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StartseiteBüchermarktDie Chance, menschlich zu sein18.05.2007

Die Chance, menschlich zu sein

Der Roman "Schattenfuchs" des isländischen Autors Sjón

Eine junge Frau stirbt und der Mann, der sie auf dem Friedhof beerdigt, geht anschließend auf die Fuchsjagd. Um die erdbraune Füchsin nicht zu verlieren, übernachtet er im Schneesturm. All seine Sinne sind auf diese Füchsin gerichtet. In seinem nur 120 Seiten umfassenden Roman "Schattenfuchs" nimmt der isländische Schriftsteller Sjón, der mit vollständigem Namen Sigurjón Birgir Sigurdsson heißt, seine Leser mit auf eine Reise in die Kälte, die Kälte der hohen Breitengrade und die Kälte der Herzen.

Von Mechthild Müser

Begegnung von Fuchs und Jäger (Stock.XCHNG Hans Stenstrom)
Begegnung von Fuchs und Jäger (Stock.XCHNG Hans Stenstrom)
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"Ein literarischer Juwelendieb"

Zitternd steht er auf dem Gletschergeröll und atmet die kühlende Bergluft. Die Morgensonne segnet und heilt. ..Da keckert ein Fuchs auf dem Geröllfeld ganz unten am Eingang des Tals. Der Skugga-Baldur spitzt die Ohren ... . Die Duftmarke ist eindeutig: eine läufige Fähre. Die Wollust glimmt in seinen Augen, ... er wird der erste sein, der sich zum Liebesspiel bei ihr einfindet.
Es ist der Frühling vor der Ankunft des Menschen.


Der Mensch wird sie verändern, diese Welt. Er gehört nicht hierher. Die Geräusche, die er bringt, klingen anders. Es sind Schüsse.

Die Geschichte spielt innerhalb weniger Tage im Winter des Jahres 1883: Eine junge Frau stirbt und der Mann, der sie auf dem Friedhof beerdigt, geht anschließend auf die Fuchsjagd. Pfarrer Baldur ist vertraut mit dem Schnee, mit dem Eis, mit den Stürmen. Um die erdbraune Füchsin nicht zu verlieren, auf deren Spur er sich gesetzt hat, lässt er sich einschneien. Er übernachtet im Schneesturm, ohne körperlich Schaden zu nehmen. All seine Sinne sind auf diese Füchsin gerichtet.

Sie liegt fest zusammen gerollt, das Hinterteil in Windrichtung und die Schnauze unter dem Hinterlauf vergraben ... dennoch lässt sie den Mann nicht aus den Augen, der reglos dort unter der Schneewehe kauert ... - seit ungefähr 18 Stunden. Der Schneesturm hat ihn zugeweht, nun erinnert er am ehesten an einen verschneiten Mauerrest.
Doch eines darf das Tier auf keinen Fall vergessen: dass er ein Jäger ist.


Der Autor wiederholt diese Zeilen der ersten Seite am Ende des Kapitels - kurz bevor der Schuss fällt. Der Jäger und die Gejagte. Das geheimnisvolle Band, das sich zwischen ihnen entspinnt. Wie sie auf geradezu unheimliche Weise voneinander Besitz ergreifen.

In seinem nur 120 Seiten umfassenden Roman "Schattenfuchs" nimmt der isländische Schriftsteller Sjón, der mit vollständigem Namen Sigurjón Birgir Sigurdsson heißt, seine Leser mit auf eine Reise in die Kälte, die Kälte der hohen Breitengrade und die Kälte der Herzen. Die Figuren seiner Geschichte lassen sich an den Fingern einer Hand abzählen. Da sind Pfarrer Baldur, der Jäger, und sein einfältiger Gehilfe Hálfdan, außerdem der Naturforscher Fridrik, der einige Jahre in Kopenhagen Arzneimittel- und Kräuterkunde studiert hat. Nach dem Tod seiner Eltern kehrt er nach Island zurück und bewirtschaftet den Einödhof gemeinsam mit einer jungen Frau namens Abba. Er hat sie aufgenommen, denn im Dorf wurde sie wie ein Tier im Käfig gehalten, ausgestoßen, weil sie am Down-Syndrom leidet. Ein Wunder, dass sie überhaupt überlebt hat, denn Säuglinge mit Behinderungen werden von den Hebammen gleich erstickt.

Und dann ist da die erdbraune Füchsin. Sie hält den Pfarrer zum Narren und zieht ihn weit hinaus in die polare Wildnis, weit weg von den Menschen und allem, was an ihm selbst menschlich war.

Der 1962 in Reykjavik geborene Autor, Musiker und Performancekünstler Sjón erzählt jeweils kurze, besonders einschneidende Episoden aus dem Leben seiner Protagonisten, poetisch, verdichtet. Wie ein guter Maler, der mit wenigen Pinselstrichen Wesentliches ausdrücken kann. Doch er belässt es nicht dabei. In der intensiven Begegnung zwischen Mensch und Tier unter den unwirtlichsten äußeren Bedingungen sprengt er urplötzlich die Grenzen der realen Welt und öffnet die Tür zum Surrealen. Der toten Füchsin haucht er neues Leben ein und als der Pfarrer sie zum zweiten Mal tötet, ist es als zerfleische er seinen Bruder, den er aus tiefstem Herzen hasst:

Er packte das Hinterteil des Tieres, schnitt es der Länge nach auf, vom Hals die Wirbelsäule entlang bis zur Rute; ja, das sollte den Kerl teuer zu stehen kommen; ... seine Finger schoben sich langsam zwischen Fleisch und Haarkleid, aber das Fett ließ er stehen; vor den Bezirksrichter würde er ihn schleppen und wegen versuchten Totschlags anklagen; ... . dann bohrte er ihr den Nagel des Zeigefingers tief ins Maul und trennte so die Schnauze von der Schädeldecke; am Galgen würde er baumeln, das Großmaul, und so zog und zerrte und riss er an ihr herum, bis er das ganze Tier aus seinem erdschwarzen Pelz getrennt hatte.

Nach diesem brutalen Akt greift Sjón in die schamanische Kiste: der siegreiche Jäger bestreicht wie in einem Rausch seine Haut mit dem Talg der Füchsin, bedeckt sich mit ihrem Pelz, schluckt ihr blutiges Herz - so wie kannibalische Stämme sich die Herzen ihrer getöteten Feinde einverleiben, wenn deren Kraft auf sie übergehen soll. Auf Pfarrer Baldur geht jedoch nicht nur die Kraft über, der Autor inszeniert eine geradezu kafkaeske Verwandlung:

Pfarrer Baldur wühlte sich aus der Schneewehe. Dabei arbeitete er mit Klauen und Zähnen zugleich, er wußte nicht mehr seinen Namen, er biss und scharrte, scharrte und biss. ... Und während der Pastor an seine Grenzen stieß, wurde er immer weniger Mensch und immer mehr Tier.

Damit würde die Geschichte enden, wäre da nicht der Brief, den Fridrik zwei Monate später an seinen dänischen Freund schreibt. Ein neuer Ton klingt an, geordnet, durchdacht, ein Ton, der den Leser in die Realität zurückholt und der ihn wieder auf die Füße stellt. Fridrik deckt Pfarrer Baldurs düsteres Geheimnis auf und die Trostlosigkeit eines Lebens, dem die Liebe abhanden gekommen ist. Denn darum geht es in diesem Roman: die große Chance eines jeden, der als Mensch geboren ist, menschlich zu sein.

Zitternd steht er auf dem Gletschergeröll und atmet die kühlende Bergluft. Die Morgensonne segnet und heilt ... .. Es ist der Frühling vor der Ankunft des Menschen.

Sjón: Schattenfuchs
Aus dem Isländischen von Betty Wahl
S.Fischer 2007, 16,90 Euro

Service:
Sjón ist derzeit auf Lesereise durch Deutschland: am 20.5. Köln, 21.5. Leipzig, 22.5. Frankfurt, 23.5. Stuttgart, 24.5. Berlin.

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