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StartseiteCampus & KarriereDie Bräuche der Abiturienten18.04.2003

Die Bräuche der Abiturienten

Professor für Volkskunde untersucht Rituale beim Abitur

<strong> In Deutschland sind Rituale vor allem im Schulbereich beliebt - sei es die obligatorische Schultüte, die Feuerzangenbowle oder die berühmt-berüchtigten Abi-Feiern. Rituale zum Eintritt in die Universität sind kaum bekannt. Dafür werden Uni-Abschluss-Rituale immer beliebter. Werner Mezger, ehemaliger Gymnasial-Lehrer und heute Professor für Volkskunde an der Albert Ludwigs Universität Freiburg fiel auf, dass die Abi-Bräuche im Lauf der letzten Jahrzehnte immer pompöser wurden. Er fragte sich, ob es einen Zusammenhang gibt zwischen der schleichenden Entwertung des Abiturs und den expandierenden Abi-Abschlussgags. </strong>

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In seinem Buch "Die Bräuche der Abiturienten - vom Kartengruß zum Supergag" verfolgt Werner Mezger die Geschichte von Abi-Bräuchen in den letzen Jahrzehnten: Vor 60, 70 Jahren, als der Abgang vom Gymnasium noch mit hohem Sozial-Prestige verbunden war, verschickten die frischgebackenen Abiturienten noch Postkarten mit originellen Bildern an Verwandte und Freunde. Es ging darum mitzuteilen: "Ich habe jetzt Abitur". Ende der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts ging ein Ruck durch die Gesellschaft, der alles veränderte - auch die bis dahin eher steifen Abitur-Feiern. Auf einmal galt es als schick, auf Formen zu verzichten - es ging darum das Gymnasium möglichst sang- und klanglos zu verlassen

Alle aufgeblasenen Schlussansprachen und Feiern, die dann meistens auch von oben verordnet waren, hat man spätestens ab 1968 nicht mehr sehr geschätzt. Und man ließ sich eher das Abitur in Form eines Formulars per Umschlag nachschicken, als dass man es sich mit Schlips und schwarzem Anzug abgeholt hätte. Das hat sich dann im Laufe der nächsten Jahrzehnte stark geändert. Man sucht wieder nach Form. Form allerdings, die man mit karnevalesken Zutaten noch etwas anreichert.

Auffallend sei, so Mezger, dass Schüler heutzutage ein großes Interesse daran hätten, das bestandene Abitur mit einem finalen Event zu feiern. Die Rede ist vom berühmt-berüchtigten Abi-Gag, bei dem sich in den letzten 20 Jahren ganz bestimmte Struktur-Elemente herausgebildet hätten: Zwingend erforderlich bei diesem Ritual sei eine Unterrichtsblockade - sozusagen ein Geschenk der Abiturienten an die anderen Schüler. Zweitens gehöre eine Spiel-Aktion dazu, in die Lehrer und Schüler verwickelt sind. Und schließlich müsse unbedingt ein Sensationscoup dabei sein..

Da wird zum Beispiel eine Vertiefung im Schulhof mit Tausenden von Litern Wasser gefüllt und die Feuerwehr dazu bemüht. Da werden ganze Räume - das Lehrerzimmer selbstverständlich auch - mit Luftballons angefüllt und zwar mit Tausenden von Luftballons, so dass es Zutritts-Probleme gibt.

Dieser obligatorische Sensationscoup steht laut Mezger mittlerweile unter hohem Erwartungsdruck. Jede Abi-Generation versuche die Vorgänger zu übertreffen. Vielen Schulabgängern gehe es dabei auch darum sich ein Denkmal zu setzen nach dem Motto: "Vergesst uns nicht, wir waren auch mal hier". Für den Volkskundler Werner Mezger hat dieses Verhalten einen Hilferufcharakter

Heute möchte man sich - zumal man in eine Zukunft geht, die ja recht unsicher ist, Boden betritt, von dem man nicht weiß, wie tragfähig er sein wird - da möchte man sich rückversichern und zumindest noch ein Erinnerungszeichen in der Welt zurücklassen, aus der man gerade eben ausgeschieden ist.

Bräuche und Rituale sind für Mezger zeichenhafte Handlungen, hinter denen man Befindlichkeiten, Mentalitäten, Wünsche, Hoffnungen, Sehnsüchte und Enttäuschungen ausmachen kann. Das Studium von Abi-Ritualen in Deutschland führte Werner Mezger zu folgender These:

Je mehr das Abitur entwertet wird, desto stärker prägen sich diese Abitur-Scherze aus. Man könnte sogar zugespitzt sagen, dass je stärker die Inhalte implodieren - die Inhalte dessen, was man hinter sich gebracht hat - desto mehr explodieren oder zumindest expandieren die formalen Elemente, mit denen man den Abgang von der Schule markiert.

Universitäre Eingangsrituale gäbe es in Deutschland so gut wie gar nicht - vielleicht - so Mezger - liegt es daran, dass sich die ehemaligen Gymnasiasten erst einmal in den langen, kafkaesken Fluren der Universität zurechtfinden müssen. Abgangsrituale kommen allerdings wieder stark in Mode. Mezger hat festgestellt, dass Studierende heutzutage wieder verstärkt Wert auf eine formale akademische Abschlussfeier legen, bevor sie die Alma Mater mit ihrem Magisterabschluss oder gar der Promotion verlassen

Da darf auch musiziert werden. Da kann schon auch mal im Audimax die Orgel spielen oder zumindest ein akademisches Orchester irgend etwas Schönes intonieren. Da erwartet man auch eine Rede, wenn nicht vom Rektor, so zumindest vom Dekan. Und da erwartet man eine kurze Rede z.B. eines Doktoranden oder einer Doktorandin, die ihre Arbeit mit "summa cum laude" abgeschlossen haben. All das sind Dinge, die man sich vor 10-15 Jahren eigentlich noch kaum hätte vorstellen können. Und wieder muss man sich fragen, ob hier nicht die Implosion der Inhalte mit einer Explosion der äußeren Form korreliert. Ich sage es bewusst sehr prononciert, aber die Richtung ist damit zumindest angedeutet.

[Autor: Sebastian Bargon]

Literatur

Werner Mezgers Buch heißt "Die Bräuche der Abiturienten - vom Kartengruß zum Supergag" (Konstanz 1993, UVK spezial ISBN 3-87940-438-0)

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