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StartseiteKommentare und Themen der WocheZeichen einer sportlichen und strukturellen Krise18.11.2020

Die DFB-Elf und das 0:6 gegen SpanienZeichen einer sportlichen und strukturellen Krise

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft hat das letzte Länderspiel des Jahres mit 0:6 gegen Spanien verloren. Bundestrainer Joachim Löw steht daraufhin in der Kritik. Aber der DFB hat mehr als nur sportliche Probleme, kommentiert Maximilian Rieger.

Von Maximilian Rieger

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Die spanische Fußballnationalmannschaft jubelt - und gewinnt am Ende im Cartuja Stadion in Sevilla mit 6:0 gegen Deutschland (dpa / Orange Pictures / DPPI)
Die spanische Fußballnationalmannschaft jubelt - und gewinnt am Ende im Cartuja Stadion in Sevilla mit 6:0 gegen Deutschland (dpa / Orange Pictures / DPPI)
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Ein Zeichen der Hoffnung. Das sollten die Länderspiele von deutschen Nationalmannschaften in der Coronazeit sein, zumindest laut Sport-Staatsekretär Stephan Mayer von der CSU. Die Länderspielreise der DFB-Elf ist nun aber ein Zeichen für die sportliche und strukturelle Krise, in der sich der Verband befindet.

Zuerst zum Sportlichen: Auch zwei Jahre nach dem WM-Vorrunden-Aus in Russland hat es Bundestrainer Joachim Löw nicht geschafft, der Mannschaft ein Konzept zu geben. Gegen schwächere Teams reicht die individuelle Klasse der Offensivspieler, aber Spitzenmannschaften wie Spanien umspielen lockerleicht die Pressingversuche der Deutschen.

Löw hat einen strategischen Fehler gemacht

Auch an der Einstellung hapert es, und auch daran trägt Löw eine Mitschuld. Schon bei der WM 2018 hatte er das Leistungsprinzip teils außer Kraft gesetzt, als er den frisch genesenen Kapitän Manuel Neuer im Tor einem Marc Andre ter Stegen in Topform vorzog. Und jetzt ignoriert Löw mit Jerome Boateng, Mats Hummels und Thomas Müller drei Spieler, die in ihrer aktuellen Form der deutschen Mannschaft sicherlich weiterhelfen würden. Durch seine kategorische Ausbootung der Drei hat Löw einen strategischen Fehler gemacht. Sollte er sie zurückholen, würde er endgültig seine Autorität verlieren – das gleiche droht aber, wenn er es nicht tut.

Bundestrainer Joachim Löw während des WM-Spiels gegen Südkorea in Kasan/Russland am 27.06.2018 (imago sportfotodienst)Bundestrainer Joachim Löw (imago sportfotodienst)

Diese sportlichen Probleme sorgen dafür, dass die DFB-Elf schon länger keine großen Emotionen mehr weckt – sei es vor Corona im Stadion oder vor dem Fernseher. Das Gefühl, das die Nationalmannschaft gerade auslöst, ist nicht Hoffnung – sondern Häme. Länderspiele sind inzwischen fast das Äquivalent zum Dschungelcamp: Man guckt es, um mitreden und lästern zu können. Oder man guckt es eben nicht, die Einschaltquoten sind weit entfernt von früheren Werten.

Von den Fans entfremdet

Auch dafür ist der DFB, insbesondere Nationalmannschaftsdirektor Oliver Bierhoff, verantwortlich. Praktisch immer, wenn der DFB vor der Alternative stand, mehr Fannähe oder mehr Kommerz, hat sich der DFB für den Kommerz entschieden. Günstige Karten für die Länderspiele gibt es hauptsächlich über den Verbands-"Fanclub Nationalmannschaft" zu kaufen. Für Werbedrehs war immer Zeit – öffentliche Trainings waren selten. Hier hat der DFB vor Corona ein wenig gegengesteuert, aber der Fan-Frust bleibt. Denn auch in der Pandemie zeigt der DFB, dass er gefangen ist in seiner Kommerz-Logik. Inzwischen ist der Verband nämlich so abhängig von den Länderspielen, dass er ohne sie in finanzielle Probleme kommen würde. Also muss gespielt werden. Obwohl die Spieler körperlich am Limit sind. Und obwohl wir alle eigentlich zu Hause bleiben sollten.

Die DFB-Elf tritt stattdessen erst gegen zwei Mannschaften an, in denen es kurz vor den Spielen mehrere Coronafälle gegeben hat. Und reist dann ins Hochrisikogebiet Spanien. Alles kein Zeichen der Hoffnung, sondern ein Zeichen, wie weit sich der DFB und die Nationalmannschaft von den Fans entfernt haben.

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