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StartseiteKalenderblattDie deutsche "Sex-Bibel"17.06.2009

Die deutsche "Sex-Bibel"

Vor 40 Jahren stellt Gesundheitsministerin Käte Strobel den Sexualkundeatlas für Schüler vor

Noch in den 1950er-Jahren war die menschliche Sexualität ein Tabuthema. In den 60ern änderte sich dies in Deutschland. Der Staat erkannte seine Informations- und Aufklärungspflicht an: Die Gesundheitsministerin Käte Strobel ließ einen Sexualkundeatlas veröffentlichen, der in konservativen Kreisen Empörung auslöste, sich in der Bevölkerung aber großer Beliebtheit erfreute.

Von Karl-Heinz Heinemann

"Wenn der Mann seiner Partnerin vollen Genuss verschaffen will, muss er dazu fähig sein, durch Liebkosungen ihre Begierde zu erwecken", so der Sexualkundeatlas. (AP)
"Wenn der Mann seiner Partnerin vollen Genuss verschaffen will, muss er dazu fähig sein, durch Liebkosungen ihre Begierde zu erwecken", so der Sexualkundeatlas. (AP)

"Meine Damen und Herren, der Bundesgesundheitsminister, Frau Käte Strobel, hat heute in Bonn der Presse einen Sexualkundeatlas zum Gebrauch vor allen Dingen für Schulen vorgestellt."

Der Bundesgesundheitsminister Frau Käte Strobel - das ging dem Rias-Reporter 1969 noch problemlos über die Lippen. Damals war nicht nur "Ministerin" ein Unwort. Noch viel unerhörter war, was die Ministerin in dem von ihr herausgegebenen 48-seitigen Sexualkundeatlas den Jugendlichen zu lesen gab:

"Wenn der Mann seiner Partnerin vollen Genuss verschaffen will, muss er dazu fähig sein, durch Liebkosungen ihre Begierde zu erwecken und allmählich bis zum Verlangen nach der Gliedeinführung zu steigern."

"Wer hätte sich vor, na, ich hätte fast gesagt vor noch einem Jahr gedacht, dass so etwas heute möglich wäre bei der sogenannten Wohlanständigkeit, die bei uns grassiert; oder sagen wir besser Verklemmtheit, der Scheu, über diese Dinge rechtzeitig mit den Kindern zu reden","

…fragte der Reporter bei der Vorstellung des Sexualkundeatlasses. 4,75 D-Mark kostete die Handreichung, die für 14- bis 15-jährige Jugendliche gedacht war. Darin erfuhren sie etwas über Eireifung und Befruchtung, Schwangerschaft und Geburt. Auch über Empfängnisverhütung, Abtreibung und Geschlechtskrankheiten klärt das Buch auf. Es enthält, was in gängigen Biologielehrbüchern fehlte: schematische Zeichnungen von Menschen, bei denen zwischen den Beinen nicht nur verwischte Linien zu sehen sind, und systematische Informationen über den Aufbau der Geschlechtsorgane.

Das für alle Jugendlichen heiße Thema Sexualität wurde heruntergekocht auf die Ebene dröger biologischer Fakten. Dafür fehlte vieles, was für pubertierende Jugendliche interessant sei, kritisierte damals der Sexualforscher und frühere SDS-Vorsitzende Reimut Reiche im "Spiegel":

""Dieser Sexualkundeatlas ist keiner. Er liefert auch nicht 'biologische Informationen zur Sexualität des Menschen', wie der Untertitel vorgibt. Zweieinhalb Zeilen über Onanie, 32 Zeilen über Geschlechtsverkehr, das ist das einzig Sexuelle an diesem Atlas."

Auf den Fotos im Atlas sind Spermien zu sehen, die eine Eizelle attackieren, und die Entwicklung eines Embryos zum Fötus. Auch eine Geburt wird gezeigt - bei dieser Gelegenheit kommt dann auch eine Scheide ins Bild. Und der einzige abgebildete Penis ist schon deutlich von Syphilis befallen.

Für die sexuelle Erregung von Jugendlichen, wie konservative Kritiker ihr vorwarfen, konnte Käte Strobel damit kaum sorgen, dafür aber umso mehr für moralische Empörung. Die CDU-Bundestagsabgeordnete Helga Wex beschwerte sich in der "Zeit":

""In einer naturalistisch kaum überbietbaren Darstellung wird der technische Vorgang der Menschenerzeugung offengelegt, ohne Einzelheiten auszusparen. Wie in einem Betrieb werden Unfallverhütungsvorschriften und -wege als Verhaltenshilfen angeboten. Wer wagt da noch an Worte wie Liebe und Zuneigung zu denken!"

Mehr als sachlich-kühle Information durfte nicht sein. Vor dem Bundesverfassungsgericht wurde über Sexualerziehung gestritten, als in den Jahren nach der Veröffentlichung des anstößigen Atlasses alle Kultusminister Sexualerziehung auf ihre Lehrpläne gesetzt hatten. Und die Karlsruher Richter bestätigten: Aufklärung kann und muss die Schule leisten, aber die Bewertung von Sexualität und Partnerschaft ist Sache der Eltern.

Jahrelang stand der Sexualkundeatlas in den "Spiegel"-Bestsellerlisten. Heute gibt es davon nur noch Archivexemplare. Doch bewirkt hat Käte Strobels Publikation einiges, meint Eckhard Schroll, der in der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung für Sexualkunde verantwortlich ist:

"Jugendliche wissen ganz genau, wie sie verhüten müssen und wann sie Sexualität leben wollen und können. Und beispielsweise in den USA ist die Teenager-Schwangerschaftsrate um das Vier- bis Fünffache höher als bei uns."

Und die HIV-Infektionsrate ist in Deutschland die niedrigste in Europa, abgesehen von Andorra. Sexuelle Aufklärung darf aber nicht bei den biologischen Fakten stehenbleiben, meint Schroll :

"Wir brauchen auch das Reden über Sexualität und die Gefühle und die Emotionen, weil nur, wenn man das versteht, wird man den Schutz und auch die Verantwortung erst übernehmen können."

Insofern ist Käte Strobels Atlas überholt, was dessen Verdienst nicht schmälert:

"Ich glaube, Käte Strobel hat wirklich wegweisend die Sexualerziehung bundesweit zum ersten Mal auf den Weg gebracht. Hier hat zum ersten Mal der Staat erkannt: Wir haben hier einen Bildungsauftrag und einen Informationsauftrag."

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