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StartseiteDlf-MagazinReal existierender Rechtsextremismus10.10.2019

Die DDR und ihre NeonazisReal existierender Rechtsextremismus

Rechtsextreme Gewalttaten gibt es im Osten Deutschlands nicht erst seit der Wende. Neonazis gab es auch in der DDR, nur fand das in den Ost-Medien nicht statt. Die Öffentlichkeit erfuhr auch nichts davon, wie sehr ausgerechnet die Sicherheitsorgane in die rechte Szene verstrickt waren.

Von Sabine Adler

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Skinheads und Punker in Ost-Berlin unter sich, aufgenommen am 25. Juli 1989. Da berichteten auch Ostberliner Medienorgane, dass in der DDR die Ausländerfeindlichkeit und der Rechtsextremismus zunehmen.  (dpa)
Skinheads und Punker in Ost-Berlin im Juli 1989. Ausländerfeindlichkeit in der DDR gab es nicht erst kurz vor dem Mauerfall. (dpa)
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Stasi und Naziszene Zu wenige Akten für alle Fragen

Vieles war ungewöhnlich am 17. Oktober 1987: ein Punk-Konzert in einem Gotteshaus, in der Zionskirche in Berlin, zuerst mit der DDR-Undergroundband "Die Firma", dann mit "Element of Crime" aus dem Westen. Und dann kam der Überfall. Eine Horde Rechtsextremer stürmte von Stasi und Volkspolizei ungehindert in das Kirchenschiff.

"Die haben die in die Kirche gelassen und die haben dort mit abgebrochenen Flaschenhälsen auf die Punker eingestochen, von der Punkband wurde ein Musiker verletzt, es gab richtig Verletzte. Es kam ein Krankenauto."

Die Schriftstellerin Freya Klier war Zeugin der Neonazi-Attacke auf die Konzertbesucher. Der Pfarrer hatte sie und andere DDR-Oppositionelle kurz vor dem Konzert zur Hilfe gerufen, weil sich etwas zusammenbraute.

"In einem Lokal auf der Greifswalder Straße – das war der Nazitreff – haben Neonazis einen Kameraden verabschiedet, der für zehn Jahre freiwillig zur Armee ging, mit Nazi-Liedern, mit gestreckten Armen. Das erzählte der Pfarrer, dass die auf dem Weg sind. Und er sagte, ob wir nicht kommen könnten, die Neonazis kommen anmarschiert, es gibt ein Punk-Konzert und er ahnt schlimmes."

Zwei tote Kubaner in Merseburg

DDR-Punks wurden oft überfallen, aber auch Ausländer, Vertragsarbeiter aus Angola, Mosambik, Vietnam oder Kuba. 1979, vor genau 40 Jahren, wurden die beiden Kubaner Delfin Guerra und Raul Garcia Paret in Merseburg nach einer Massenschlägerei in einer Disco in die Saale gehetzt und starben. Horst Busch war am Tatort, auf einer Brücke, und erinnerte sich im MDR Jahrzehnte später sehr genau. Ob als Täter oder Zeuge, blieb unklar.

"Die Saale führte Niedrigwasser, höchstens 20, 30 Zentimeter hoch und die klatschten dann, das war da dieser Flug von sieben, acht Meter, das war zu hoch für 30 Zentimeter Wassertiefe. Und da ist es dazu gekommen, dass die dann auch gestorben sind."

Trotz vieler Zeugen und Tatverdächtiger wurde bis heute niemand verurteilt. Schon die DDR-Partei- und Staatsführung hatte ganz offensichtlich keinerlei Interesse an der Aufklärung, weil:

"Honecker, der Minister des Innern, der Minister für Staatssicherheit sich entschlossen hatten, jegliches Ermittlungsverfahren zu verbieten und zwei angelaufene Ermittlungsverfahren des Volkspolizei-Kreisamts Merseburg zu stoppen."

So der Rechtsextremismusforscher und Buchautor Harry Waibel 2017 im MDR. Er hat jahrzehntelang Stasiakten durchforstet und weiß von 9.000 neonazistischen, rassistischen und antisemitischen Propaganda- und Gewalttaten in der DDR.

Rechtsextremismus wurde totgeschwiegen

Doch die Öffentlichkeit bekam wenig mit, denn kaum ein Missstand wurde in der DDR so unter dem Deckel gehalten und totgeschwiegen wie Rechtsextremismus und Rassismus. Schon 1974, fünf Jahre bevor die beiden Kubaner in Merseburg getötet wurden, hat Bernd Wagner mit Rechtsextremen Bekanntschaft gemacht. Wagner war Oberst der DDR-Kriminalpolizei und stand damals am Anfang seiner Ausbildung.

"Ich habe 1974 meine ersten Impressionen gehabt in der DDR-Bereitschaftspolizei, wo ich als Wehrpflichtiger eingezogen worden war. Da war nach vier Wochen Grundlehrgang gleich großes Theater. Wir hatten dort eine Kompanie, wo sich ab 17 Uhr die Leute nicht mehr mit 'Genosse' anredeten, sondern mit 'Rottenführer', 'Sturmbannführer' und ähnlichem. Die Offiziere gingen nach Hause und dann lebte das Ganze bis zur Nachtruhe im SS-Format weiter und früh ging das kommunistische Gehabe weiter."

Zwei Männer mit kahlrasierten Schädeln und freien Oberkörpern; der eine sitzt mit ausgestreckten Beinen auf dem Fahrersitz eines Autor, der andere lehnt daran und hält eine Deutschlandfahne; im Hintergrund sieht man noch eine dritte Person. Die Gesichter der drei Männer sind anonymisiert (Deutschlandradio / privat) (Deutschlandradio / privat)Jugend in Ostdeutschland / Wir waren wie Brüder
Als die Mauer fiel, war der Autor zu alt um nichts von der Vergangenheit mitbekommen zu haben, aber zu jung um mitzureden, wie die Zukunft aussehen sollte. Daniel Schulz spricht über das Aufwachsen in den 90er-Jahren, dem Jahrzehnt, in dem auch die Menschen aufgewachsen sind, die heute Hitlergrüße zeigen und brüllen.

Wagner und andere Gleichgesinnte meldeten diese Vorfälle und bezogen für ihren angeblichen Verrat Prügel auf dem Kasernenhof. Die Schlägerei hatte Folgen, die Militärstaatsanwaltschaft ermittelte und verurteilte die Neonazis zu Haftstrafen im Armeegefängnis in Schwedt.

Auch Freya Klier erinnert sich an diverse Erlebnisse und ein Klima, das sie am angeblichen Antifaschismus in der DDR früh zweifeln ließen.

"Ich habe das erste Mal richtig Rechtsextremismus erlebt, als ich von einer Tierärztin nach Mecklenburg eingeladen wurde zu einem LPG-Fest. Und da wurde kräftig gesoffen. Und auf einmal zog die ganze LPG, bis auf wenige Ausnahmen zur 'Schwarz-braunen Haselnuss' und dem 'Polenstädtchen' durchs Gestühl. Und da haben alle mitgemacht. Und dann hörte ich immer: 'Dich haben sie wohl vergessen zu vergasen?' Das war ein Satz, der gesagt wurde wie: 'Bist du blöd?'"

Circa 15.000 Neonazis in der DDR

Für Bernd Wagner waren die Neonazis bei der Bereitschaftspolizei der Weckruf. Seitdem sah er genauer hin, auch in die eigenen Reihen, und war einer der wenigen, die den Rechtsextremismus in der DDR nicht ignorierten, sondern wissen wollten, warum es immer mehr Neonazis mit immer mehr Anhängern gab.

"Man kann ungefähr rechnen 15.000 in der DDR zum Schluss. Zum Anfang wollten die alle erst weg nach Westdeutschland, das haben sie dann gecancelt. Ab 1985/86 sind dann Debatten aufgekommen: Wir bleiben hier und machen eine Revolution. Die haben dann angefangen, FDJ-Jugendklubs zu okkupieren. Zum Beispiel 'Kalinka' hier in Berlin, gerade rüber von der Stasizentrale Frankfurter Allee, das war Nazi-Haus."

Fackelzug der Freien Deutschen Jugend (FDJ) während der Feierlichkeiten anlässlich des 40 Jahrestages der DDR in Berlin (imago / NBL Bildarchiv)Neonazis begannen gegen Ende der DDR Jugendclubs der Freien Deutschen Jugend (FDJ) zu okkupieren (imago / NBL Bildarchiv)

Als DDR-Kriminalpolizist führte Wagner 1981 das erste Ermittlungsverfahren gegen DDR-Rechtsextreme. Eine Wehrsportgruppe hatte aus der Gedenkstätte Seelower Höhen Waffen gestohlen.

"Da stellte sich heraus, dass das eine Neonazi-Gruppe mit Anführerschaft von MfS-Kindern war."

Die Stasi-Söhne in den Seelower Höhen waren keineswegs eine Ausnahme. Kriminaloberst Wagner stellte in seinem Arbeitsumfeld immer häufiger fest, dass etliche Kinder seiner Kollegen im Innenministerium gefährlich weit rechts unterwegs waren.

Kinder von Parteifunktionären als Skinheads

"Ich hatte selbst bei mir in meiner Hauptabteilung Offiziere, Männer und Frauen, die ihre Kinder an die Skinhead-Bewegung verloren haben. Da gab es schon richtige Reibereien. Die Oberturner hier in Berlin, bei der 'Jugend 30.Januar', die haben das ganze Terrain beherrscht vom Bahnhof Lichtenberg und darüber hinaus ein Stück weit noch. Das waren zum Beispiel Eltern, Oberstleutnants des MfS, also im Ministerium beschäftigt. Also das war schon nicht ganz selten. Kinder von Parteifunktionären und so."

Die DDR hatte sowohl ein Neonazi-Problem als auch eines mit Alt-Nazis, erkannte die Buch- und Filmautorin Freya Klier, die in ihrem Umfeld von immer mehr Personen mit einer braunen Vergangenheit erfuhr. Im Gegensatz zur offiziellen Lesart:

"Alle Nazis waren im Westen und wir waren auf der Seite der sowjetischen Befreier. Dann lernte ich die ersten Freunde kennen, die mir still mitteilten, dass ihr Vater eigentlich Lehrer war und davor in der NSDAP. Der hatte es dann zu einer großen Parteikarriere in der DDR geschafft. Die Polizei wurde übernommen, also Mittelbau, Unterbau komplett. Es spielte dann schon bald keine Rolle mehr, wer was war vorher. Dann ging immer der Spruch rum: Wer Nazis war, bestimmen wir."

Rechtsextreme aus jugendlichen Subkulturen

Rechtsextreme kamen vor allem aus jugendlichen Subkulturen: Skinheads, Grufties, sogar Punks, die immer wieder selbst Ziel von Überfällen waren. Auch Fußballfans sowie ehemalige Kriminelle wanderten in Neonazi-Gruppen ab, nicht nur in Berlin.

"Leipzig, Dresden, Halle, Erfurt, Frankfurt/Oder, der Nordbereich etwas geringer. Aber im ländlichen Raum fing das auch schon an. Wir hatten ungefähr die Lage, dass von den über 200 Kreisstädten der DDR fast alle eigene Gruppen hatten."

Nach dem Überfall auf die Zionskirche in Berlin kam die DDR-Führung an dem Problem nicht mehr vorbei. Im Innenministerium erinnerte man sich an Kriminaloberst Bernd Wagner und seinen Forschungsantrag ein Jahr zuvor. Er durfte loslegen. Doch als er und Soziologen der Humboldt-Universität ein knappes Jahr später ihre ersten Ergebnisse präsentierten, war das das Ende ihrer Arbeitsgruppe. Hatten sie doch herausgefunden, dass der Rechtsextremismus hausgemacht war. Weil er toleriert, totgeschwiegen wurde und weil die DDR-Neonazis ihre eigene ideologische Basis hatten.

"Sie haben die Kommunisten als nicht ausreichend nationale Elemente empfunden, weil die mit den Russen paktiert haben. Auch Westdeutschland wurde ja als amerikanisch verstrahlt empfunden. Die Multikulturalisierung Westdeutschlands wurde heftig kritisiert und beklagt."

BKA übernimmt die gesamte DDR-Propaganda

Diese Überschneidungen verbanden die Neonazi-Szene Ost und West ideologisch, gefunden haben sie sich lange vor dem Mauerfall. Trotzdem hielten Innenministerium und Stasi an der alten These fest, dass es Neonazis nur im Kapitalismus geben konnte:

"Das hat sich in der Faschismusforschung der DDR bis zum Zusammenbruch der DDR aufrechterhalten."

Nach dem Mauerfall, davon ging Wagner aus, würde das Problem Rechtsextremismus offensiv angepackt werden. In seinem ersten, 1990 verfassten Lagebericht Ost, wies er auf die Terrorgefahr, die von der Szene ausging, hin, und erlebte ein Déjà-vu.

"Das hat keiner ernst genommen. Und da kam dann noch eine komische Sache hinzu, dass der Leiter des Referats Rechtsextremismus des Bundeskriminalamtes mir alte SED-Zeitungen vorlegte, wonach es keine DDR-Nazis gab, sondern nur Skinheads. Das BKA hat in der Lageeinschätzung Ost die gesamte DDR-Propaganda eins zu eins übernommen, die haben den ganzen Antifaschismus eins zu eins geglaubt."

Bernd Wagner hat mit seiner Ausstiegsorganisation "Exit" seit dem Jahr 2000 rund 700 Neonazis geholfen, die rechtsextreme Szene zu verlassen. Trotzdem ist die weitere Finanzierung des Projekts durch das Bundesfamilienministerium bislang ungewiss.

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