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StartseiteTag für TagZwei Kirchenmusiker und ihre Rolle im Nationalsozialismus 14.12.2016

Die Brüder MauersbergerZwei Kirchenmusiker und ihre Rolle im Nationalsozialismus

Die Brüder Rudolf und Erhard Mauersberger haben die Kirchenmusik im 20. Jahrhundert stark geprägt. Der ältere als Leiter des Dresdner Kreuzchores, der jüngere als Thomaskantor in Leipzig. Bis heute wird ihre Arbeit hoch geschätzt. Dass beide überzeugte Nationalsozialisten waren, wurde lange Zeit ausgeblendet.

Von Carsten Dippel

Trotz NS-Vergangenheit wird er bis heute verehrt: Thomaskantor Erhard Mauersberger, hier bei einer Probe 1969. (picture-alliance / dpa / Waltraud Grubitzsch)
Trotz NS-Vergangenheit wird er bis heute verehrt: Thomaskantor Erhard Mauersberger, hier bei einer Probe 1969. (picture-alliance / dpa / Waltraud Grubitzsch)
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Wie in jedem Jahr so wird auch an diesem Heiligabend in der Eisenacher Georgenkirche, in der Johann Sebastian Bach getauft wurde, die Christvesper erklingen. In einer festen Ordnung, mit Bach und Händel, mit Weihnachtsliedern und der Kurrende. Ein festliches Programm wie es Erhard Mauersberger vor vielen Jahrzehnten einführte.

"Er war prägend für mich in unbedingter Verpflichtung einer Sache gegenüber, der eigenen Überzeugung folgend. Es muss einen - so habe ich das bei ihm eigentlich auch empfunden - humanistischen Grund gegeben haben, auf dem er verwurzelt war und nur diesen Ideen ist er gefolgt", sagt Jörg Peter Weigel, der Erhard Mauersberger als Thomaner erlebt hat.

Heute ist er Dozent an der Musikhochschule Hanns Eisler in Berlin. Die Stelle des Thomaskantors in Leipzig hatte Erhard Mauersberger kurz vor dem Mauerbau angetreten. Während er die Thomaner dirigierte, leitete sein älterer Bruder Rudolf den Dresdner Kreuzchor. Ein Brüderpaar, das zu den bedeutendsten Kirchenmusikern des 20. Jahrhunderts zählt. Beide werden ob ihrer Verdienste nicht zuletzt um die Rezeption von Bach bis heute hochgeschätzt. Doch das Bild hat Risse bekommen.

Mitarbeit beim 'Entjudungsinstitut'

"Das Verstörendste ist, dass Mauersberger beteiligt war an einer der unheiligsten Unternehmungen der evangelischen Christen: an der Arbeit im 'Entjudungsinstitut', das in Eisenach angesiedelt war", sagt Jörg Hansen, Direktor des Eisenacher Bachhauses.

Er hat sich vor einigen Jahren im Landeskirchenarchiv die Akten zum berüchtigten "Entjudungsinstitut" angeschaut. Ein 1939 unter der Flagge der Deutschen Christen gegründetes kirchliches Institut zur, wie es hieß, "Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben". Es galt, den Kampf gegen das Judentum theologisch zu untermauern und in die Gemeinden zu tragen. Etwa mit einem "entjudeten" Gesangbuch. In der Akte findet sich auch der Name Erhard Mauersberger. Jörg Hansen:

"Die Zielrichtung war dort, alle Lieder wegzulassen, die 'jüdisch sind in Wort und Denken, die von ausgeprägter dogmatistischer Haltung sind oder, drittens: die süßlich geschmacklos oder dichterisch unmöglich sind'. Da gab es viel Streit um diese Fragen, was dort hineinkommt. Mauersberger machte die Kärrnerarbeit. Er hat die Manuskriptfassung hergestellt, er hat den Notensatz hergestellt und noch ein begleitendes Choralbuch zu dem Gesangbuch entworfen, das dann 1942 auf der Wartburg in einem Festakt vorgestellt wurde."

Musik als Propagandamittel

Erhard Mauersberger hatte 1930 den Bachchor in Eisenach übernommen, den sein Bruder wenige Jahre zuvor gegründet hatte. Wie Rudolf, NSDAP-Mitglied seit 1933, gehörte auch Erhard Mauersberger den Deutschen Christen an. Er engagierte sich im "Kampfbund für deutsche Kultur" und anderen nationalsozialistischen Organisationen. Mit seinem Bachchor beteiligte er sich regelmäßig an musikalischen Aufführungen zu Propagandazwecken. Gerade die Musik Bachs, zu deren Wertschätzung er maßgeblich beitrug, genoss hohes Ansehen beim Regime. Zum sogenannten Reichsbachfest 1935 schrieb Erhard Mauersberger:

Ein engagierter Nazi: Erhard Mauersberger mit NSDAP-Parteiabzeichen (Landeskirchenarchiv Eisenach)Ein engagierter Nazi: Erhard Mauersberger mit NSDAP-Parteiabzeichen (Landeskirchenarchiv Eisenach)

"Es darf am Ende des Bachjahres 1935 keinen Kirchenmusiker und keinen Kirchenchor geben, die sich nicht in den Dienst des 'fünften Evangelisten', wie ihn der schwedische Bischof Söderblom genannt hat, gestellt haben. Und dies mit der heiligen Begeisterung in sich, auch weiterhin mit ganzer Kraft und innerer Verantwortung dem Ziel zu dienen, das deutsche Volk zu durchdringen mit Bachscher Musik und Bach'schem Geist, die deutsch bis ins Letzte sind."

War das Mitläufertum oder Überzeugung? Immerhin konnte Erhard Mauersberger im Krieg lange Zeit einer Einberufung entgehen durch die begehrte "Unabkömmlichstellung". Seinen Parteieintritt 1937 verschwieg er später. Und wie bei so vielen hat sich auch bei den Mauersberger-Brüdern nach dem Krieg schnell die Legende von der "inneren Opposition" durchgesetzt. Dazu Jörg Hansen vom Eisenacher Bachhaus:

"Warum beteiligt sich jemand in solchem Ausmaß? Von innerer Opposition kann hier wirklich nicht mehr die Rede sein. Sondern es passt einfach alles in die Geisteshaltung, die ja letztlich durch die Eintritte in die NS-Organisationen auch belegt ist."

Am Reformationstag 1943 wurde in der Eisenacher Georgenkirche das Händel-Oratorium "Judas Maccabaeus" aufgeführt. Freilich ideologisch bereinigt, in einer Fassung von Hermann Stephani unter dem Namen "Der Feldherr". Eine perfide Umdichtung des Barockwerkes, das alle Bezüge zum Alten Testament und zum Judentum rauswarf. Aufgeführt von Erhard Mauersberger mit seinem Bachchor. Jörg Hansen:

"Das ist der Ton der Zeit, aber es dürfte durchaus auch eine innere eigene Haltung widergespiegelt haben. Solche Sachen konnte man einem Kirchenchorleiter nicht vorschreiben. Der hätte ja auch ein ganz anderes Stück aufführen können, aber er hat eben sich diese Propaganda herausgesucht und sie dann in Bachs Taufkirche aufgeführt."

Bereinigtes Andenken

Tief im Erzgebirge liegt das beschauliche Mauersberg, Geburtsort der beiden Brüder. Hier gibt es ihnen zu Ehren ein Museum. Es war zu DDR-Zeiten auf private Initiative hin errichtet worden. Bis heute pilgern ehemalige Thomaner und Kruzianer hierher. Über die aktive Rolle der Mauersberger-Brüder im Nationalsozialismus erfährt der Besucher allerdings nichts. Auch die nach den Brüdern benannte evangelische Oberschule in der Gemeinde macht um das unbequeme Kapitel lieber einen Bogen. Aber selbst in Leipzig ist das kaum anders, wie Thomaskantor Gotthold Schwarz erzählt. Er hatte Erhard Mauersberger als Schüler erlebt:

"Das hat eigentlich überhaupt keine Rolle gespielt, also mir ist das nicht bekannt gewesen, in welcher Weise da sich die beiden Brüder engagiert haben. Das ist mir völlig unbekannt und das hat auch eigentlich in dem Bild über die beiden Brüder musikalisch und auch menschlich eigentlich nie eine Rolle gespielt."

Kreuzkantor Rudolf Mauersberger 1964 in Dresden. Auch er war Mitglied bei der NSDAP und den Deutschen Christen. (ADN Löwe)Kreuzkantor Rudolf Mauersberger 1964 in Dresden. Auch er war Mitglied bei der NSDAP und den Deutschen Christen. (ADN Löwe)

Ähnlich erging es auch dem ehemaligen Thomaner Jörg Peter Weigle: "Über die Probleme vor 1945 habe ich eigentlich erst nach der Wende erfahren. Ich war etwas verwundert, weil ich Erhard Mauersberger während der DDR-Zeit kennengelernt habe als jemand, der nun wirklich nicht nach dem politischen System schielt und mit dem politischen System sich gemein macht, um irgendwelche Vorteile haben zu wollen. Und insofern war mir das, was ich da gehört habe, in der Tat unvorstellbar."

Erhard Mauersberger war auch zu DDR-Zeiten eine unumstrittene Figur in der Bachpflege, Präsident des Bachkomitees, Träger des Vaterländischen Verdienstordens in Bronze. Eine Reflexion über das, was er vor 1945 tat, blieb aus. Auch in Biographien zu den beiden Brüdern ist das lange Zeit nicht thematisiert worden. Und noch immer sind für Jörg Hansen viele Fragen offen:

"Eine der schönsten Kantaten Bachs 'Wachet auf, ruft uns die Stimme' ist als jüdisch eingestuft worden. Und ich weiß nicht, wie man da innerlich mit fertig wird. Er musste doch wissen, dass das alles Blödsinn ist, was hier passiert. Warum macht man sich in diesem Projekt unentbehrlich und nicht in einem anderen Projekt? Und wie kann man das mit sich und als Künstler vereinbaren?"

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