch noch besser über die Krankheit Bescheid wissen.

Von Frank Capellan

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Zur Eindämmung des Coronavirus wurden Geschäftsschließungen, Einschränkungen und Kontaktsperren angeordnet und werden Ausgangssperren diskutiert, das Foto zeigt zusammengestellte Tische und Stühle in einem gastronomischen Betrieb, Gastronomie, Cafe, Bäckerei, Bäcker, Lokal am Flughafen Bremen, Airport, geschlossen, ausser Betrieb, vereinsamt, Flugbetrieb, Luftverkehr, eingeschränkt, Tourismus, Reise, Reisen, travel, Luftfahrt, Fluggesellschaft, Airline, Kamps Backstube, Backshop, 30.03.2020, Bremen (Deutschland), News, Coronavirus, Impressionen aus Bremen | Verwendung weltweit (picture alliance / foto2press / Oliver Baumgart)
Eine Wirtschaftskrise könnte mehr Tote fordern als Corona, beschreibt Frank Capellan in seinem Kommentar (picture alliance / foto2press / Oliver Baumgart)
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Wir werden von Virologen regiert! Und das ist auch gut so. Denn allzu lange hat es gedauert, ehe sich die Wissenschaftler überhaupt Gehör verschaffen konnten. Allmählich aber sollte die Politik das Ruder wieder übernehmen. Denn alternativlos ist der Stillstand nämlich nicht mehr. Das Murren über den resoluten Kurs der Kanzlerin wird hörbarer.

Juli Zeh, Schriftstellerin und Verfassungsrichterin, mahnt mehr Verhältnismäßigkeit an, Wirtschaftswissenschaftler fürchten, dass eine Weltwirtschaftskrise am Ende mehr Opfer fordern könnte als die Seuche selbst. "Operation gelungen, Patient tot" - so weit darf es nicht kommen.

Illustration zum Thema Exit-Strategien für Maßnahmen gegen das Coronavirus (picture alliance / xim.gs) (picture alliance / xim.gs)Ausstiegsszenarien: Wie Deutschland zur Normalität zurückkehren könnte
Noch mindestens bis zum 20. April befindet sich Deutschland im Corona-Stillstand. Doch bereits jetzt planen die Fachleute den Ausstieg. Welche Szenarien spielen dabei eine Rolle – und welche Risiken sind damit verbunden?

Eine Diskussion über den richtigen Weg wurde von Anfang an abgewürgt, wie die Lemminge sind wir Politikern und eben auch Virologen gefolgt. Verständlicherweise, richtigerweise! Zu groß war der Schock, zu gewaltig die Angst vor italienischen Verhältnissen.

Die Zweifel aber sind mit jedem Tag gewachsen: Experten widersprechen sich, eine Maskenpflicht, ist plötzlich auch in Deutschland ein Thema, die anzustrebende Verdoppelungsrate bei den Infiziertenzahlen wurde zunächst von der Bundesregierung mit zehn, dann mit zwölf bis 14 Tagen angegeben.

Strengere Maßnahmen zeigen inzwischen Wirkung

Andererseits zeigen die strengen Maßnahmen inzwischen Wirkung: Der Anstieg der Ansteckungen schwächt sich ab, die Zahl der Intensivbetten wurde auf 40.000 erhöht, die Produktion von Atemmasken im eigenen Land ist angelaufen, Corona-App und Antikörpertests stehen vor dem Durchbruch. Selbst Gesundheitsminister Jens Spahn soll angesichts dieser Entwicklung davor gewarnt haben, die Geduld der Menschen überzustrapazieren.

Coronavirus (imago / Science Photo Library)Alle Beiträge zum Thema Coronavirus (imago / Science Photo Library)

Österreich zeigt einen Weg, der nach dem 19. April auch für Deutschland gangbar sein sollte: Langsame Rückkehr zu zumindest ein wenig Normalität bei gleichzeitig deutlich verstärktem Schutz für Ältere, für Kranke und Menschen mit geschwächtem Immunsystem.

Voraussetzung ist Wissen: Wissen darüber wie viele Menschen bereits immun sind. Voraussetzung ist Kontrolle. Freiwilligkeit bei der Weitergabe von Handy-Daten zum Schutz vor Infizierten wird nicht reichen. Wer Grundrechte wieder in Kraft setzen will, muss bereit sein, sie dafür an anderer Stelle einzuschränken.

Dass heute für Rückkehrer aus dem Ausland eine zweiwöchige Quarantäne angeordnet wird, zeigt, dass die Bundesregierung noch die falschen Schwerpunkte setzt. Daran ist zwar nichts falsch, nur kommt es viel zu spät, nachdem Zehntausende aus dem Urlaub zurück nach Deutschland geholt wurden, ohne Quarantäneanordnung.

Jetzt muss der Exit im Vordergrund stehen

Jetzt aber muss der Exit im Vordergrund stehen: Eine schrittweise Lockerung der Beschränkungen wurde schon vor zwei Wochen in einem vertraulichen Papier des Innenministeriums als oberstes Ziel ausgegeben: "Entscheidend ist", heißt es darin, "dass es zum einen gelingt, die exponentielle Verbreitung des Virus zu stoppen und die Ansteckungsrate vor Ostern auf unter 1 zu senken." Ein Mensch soll also im Durchschnitt weniger als einen anderen anstecken.

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Wenn das tatsächlich erreicht wird, ist es allerhöchste Zeit, dass die Politik das Regieren wieder übernimmt, bei allen Risiken, auf die die Virologen auch dann noch verweisen werden.

Frank Capellan, Hauptstadtstudio (Deutschlandradio / Bettina Straub  )Frank Capellan, Hauptstadtstudio (Deutschlandradio / Bettina Straub )Frank Capellan, geboren 1965 im Rheinland, studierte Publizistik, Neuere Geschichte und Politikwissenschaften, Promotion an der Universität Münster. Nach einer Ausbildung bei der Westdeutschen Zeitung folgte ein Volontariat beim Deutschlandfunk, dem er bis heute treu geblieben ist. Zunächst Moderator der Zeitfunk-Sendungen, unter anderem der Informationen am Morgen; seit vielen Jahren als Korrespondent im Hauptstadtstudio tätig, dort u. a. zuständig für die SPD und Familienpolitik.

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